Schule Coole KlassikerSeite 2/2

Ein zwölfseitiges Gutachten Freiburger Germanisten ist allerdings mehr als heißer Darmwind. »Die Fälle, in denen die Bearbeitung in den Cornelsen-Bänden willkürlich, unangemessen oder falsch ist, sind Legion«, heißt es in dem Papier, das in den Mitteilungen des Germanistenverbandes erschienen ist. Und weiter: »Hier muss man fragen, ob das Ziel des Deutschunterrichts, das sprachliche Vermögen zu fördern, nicht aufgegeben wird.«

»Unmöglich und pietätlos«, sagt ein Deutschlehrer einer Gesamtschule

Die Kieler Gymnasiallehrerin Almut Hoppe, Chefin des Lehrerzweigs im Germanistenverband, sieht hinter dem Erfolg der neuen Buchreihe »einen tiefer liegenden Trend der Schonpädagogik«. Schüler würden »verwöhnt und gepäppelt, dabei ist Lernen auch etwas Anstrengendes«. Sie selbst rät Lehrern davon ab, die Einfachklassiker lesen zu lassen – wenn Schüler sich durch einen schwierigen Text durcharbeiten müssten, die Sprache vergangener Zeiten verstehen lernten, könnten sie sich für in die Jahre gekommene Literatur begeistern.

Doch auch wenn bei Cornelsen begeisterte Briefe von Haupt- und Realschullehrern eingegangen sind: Selbst unter ihnen regt sich Widerstand gegen die Reform-Klassiker. »Ich finde es unmöglich und pietätlos, den Schülern einen vereinfachten Rest anzubieten«, sagt etwa der Kasseler Deutschlehrer Carsten Schwoon, 51. Er hat lange Jahre an einer Gesamtschule in einem sozialen Brennpunkt unterrichtet; selbst dort hätten die Realschüler der siebten Klasse Kleider machen Leute »ohne größere Probleme« verstanden. Er habe allerdings vieles erklären müssen. »Die Light-Ausgaben verändern aber die Schwelle zwischen Lesen und Nichtlesen nicht, sondern sind nur populistisch und hilflos.«

Der Reclam-Verlag in Stuttgart setzt auf Pädagogen wie Schwoon. »Nur bequeme Lehrer springen auf bearbeitete Versionen«, sagt Reclam-Geschäftsführer Frank Rainer Max, »diese Bearbeitungen sind aber kein zulässiger Weg bei sprachlichen Kunstwerken.« Reclam ist nach eigenen Angaben mit seinen gelben Taschenbüchern Marktführer bei den Klassikern; bei ihnen ist die Rechtschreibung angepasst, »kayserlich« wird etwa durch »kaiserlich« ersetzt, »Antheil« durch »Anteil«. Darüber hinaus seien die Ausgaben unverändert, berichtet Max. Ob Reclam eine vereinfachte Version veröffentlichen würde? »Niemals!«

Vielleicht kommen an den Schulen aber bald Ultralight-Versionen von Klassikern zum Einsatz: die kladdrigen Bücher aus der Reihe klassik modern des Verlags moderne zeiten. Zwei ehemalige Redakteure der Bild- Zeitung schreiben Goethe, Schiller und Shakespeare auf Groschenroman-Niveau herunter. Schillers Drama Die Räuber ist nun ein Roman mit Comic-Sprache: »›Oh, Gott! Nein.‹ – ›Wie bitte?‹ – ›Ach, äh… nein‹«, lassen die Ex -Bild- Leute ihre Protagonisten stammeln. Und bei Romeo und Julia heißt es nun nicht mehr: »Ihr Narren, fort!«, sondern »Hört mit dem Blödsinn auf!« Im Gegensatz zu Cornelsen sagt der Herausgeber Jochen Dersch, selbst Germanist und früher Ressortleiter der Bild- Zeitung in Berlin, deutlich: »Wir wollen unterhalten.«

Doch diese Unterhaltung kommt offenbar auch in den Schulen gut an. Dersch berichtet, dass die Bücher auffällig oft in ganzen Klassensätzen bestellt werden – die Räuber haben sich etwa schon 10.000-mal zum Stückpreis von 2,90 Euro verkauft. »Viele Schüler sagen: ›Ich ziehe mir das Ding in anderthalb Stunden rein und verstehe, um was es geht‹«, berichtet Dersch und findet das besser, als wenn Schüler gar keine Klassiker mehr läsen. »Wir machen Lust aufs Original«, sagt Dersch und gebraucht damit dieselben Worte wie der Cornelsen-Verlag, »dafür gebührt uns großes Verdienst.« In den kommenden Wochen soll nun Faust als Groschenroman erscheinen. Vom Erfolg seiner Buchreihe ist Jochen Dersch überzeugt: »In fünf Jahren werden unsere Bücher Schulbuchlektüren sein.«

 
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