Kino Die Feldzüge des ProletenSeite 3/3

Am aufschlussreichsten wird der Film jedoch, wenn uns Moore zwingt, unseren Kaiser ohne seine Kleider zu betrachten. In San Diego zumindest galt die hörbarste und verquälteste Zuschauerreaktion (»Aghh!« und »Oh, my God!«) jenen Bildern, die die erstaunliche geistige Lähmung des Präsidenten zeigen, nachdem dieser am 11. September 2001 von einem Mitarbeiter erfahren hat, dass gerade ein zweites Flugzeug im World Trade Center eingeschlagen ist. Bush ist an diesem Tag zu Gast in einem Kindergarten in Florida, wo eine Fernsehkamera gnadenlos die leere Angst im Gesicht des Präsidenten aufzeichnet, der fast sieben Minuten lang linkisch dasitzt und sich an einem Kinderbuch mit dem Titel My Pet Goat (»Meine liebste Ziege«) festhält. Bushs Gesicht ist das eines kleinen, verstörten Jungen, der im Gedränge die Hand der Mutter verloren hat und sich nun auch selbst zu verlieren droht (genauso wie sich Bush später im Film geradezu auflöst, als er an dem Versuch scheitert, einen einfachen Witz zu erzählen).

In seiner Tirade gegen Moore räumt zwar selbst Christopher Hitchens ein, dass Bush »geschockt und kläglich« ausgesehen habe. Aber, so gibt er zu bedenken, wenn sich der Präsident »wie Russell Crowe gebärdet hätte, vom Stuhl aufgesprungen und an die Arbeit gegangen wäre«, dann hätte ihn die Linke als kriegslüsternen Fanatiker verdammt. Vielleicht. Und doch bleibt es bei der Wahrnehmung, dass für George W. Bush gilt, was Gertrude Stein einst über die Stadt Oakland sagte: »There is no ›there‹ there« – »Es gibt dort kein dort «. Das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, der mächtigste Posten der Welt, ist anscheinend auf die Größe von Bushs kleinen, nagetierhaften Pupillen zusammengeschrumpft.

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Dass er einem Kinopublikum in San Diego zu diesem Augenblick der Wahrheit verhilft, ist Michael Moores Triumph – ein Triumph freilich, der auch mit mehr rhetorischer Ökonomie hätte erreicht werden können. Fahrenheit 9/11 ist weniger ausufernd, dafür schlüssiger als Moores frühere Werke. Doch auch diesen Film kennzeichnet sein grober, fast cartoonhafter Schnitt. Moore brüllt das Publikum mit seinen Pointen an, als wäre es taub. Zugleich ist er überraschend ungeschickt darin, die Punkte in seinem Malbuch richtig miteinander zu verbinden. Wie etliche Kritiker hervorgehoben haben, verwickelt sich Moore bei seinem Versuch, die geheimen Verbindungen zwischen der Bush-Dynastie, der Familie bin Laden, dem Halliburton-Konzern und anderen Eliten zu enthüllen, gleich serienweise in logische und faktische Widersprüche.

Der Hang zur Verschwörungstheorie ist immer die Ursünde der populistischen Tradition in Amerika gewesen, in die sich Moore einreiht. Dabei hängt er einer besonders trivialen Variante des Glaubens an, der Bush-Clan habe Amerika der Silberlinge wegen an die Saudis verraten – eine Erzählung, die unter anderem nicht den Aufstieg der virulent antisaudischen, Likud-freundlichen Neokonservativen in der gegenwärtigen amerikanischen Regierung erklären kann.

Anders gesagt: Es ist schade, dass Michael Moore kein so subtiler Dialektiker ist wie der großartige Marcel Ophüls (Das Haus nebenan) und kein so disziplinierter Dokumentarist wie Jehane Noujaim, der Regisseur von The Control Room. Aber Moore ist, was er ist: ein einzigartiges amerikanisches Phänomen – ein Drittel Mencken, ein Drittel Orson Welles und ein Drittel Prolet aus Flint, Michigan. Seit Fahrenheit 9/11 ist dieser Michael Moore eine weit größere Gefahr für das neue amerikanische Imperium als John Kerry.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr

 
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