ZeitgeschichteKrieg und Lügen

Watergate allein war nicht der Grund: Warum vor 30 Jahren Richard Nixon als erster und bislang einziger US-Präsident zurücktreten musste

Beratungsbedarf: Richard Nixon im Gespräch mit Außenminister Henry Kissinger im Juni 1973 in der Präsidentenmaschine auf dem Weg zu einer Nato-Konferenz in Brüssel

Foto: Bettmann/Corbis

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Wir haben es hier mit einem Gegner zu tun, der schlimmer ist als die Kommunisten. […] Wir werden es ihnen zeigen. […] Wir müssen dieser Sache nachgehen – es muss geschickt angepackt werden. Schmutzige Wäsche? O.K., aber es muss geschickt angepackt werden. […] Dafür muss jemand in den Knast gehen. Jemand muss in den Knast, so einfach ist das. […] Wir werden kämpfen müssen. […] Für diese Geschichte müssen Leute ans Messer geliefert werden. […] Hört mal, ich selbst habe schließlich mehr als genug Lügen aufgetischt. […] Ich glaube auch, dass das völlig in Ordnung ist. […] Zweitens halte ich viel von schmutzigen Tricks. Ich meine, dass man es tun muss. […] Es muss vom Weißen Haus aus gesteuert werden. Ohne erwischt zu werden.«

So klingt der Anfang vom Ende einer Präsidentschaft, protokolliert auf heimlich installierten Tonbändern des Weißen Hauses. Es sind Ausschnitte aus Aufnahmen vom 13., 15. und 30. Juni sowie vom 1. Juli und 8. Oktober des Jahres 1971. Zu hören ist Richard Nixon im Gespräch mit seinen engsten Mitarbeitern H. Robert Haldeman und John Ehrlichman und mit Sicherheitsberater Henry Kissinger. Sie diskutieren über die Pentagon-Papiere – eine geheime Studie zu den Ursprüngen und dem Verlauf des Vietnamkrieges zwischen 1961 und 1968, die der New York Times zugespielt und im Juni 1971 veröffentlicht worden war. Zu diesem Zeitpunkt ist die Tragweite des Skandals nicht abzusehen. Doch rückblickend lässt sich sagen: Damals wurde eine Dynamik in Gang gesetzt, die den Präsidenten schließlich das Amt kosten sollte.

Das Ende der Geschichte drei Jahre später ist bekannt. Am 9. August 1974 trat Richard Nixon als Präsident zurück – nicht aus freien Stücken, sondern weil die Mehrheit des Kongresses hinter einer Resolution zur Amtsenthebung stand. Dieser einmalige Vorgang in der amerikanischen Geschichte ist bis heute untrennbar mit dem Hotel Watergate in Washington, D. C., verknüpft, wo Wahlhelfer Nixons in der Nacht zum 17. Juni 1972 bei dem Versuch ertappt worden waren, in Büros der Demokratischen Partei einzubrechen. Doch war dies nur eine Lappalie, gemessen an der Kette von Skandalen, die Richard Nixons politischen Werdegang von Anfang an gesäumt hatten. Dergleichen auszusitzen, war er gewohnt.

Warum aber bekam die Affäre diese Dimensionen? Warum versagte Nixons bewährtes Krisenmanagement? Und weshalb wählte er eine selbstzerstörerische Taktik, indem er die Justiz behinderte, das Gesetz beugte, am Ende gar die Verfassung brach? Darauf eine Antwort finden zu wollen führt von der Watergate-Affäre zurück just in jenen Sommer des Jahres 1971, und es zeigt sich, dass Watergate zwar zum Anlass für den Rücktritt des Präsidenten wurde, die Gründe aber andere waren.

»Jetzt ist die Kacke am Dampfen«

Nixons Unruhe und Gereiztheit nach der Publikation der Pentagon-Papiere am 13. Juni 1971 erscheint zunächst rätselhaft. Schließlich berührten diese Texte seine Amtsführung nicht unmittelbar (er war 1969 Präsident geworden) – sie handelten ausschließlich von den Versäumnissen und Fehlern der Vorgänger John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson. Aber jenseits dessen offenbarten die Dokumente ein Muster amerikanischer Kriegspolitik in Vietnam: Der Gang in den Krieg und alle darauf folgenden Entscheidungen waren mit Lügen legitimiert und die Zustimmung der Öffentlichkeit mit vorsätzlicher Täuschung erwirkt worden. Deshalb musste der Präsident befürchten, dass als Nächstes auch Interna aus seiner Regierungszeit an die Presse gelangen könnten – und zwar Beweise, wie er unter Missachtung aller vor der Wahl gegebenen Versprechen den Bombenkrieg in Indochina ausgeweitet und eine weitere Eskalation ins Auge gefasst hatte.

Die Tonbandaufnahmen des Jahres 1971 sprechen eine klare Sprache. H. R. Haldeman: »Die wollen uns drankriegen.« Richard Nixon: »Warum, weil wir Eskalationspläne haben?« Haldeman: »Vielleicht auch, weil wir den Leuten nicht sagen, was wir eigentlich machen.« – Henry Kissinger: »Was ich, ehrlich gesagt, nie bedacht habe, war, wie weit diese Bastarde gehen würden. […] Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass Dokumente der Regierung in Massen gestohlen werden würden. […] Aber die wirklich heiße Ware – darauf hat keiner Zugriff.« Nixon: »Stimmt. Haltet die heiße Ware unter Verschluss. […] Sie haben doch Ihren Kram gut unter Verschluss, oder? […] Ich sage nur, dass wir auf Nummer sicher gehen sollen.« Kissinger: »Mr. President, es gibt einen einfachen Grund, warum Sie so hart sein müssen: Wenn nämlich die New York Times mit dieser Geschichte durchkommt, dann werden diese Kerle mit Ihnen nächstes Jahr das gleiche Spielchen treiben. Die werden während des Wahlkampfes ganze Aktenschränke voller Material an die Öffentlichkeit bringen[…].« Nixon: »Eben. Und sie werden alles über Menue herauskriegen.«

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