Kommentar Das Schweigen des SatirikersSeite 2/2
Doch Kästner wird verschont. Das Propagandaministerium hat erkannt, dass der Dichter von "Drei Männer im Schnee" (1934) von Nutzen sein kann. Die militärische Lage an den Fronten Europas wird immer aussichtsloser. Die Wehrmacht gerät überall in die Defensive und alliierte Bomber legen deutsche Städte in Schutt und Asche. Um die Heimatfont bei Laune zu halten produzieren die Filmstudios in Babelsberg seichte Komödien und Revuefilme. Hierfür brauchen sie Drehbuchautoren. Kästner kommt das zweifelhafte Privileg zu, zum fünfundzwanzigjährigen Bestehen der Ufa das Drehbuch für den Farbfilm "Münchhausen" zu schreiben.
Der Film feiert 1943 Premiere. Den Namen "Kästner" sucht der aufmerksame Zuschauer aber im Vorspann vergebens. Der Grund: in einer Privatvorführung hatte Hitler bereits vorab Szenen "Münchhausens" gesehen. Als er hörte, wer das Drehbuch verfasst hatte, bekam er einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle. Welch Blöße für den Diktator, wenn ein Satiriker und bekennender Moralist bei einem der prestigeträchtigsten Projekte der NS-Kulturpolitik die Feder führt!
Der Zusammenbruch des Nazi-Regimes zwei Jahre später gab Kästner die Möglichkeit, am moralischen und kulturellen Wiederaufbau Deutschlands mitzuwirken. Häuser und Infrastruktur lassen sich leicht erneuern, doch wie etabliert man in einem Land, in dem die Freiheit nie heranreifte, in dem sie "grün blieb", wie es Kästner einmal formulierte, freiheitliches Denken und demokratische Werte? Mit der Restauration der alten kleinbürgerlich-spießigen Ordnung und der Debatte über die deutsche Wiederbewaffnung in den fünfziger Jahren meldete sich auch der Satiriker Kästner erneut zu Wort. Frisch war die Erinnerung an die größte Sackgasse der deutschen Geschichte und stark das Verlangen, den Einbahnstraßen in den Köpfen mit Hohn und Spott zu begegnen. Nur den großen Roman über das Dritte Reich, den die Öffentlichkeit nach 1945 von ihm erwartet, sollte Kästner nie schreiben. Die Waffen des Satirikers sind die Karikatur und die Parodie. Jedoch werden diese Waffen stumpf, wenn sich die Wirklichkeit der Satire entzieht. Die Gräuel des Krieges, die Gaskammern von Treblinka und Auschwitz sind mit ihnen nicht darstellbar.
Um so mehr galt es, das Augenmerk auf die noch junge Bundesrepublik zu richten. In sie setzte Kästner - trotz allen berufsbedingtem Pessimismus - die Hoffnung auf ein friedliches Morgen. Denn, so Kästner, "Satiriker sind Idealisten. Im verstecktesten Winkel ihres Herzens blüht schüchtern und trotz allem Unfug der Welt die törichte, unsinnige Hoffnung, dass die Menschen vielleicht doch ein wenig, ein ganz klein wenig besser werden könnten, wenn man sie oft genug beschimpft, bittet, beleidigt und auslacht."
- Datum 15.07.2004 - 14:00 Uhr
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