mobilfunkGroßes Geld mit kurzen Nummern

Flirts per SMS: Jugendliche tippen sich reihenweise in die Schuldenfalle von Jan Hildebrand

Franzi will wissen, ob es beim ersten Mal wirklich wehtut. Und auch Janine gibt sich freizügig: "Endlich 18! Bin für jeden Spaß zu haben." Bunt leuchten die Flirt-Offerten im Videotext des Musiksenders Viva. Sie werben für SMS-Chats – heiße Dialoge per Handy-Kurzmitteilung. "SMS mir, Mann, weil isch habe Bock."

Auch der 14-jährige Florian* aus der Nähe von Nürnberg wollte eines der kecken Mädels kennen lernen und schickte einige SMS an die angegebene Nummer. Als eine Rechnung über 50 Euro kam, musste er seiner Mutter den SMS-Chat beichten.

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Wer Flirt-SMS an fünfstellige Kurzwahlnummern sendet, kann sich fast immer auf hohe Handyrechnungen gefasst machen: Bei diesen Diensten kosten die so genannten Premium-SMS meist 1,99 Euro. Teilweise verlangen die Chat-Anbieter sogar 2,99 Euro je Antwort. Das Perfide: Die Werbung zielt exakt auf Kinder und Jugendliche. Zwar sind die nur beschränkt geschäftsfähig und dürfen nach dem Taschengeldparagrafen im Bürgerlichen Gesetzbuch eigentlich nur kleine Beträge ausgeben. Doch die Chat-Betreiber hält das nicht auf: Da niemand unter 18 Jahren Handyverträge bekommt, haben dort meist die Eltern unterschrieben. Damit sind die in der Sorgfaltspflicht – und müssen zahlen.

Verbraucherschützern geht die Abzocke mit SMS-Flirts längst gegen den Strich: "Die Schutzvorschriften des BGB werden ausgehebelt", sagt Carola Elbrecht, Telekommunikationsexpertin vom Verbraucherzentralen Bundesverband (vzbv). "Die Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit von Jugendlichen wird schamlos ausgenutzt." Unlängst habe ein Anbieter sogar 480 Euro bei den Eltern einer 13-Jährigen abkassiert – für Flirt-SMS. Und erst kürzlich mahnte der vzbv einen Anbieter ab: Die Frankfurter IntelliWork AG hatte in ihrem Spot, mit dem sie auch auf MTV für einen SMS-Chat wirbt, die Preise nicht transparent dargestellt. Die erwirkte Unterlassungserklärung ist angesichts der Flut der Angebote jedoch nur ein Anfang. "Die Zahl der Beschwerden hat stark zugenommen", klagt Elbrecht.

Auch Verbraucherschutzministerin Renate Künast beobachtet die Abzocke bei SMS-Chats mit Sorge. Um es einmal auszuprobieren, griff die Ministerin selbst zum Handy. "Heiße Renate und bin 11", schrieb sie per SMS an die 77677 der IntelliWork. Als Antwort kam: "Hallo Renate, ich heiße Marc, wie geht es Dir?" Ihr geringes Alter schien niemanden zu stören.

Daraufhin schrieb Künast einen Brief an die Netzbetreiber. "Wir wollen, dass es spezielle Verträge für Jugendliche gibt, bei denen nur Telefonieren und private SMS möglich sind", sagt eine Sprecherin des Verbraucherschutzministeriums. Vor kurzem kam die Antwort der Netzbetreiber, in denen sie "Gespräche auf Arbeitsebene" anboten. Künast will Druck machen: Gibt es keine freiwilligen Regeln aus der Wirtschaft, will die Ministerin mit Gesetzen nachhelfen. So fordert sie auch bei der anstehenden Novellierung der Verbraucherschutzverordnung deutlichere Preisangaben. Beim Chatten solle nicht nur in der ersten SMS der Preis von 1,99 Euro angezeigt werden, sondern auch in jeder folgenden Kurzmitteilung. Der vzbv verlangt außerdem, dass Chat-Betreiber zunächst das Alter eines Teilnehmers abfragen müssen. Ist dieser minderjährig, müsse eine Genehmigung der Eltern eingeholt werden. Sonst gebe es keinen Zahlungsanspruch. Selbst wenn solche Regeln verbindlich würden: Es dauert. Mit der endgültigen Verabschiedung der neuen Verordnung rechnet das federführende Wirtschaftsministerium erst Anfang 2005.

Billigkräfte chatten im Akkord

In der Zwischenzeit blüht das Geschäft . "2003 war ein Boom-Jahr. Da wurden an einigen Tagen mehrere Millionen Premium-SMS versendet", sagt Marco Wolff, Geschäftsführer der Coolspot Germany GmbH, die solche SMS-Chats zu Premiumpreisen offeriert. Um die genauen Marktzahlen macht die Branche ein Geheimnis. Auch der Verband der Anbieter von Telekommunikation und Mehrwertdiensten (VATM) kann nicht sagen, wie viele der 26 Milliarden SMS, die in Deutschland im Vorjahr versandt wurden, den Premiumpreis trugen.

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