Schule Coole Klassiker
Schillers »Tell« und Goethes »Götz«, gekürzt und in modernes Deutsch gebracht – so will ein Verlag Schüler für Literatur begeistern. Germanisten sind entsetzt
Der Jude Aaron ist tot. Ermordet durch einen Schlag gegen die Schläfe, dann unweit einer Buche verscharrt. Nun wollen einige Juden die Buche kaufen und sprechen beim Gutsherrn vor. Ob sie die Buche fällen wollten, fragt der Gutsherr. Die Juden antworten: »Nein, Ihro Gnaden, sie muss stehen bleiben.« Die Handlung spielt in Westfalen, mitten im 18. Jahrhundert, und in der Sprache klingt das mit. Doch plötzlich hört sich der Gutsherr an wie der Oberassistent einer forstwissenschaftlichen Fakultät in den siebziger Jahren: »Aber, wenn ich nun den Wald abholzen lasse, dann schadet die Buche dem nachwachsenden Gehölz.«
Dieser Stilbruch ist Absicht: Annette von Droste-Hülshoff hatte in ihrer 1842 erschienenen Judenbuche den Gutsherrn noch ganz anders sprechen lassen: »Aber wenn ich nun den Wald hauen lasse, so schadet es dem jungen Aufschlag.« Der Cornelsen-Verlag, sonst für anspruchsvolle Unterrichtswerke bekannt, hat die Dichterin verbessert und ihre Sprache reformiert: Der Verlag hat die Erzählung der Droste »dem modernen Deutsch angepasst« und »angemessen gekürzt« – genauso wie vier andere Werke in der neuen, erfolgreichen Schulbuchreihe …einfach klassisch: Schillers Tell wie Goethes Götz , den Schimmelreiter von Theodor Storm wie Kleider machen Leute von Gottfried Keller.
Diese Klassiker haben nun einiges gemein: Der Text ist zusammengestrichen, der Wortlaut umgeschrieben, viele Passagen sind durch kleine Inhaltsangaben ersetzt, sogar ergänzt durch Infokästen im Stil der Nachrichtenillustrierten Focus.
Solches Lektüre-Fast-Food macht Deutschlehrer und Germanisten wütend. »Das ist im System eine Schweinerei und in Einzelheiten schlampig«, schimpft der Wuppertaler Germanistik-Emeritus Heinz Rölleke. »Unterforderungs-Didaktik« beklagt Almut Hoppe vom Deutschen Germanistenverband. »Kulturfrevel«, heißt es in den von Hoppe edierten Mitteilungen ihres Vereins.
Die Germanisten beklagen, dass der Verlag versucht, vermeintlich verstaubtes Deutsch verständlicher zu machen. Aus dem Satz »Wie ich sie sah, wollt mir’s nicht bänger werden« in Goethes Götz wird: »Als ich sie sah, hatte ich nicht mehr Angst.« Aus dem Satz »Der Handel ward geschlossen« in der Judenbuche machte der Verlag ein geschäftsmäßiges »Das Geschäft wurde abgeschlossen«, statt »mancher Hektische« schreibt der Verlag »mancher Tbc-Kranke«. In Theodor Storms Schimmelreiter heißt es nicht mehr: »Die tote Katze musste ihm doch im Kopfe Wirrsal machen«, sondern: »Die tote Katze musste ihn doch beunruhigen.«
»Entsetzlich«, graust sich der Germanist Heinz Rölleke; der Verlag habe bei Dramen »das Versmaß verhunzt«, die Werke zu »Inhaltsangaben mit den Worten der Schriftsteller« gemacht, sakrosankte Kunstwerke zerstört. »Man kann doch auch der Mona Lisa nicht die Nase und den Oberarm abschneiden, damit man sie leichter rezipieren kann«, sagt er. Lehrern, die die Light-Versionen im Unterricht einsetzen, wirft Rölleke »Faulheit und schlechte Ausbildung« vor. »Denen fehlt der pädagogische Eros, einen Klassiker spannend zu machen.«
Dabei will es der Cornelsen-Verlag (Eigenwerbung: »Wir wollen die Zukunft der Bildung mitgestalten«) doch mit Schülern und Lehrern nur gut gemeint haben. »Goethe ist nicht nur etwas für Auserwählte«, sagt Eleonore Kunz, Redaktionsleiterin Deutsch beim Cornelsen-Verlag. Seit Jahren träten Lehrer von Haupt- und Realschulen an den Verlag heran, sagten, sie läsen mit ihren Schülern keine Klassiker mehr. Vielen Schülern fehle elementarer Wortschatz, in der Deutschstunde gehe es häufig zu »wie im Fremdsprachenunterricht«. Da solle die neue Version »Lust aufs Original machen« und Klassiker an »eine breitere Schülerschaft herantragen«. Dennoch sieht Kunz kritisch, dass ihr Verlag die Werke eingedampft hat: »Das ist eine zwiespältige Sache, der Vorwurf der Bedeutungsverarmung trifft unbestritten zu.«
