Die EU-Wettbewerbsbehörde ist daran gescheitert, die Folgen einer Fusion von Bertelsmann Music Group (BMG) und SonyMusic angemessen zu bewerten. Sie verirrten sich auf einem Nebenkriegsschauplatz und versuchten nachzuweisen, dass die großen Konzerne seit langem die CD-Preise koordinieren und diese gemeinsame Dominanz durch die Fusion noch zunimmt. So steht es in den Unterlagen der Kommission. Doch BMG und Sony konnten offenbar überzeugend darlegen, dass in Zeiten schrumpfender Umsätze und sinkender CD-Preise jeder für sich kämpft. Dabei stützten sie sich auf die Analysen mehrerer Ökonomen.

Folgerichtig musste die EU das Vorhaben genehmigen. Wenn nun noch die US-Wettbewerbshüter zustimmen, womit alle Beteiligten rechnen, werden vier statt fünf Konzerne den CD-Markt beherrschen. Diese Konzentration wird vor allem das Geschäft mit Hits und Mainstream-Pop nachhaltig verändern – zulasten von Verbrauchern und Musikern.

Denn natürlich wird die Fusion gravierende Folgen haben, nur werden es andere sein, als die Wettbewerbshüter vermuteten.

Die Fusion lenkt den Blick auf die ernüchternde Wirklichkeit des Musikmarktes: Mit dem Geld aus dem Hit-Geschäft haben die großen Plattenfirmen seit Jahrzehnten kleinere, aber kreativere Konkurrenten aufgekauft. So ergänzten und sicherten sie ihren Nachschub an nationalen und internationalen Stars, der wiederum nötig war, um die nächsten Talentschmieden zu übernehmen. Aus eigener kreativer Arbeit hätte keiner der heute dominierenden Konzerne seine Stellung in den vergangenen dreißig Jahren erobern und dauerhaft halten können.

Tausende von Mitarbeitern mussten erleben, wie sehr die Musikkonzerne auf diesem Zyklus ausgerichtet sind. Sie wurden in den vergangenen Jahren entlassen, weil die Fangemeinde vieler Künstler deutlich kleiner wurde als die von Alicia Keys oder Herbert Grönemeyer und die Unternehmen dadurch regelmäßig in die Verlustzone stürzten. Die Struktur der im Fachjargon so genannten Majors taugt nur fürs Massengeschäft.

Auslöser scheint zunächst das Internet zu sein, weil die Branche parallel zum Erfolg der Tauschbörsen mehrere Milliarden Euro Umsatz eingebüßt hat. Doch das ist es nicht allein. Der Tausch verschärft lediglich einen Trend, der den Majors seit langem zu schaffen macht: Die Musikwelt ist heute mehr denn je eine Nischenwelt. Darin finden die einen ihre Country-Sänger, die Nächsten ihre melancholischen Singer-Songwriter und die dritten ihre Club-DJs, die auf der Grenze zwischen künstlerischem Schaffen und schlichtem Plattenauflegen wandeln. Die jeweiligen Fangemeinden oder – um es anders zu sagen – die Märkte sind eher klein, und den Majors ist es nicht gelungen, in all diesen Teilmärkten eine dominierende Stellung zu erringen, was sich auch in den Statistiken der weltweiten CD-Verkäufe niederschlägt. Hatten Plattenfirmen, die nicht an den Großen hängen, nach Angaben der Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter im ersten Halbjahr 2000 noch einen Marktanteil von 17 Prozent, so liegt dieser nach aktuellen Zahlen bei 25 Prozent.

Deshalb richtet sich alle Strategie der Majors darauf, diese Vielzahl von Nischen, wenn man sie schon nicht beherrschen kann, so doch möglichst klein zu halten und an den Rand zu drücken.