Über Deutschlands Zukunft sind düstere Prognosen im Umlauf. Jüngst erst hat der britische Historiker Niall Ferguson einen Rückgang der ethnisch deutschen Bevölkerung um 18 Prozent bis zur Mitte des Jahrhunderts vorausgesagt. Eines der in Deutschland am meisten verkauften Bücher der vergangenen Monate war Gabor Steingarts Der Abstieg eines Superstars. Darin erklärt der Autor den Zusammenbruch der deutschen Volkswirtschaft innerhalb von zwei Jahren für unausweichlich, sollten im Land der kürzesten Arbeitswoche, der längsten Ferien, der großzügigsten Renten und höchsten Steuern nicht äußerst unpopuläre und seit langem aufgeschobene Reformen in die Tat umgesetzt werden.

Die bevorstehenden demografischen und ökonomischen Krisen werden, wie man liest, verschärft durch die Bedrohung, die der Islam für die kulturelle Einheitlichkeit Deutschlands bedeutet. Mehr als 2500 Moscheen sind heute über Deutschlands Städte verteilt; ein Drittel der Einwohner von Frankfurt am Main sind muslimische Türken. Dem Bundesverfassungsschutz zufolge streben die meisten Muslime nicht die Assimilation in die Gesellschaft nach den Prinzipien des Grundgesetzes an, sondern eine Parallelgesellschaft nach islamischem Recht.

Es ist erst 15 Jahre her, dass Deutschland als eine der jüngsten und perspektivreichsten Demokratien der Welt wiedergeboren wurde – eine Nation voller Hoffnung und Euphorie. Soll das etwa schon vorbei sein?

Ein Blick in die Geschichte mag helfen. Viele Menschen betrachten Deutschlands 2000-jährige Geschichte freilich allein unter aktuellen Gesichtspunkten – nämlich als Vor- und Nachgeschichte der dreißiger und vierziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Das ist verständlich, doch dieser Ansatz wird der Vergangenheit vor dem 20. Jahrhundert nicht gerecht. Und er verweigert jüngeren Generationen von Deutschen die Chance, aus der Geschichte ihres Landes jenes Maß an Selbstbewusstsein und Hoffnung zu ziehen, das die Jugend jeder Nation braucht.

Glücklicherweise scheint die Besessenheit abzuklingen, mit der man in der Nachkriegszeit den "schlechten Deutschen" zum Gegenstand der Forschung machte. Das ist nicht zuletzt eine Folge von Studien, die neben der Geschichte deutscher Barbarei die Geschichte deutscher Zivilität betonen. Ihre Absicht besteht darin, einen Hauptstrom der deutschen Geschichte wieder zu entdecken, der in der thematisch eng gefassten Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit entweder verloren gegangen ist oder verdreht dargestellt wurde. Dem Selbstbild der Deutschen wie auch ihrer Fähigkeit, sich in der Gegenwart zurechtzufinden, hat dies nicht gut getan.

Deshalb identifiziere ich mich mit jenen Deutschen, die ihr Land seit 1949 und vor allem seit der deutschen Wiedervereinigung von 1990 im Lichte der besseren Aspekte ihrer Geschichte erneuert haben. Ein amerikanisch-deutscher Film über das Leben Martin Luthers etwa stellt den berühmten Reformator nicht als Antisemiten und Vorbereiter des Holocaust dar, sondern als "Rebellen, Genie und Befreier". Und als den Mann, der moderne Religionsfreiheit und Pluralismus durchzusetzen half. Dass die Deutschen heute auf diese neue Weise Anspruch auf die eigene Geschichte erheben, hat einen einfachen Grund: Keine Nation von Bedeutung kann ihre Angelegenheiten regeln, wenn sie ausschließlich in Sack und Asche geht. Wie der erfolgreiche deutsche Film Lola rennt veranschaulicht, mag das Leben eines Menschen oder einer Nation rundum schief gehen – und dennoch können beide darum kämpfen, jenes Gute zurückzuerobern, das ihnen verloren gegangen ist.

Seit ihrer frühesten Geschichte sind die Deutschen ein neugieriges, offenes und besonders effizientes Volk gewesen. Im 4. und 5. Jahrhundert überwältigten barbarische Stämme germanischer und anderer Herkunft das Römische Imperium. Dieselben Stämme aber waren es, die jüdisch-christliche Religionen, griechisch-römische Sprachen, Rechts- und Regierungssysteme übernahmen. Das Ergebnis war jene Verschmelzung von Kulturen, die wir als westeuropäische Zivilisation bezeichnen. Schon in der späten Antike wurden die Deutschen zu dem, was viele Deutsche heute so gerne sein möchten: ein vielschichtiges, gemischtes Volk, das sich immer wieder die mutmaßlich besten Eigenschaften anderer Völker und Kulturen anverwandelte.