Amerikas berühmtester politischer Satiriker, der deutsch-amerikanische Journalist H. L. Mencken aus Baltimore, sagte es einst voraus: "Eines großen und glorreichen Tages geht endlich der Herzenswunsch der einfachen Leute des Landes in Erfüllung, und ein kompletter Schwachkopf sitzt im Weißen Haus." Natürlich zielte Menckens böses Wort auf die mittelmäßigen Politiker der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, aber es ist das Washington der Gegenwart, auf das seine morbide Prophezeiung am besten zuzutreffen scheint. In Fahrenheit 9/11 jedenfalls untersucht Michael Moore, der Mencken sowohl im Körperumfang wie in der rabiaten Sprache nicht nachsteht, welche tragischen Konsequenzen es für die "einfachen Leute" sowohl in Amerika wie im Irak hat, dass jener "große und glorreiche Tag" nun endlich angebrochen ist.

Mit Hilfe von außerordentlichem Bildmaterial, wie es die meisten Amerikaner noch nie gesehen haben, erhebt Moore schonungslos Anklage gegen den 43. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Für ihn ist George W. Bush eine groteske, vertrottelte Marionette – an die Macht gelangt durch ein Komplott, regierend mit den Mitteln der Täuschung und der Angst. Der Film endet mit der Anrufung George Orwells und der Warnung, zukünftige Generationen würden niemals die Lügen des George Bush vergeben, aufgrund deren amerikanische Soldaten im Irak in den Tod geschickt wurden.

Das ist Majestätsbeleidigung in ziemlich großem Stil. Kein amtierender amerikanischer Präsident ist jemals in einem Film so frontal angegriffen worden. Es überrascht nicht, dass Michael Moores Kritiker, angeführt vom ehemals linken Schriftsteller und jetzigen Kriegsbefürworter Christopher Hitchens, lautstarken Protest gegen Moores "billigen Spott", gegen seine "Paranoia", seine "Einseitigkeit" und seine "schlichten Lügen" erhoben haben. Hitchens schreckt nicht davor zurück, Moore ("einer der großen sinkenden Ballons unserer trostlosen, mittelmäßigen, verrotteten Promikultur") zum Duell herauszufordern: "Jederzeit, Michael, mein Junge… in jeder Sendung, an jedem Ort, auf jedem Podium. Lass sehen, was du drauf hast." Vernünftigerweise hat Moore dieses Macho-Gerede einfach ignoriert.

Das Blut und der Dreck des Krieges – und der zensierte Schmerz

Selbst führende Vertreter der Demokratischen Partei (von Moore attackiert wegen ihrer kleinmütigen Hinnahme von Patriot Act und Irak-Krieg) sind angesichts des Anti-Bush-Extremismus des Films zurückgeschreckt. Für die ängstlichen Chefs des Disney-Konzerns, üblicherweise wichtige Unterstützer der Demokratischen Partei, war die Ware Fahrenheit 9/11 zu heiß; als Verleiher agieren wollte Disney lieber nicht. Die offiziellen Filmprüfer wiederum haben den Streifen mit dem Prädikat restricted versehen, "nicht jugendfrei" – vermutlich zum Schutz kleiner Kinder vor den schockierenden Bildern eines moralisch entkleideten Präsidenten. Wie zu erwarten, haben die Hysterie der Verleiher und die klobigen Zensurversuche dem Film erst so richtig Auftrieb gegeben. Bereits eine Woche nach seiner Premiere in den Kinos war Fahrenheit 9/11 der kommerziell erfolgreichste Dokumentarfilm in der amerikanischen Geschichte.

Während die langen Schlangen der Moore-Fans die Multiplexe des Landes belagern, hat sich die Debatte den Gründen für die Beliebtheit des Films zugewandt. Und es geht um die Frage, welchen Einfluss er auf die Wahlen im kommenden November haben wird. Die New York Times hat faszinierende Landkarten veröffentlicht, die zeigen, in welchen Regionen Fahrenheit 9/11 und Mel Gibsons fundamentalistischer Sensationsfilm Die Passion Christi jeweils die meisten Besucher haben. Abgesehen von einem einzigen Kino am New Yorker Times Square, weisen die beiden Filme eine vollständig inverse Beliebtheitsgeografie auf: Moore liegt in den Universitätsstädten sowie den Metropolen an Ost- und Westküste vorn, Gibson erobert den suburbanen Süden und den Bibelgürtel im Landesinneren. Die Landkarten hätten also ebenso gut die Ergebnisse einer Umfrage zu Homo-Ehe oder Waffenbesitz wiedergeben können. Folgerichtig hat sie die New York Times als weiteren Beleg für die These gedeutet, die USA seien hoffnungslos gespalten: zwischen "blauen" Bundesstaaten, in denen die Demokraten dominieren, und "roten" Bundesstaaten, in denen die Republikaner die Nase weit vorn haben. Moore und Gibson erreichten demnach jeweils nur die ohnehin Überzeugten.

Ich lebe in San Diego. Mit ihren ausufernden Militäranlagen und ihren konservativen Vororten ist die Stadt der geradezu klassische Fall einer "roten" Stadt. Umso interessanter erschien es mir, gerade hier die Reaktionen eines Fahrenheit- Publikums von der anderen Seite der großen Trennlinie zu beobachten.

An einem schwülen Abend macht uns vor der Kasse eines Kinos in der Innenstadt Wartende zunächst eine Gruppe von Marinerekruten an – nicht einmal unfreundlich: "Hey, verschwendet euer Geld doch nicht für diesen linken Quatsch!" Doch das kann die in großer Zahl erschienenen Besucher nicht erschüttern. Zu ihnen zählen mehrere Seeleute, viele junge Schwarze und eine entschlossene Clique sehr muskulöser Männer mit kurz geschorenen Haaren. Ihre T-Shirts weisen sie als Mitglieder der Berufsfeuerwehr von San Diego aus.