Schwerer als Bedeutungsverarmung jedoch wiegt offenbar die Besitzstandsvermehrung: Zwar ist …einfach klassisch für Cornelsen kein Riesengeschäft, doch die Bücher verkaufen sich gut, sind teils schon zweimal nachgedruckt; die Reihe wird im kommenden Jahr fortgesetzt. Der Bearbeiter Diethard Lübke, ein pensionierter Studiendirektor aus Meppen, feilt schon an seiner nächsten Übersetzung: Kabale und Liebe. »Man kann Kabale und Liebe in den Mülleimer schmeißen, oder man kann den Text den Schülern nahe bringen«, sagt Lübke, »und ich möchte, dass die Schüler Schiller gut finden.« Lübke, der schon 150 Schulbücher verfasst hat, lässt sich von zwei Schülern die Originalklassiker vorlesen – wenn sie stocken, etwas nicht verstehen, markiert er die Stellen. Lübke streicht Passagen, die er unwichtig findet, schwere, gar altmodische Wörter übersetzt er in das, was er für heutiges Deutsch hält. Kritik an seinem Vorgehen lässt Lübke nicht gelten: »Man kann sich doch nicht über jeden ärgern, der da Pupser loslässt.«
Ein zwölfseitiges Gutachten Freiburger Germanisten ist allerdings mehr als heißer Darmwind. »Die Fälle, in denen die Bearbeitung in den Cornelsen-Bänden willkürlich, unangemessen oder falsch ist, sind Legion«, heißt es in dem Papier, das in den Mitteilungen des Germanistenverbandes erschienen ist. Und weiter: »Hier muss man fragen, ob das Ziel des Deutschunterrichts, das sprachliche Vermögen zu fördern, nicht aufgegeben wird.«
»Unmöglich und pietätlos«, sagt ein Deutschlehrer einer Gesamtschule
Die Kieler Gymnasiallehrerin Almut Hoppe, Chefin des Lehrerzweigs im Germanistenverband, sieht hinter dem Erfolg der neuen Buchreihe »einen tiefer liegenden Trend der Schonpädagogik«. Schüler würden »verwöhnt und gepäppelt, dabei ist Lernen auch etwas Anstrengendes«. Sie selbst rät Lehrern davon ab, die Einfachklassiker lesen zu lassen – wenn Schüler sich durch einen schwierigen Text durcharbeiten müssten, die Sprache vergangener Zeiten verstehen lernten, könnten sie sich für in die Jahre gekommene Literatur begeistern.
Doch auch wenn bei Cornelsen begeisterte Briefe von Haupt- und Realschullehrern eingegangen sind: Selbst unter ihnen regt sich Widerstand gegen die Reform-Klassiker. »Ich finde es unmöglich und pietätlos, den Schülern einen vereinfachten Rest anzubieten«, sagt etwa der Kasseler Deutschlehrer Carsten Schwoon, 51. Er hat lange Jahre an einer Gesamtschule in einem sozialen Brennpunkt unterrichtet; selbst dort hätten die Realschüler der siebten Klasse Kleider machen Leute »ohne größere Probleme« verstanden. Er habe allerdings vieles erklären müssen. »Die Light-Ausgaben verändern aber die Schwelle zwischen Lesen und Nichtlesen nicht, sondern sind nur populistisch und hilflos.«
Der Reclam-Verlag in Stuttgart setzt auf Pädagogen wie Schwoon. »Nur bequeme Lehrer springen auf bearbeitete Versionen«, sagt Reclam-Geschäftsführer Frank Rainer Max, »diese Bearbeitungen sind aber kein zulässiger Weg bei sprachlichen Kunstwerken.« Reclam ist nach eigenen Angaben mit seinen gelben Taschenbüchern Marktführer bei den Klassikern; bei ihnen ist die Rechtschreibung angepasst, »kayserlich« wird etwa durch »kaiserlich« ersetzt, »Antheil« durch »Anteil«. Darüber hinaus seien die Ausgaben unverändert, berichtet Max. Ob Reclam eine vereinfachte Version veröffentlichen würde? »Niemals!«
Vielleicht kommen an den Schulen aber bald Ultralight-Versionen von Klassikern zum Einsatz: die kladdrigen Bücher aus der Reihe klassik modern des Verlags moderne zeiten. Zwei ehemalige Redakteure der Bild- Zeitung schreiben Goethe, Schiller und Shakespeare auf Groschenroman-Niveau herunter. Schillers Drama Die Räuber ist nun ein Roman mit Comic-Sprache: »›Oh, Gott! Nein.‹ – ›Wie bitte?‹ – ›Ach, äh… nein‹«, lassen die Ex -Bild- Leute ihre Protagonisten stammeln. Und bei Romeo und Julia heißt es nun nicht mehr: »Ihr Narren, fort!«, sondern »Hört mit dem Blödsinn auf!« Im Gegensatz zu Cornelsen sagt der Herausgeber Jochen Dersch, selbst Germanist und früher Ressortleiter der Bild- Zeitung in Berlin, deutlich: »Wir wollen unterhalten.«
Doch diese Unterhaltung kommt offenbar auch in den Schulen gut an. Dersch berichtet, dass die Bücher auffällig oft in ganzen Klassensätzen bestellt werden – die Räuber haben sich etwa schon 10.000-mal zum Stückpreis von 2,90 Euro verkauft. »Viele Schüler sagen: ›Ich ziehe mir das Ding in anderthalb Stunden rein und verstehe, um was es geht‹«, berichtet Dersch und findet das besser, als wenn Schüler gar keine Klassiker mehr läsen. »Wir machen Lust aufs Original«, sagt Dersch und gebraucht damit dieselben Worte wie der Cornelsen-Verlag, »dafür gebührt uns großes Verdienst.« In den kommenden Wochen soll nun Faust als Groschenroman erscheinen. Vom Erfolg seiner Buchreihe ist Jochen Dersch überzeugt: »In fünf Jahren werden unsere Bücher Schulbuchlektüren sein.«
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







