Tschechien Ein Bad in der Enge
Františkovy Láznĕ, das frühere Franzensbad, ist der kleinste und schönste der böhmischen Kurorte
Menschenleer die exotische Waldwildnis des esky Les hinter Wassersuppen/Nemanice, endlos die bläulichen Konturen des Hügellands um Hostau/Hostou mit den holperigen Obstbaumalleen, von denen Schwärme von Bachstelzen auffliegen. Mitteleuropa, wie geträumt! Man kann in einer Viertelstunde von Sachsen her in Franti kovy Lázn , in Franzensbad, sein, fast ebenso schnell von Bayern aus. Sich aber lange und krumm anzuschleichen durch Böhmens Hain und Flur ist der wundersamere Weg. Jedes Mal wieder das Staunen über diese so andersartige Bilderwelt jenseits der nachbarlichen Grenze. Jedes Mal wieder aber auch die Bestürzung über bröckelnde Ex-Kolchosen und heruntergekommene Wohnblocks, über zerbrochene Fabrikfenster und verfallende Schlossruinen. Dass all diese Dekomposition und Morbidität, Zeugnis der bitteren Geschichte des letzten Jahrhunderts, verwachsen und eingebettet ist in eine ursprünglich wuchernde, sommerliche Prachtnatur, das verleiht böhmischen Landpartien ihren geradezu suchtbildend ambivalenten Zauber.
Franzensbad dann, im nordwestlichsten Winkel Tschechiens, muss wohl jeden Neuankömmling verblüffen. Aus hinterwäldlerischem Bauernland gerät man schlagartig in einen Ort wie ein Zitronenbaiser. Schönbrunngelb und stuckweiß, so leuchtet das Städtchen aus der sommerlichen Abenddämmerung, ein makelloses k. u. k. Bühnenbild. Franzensbad, das muss einmal gesagt werden, ist die wahre Perle des böhmischen Bäderdreiecks. Keineswegs ist es nur, wie häufig etikettiert, »kleiner und beschaulicher« als Marienbad und Karlsbad, die prominenten Schwestern, es ist die bei weitem schönste und anmutigste dieser Kurstädte. Sein Erscheinungsbild ist von Maß und Eleganz – nichts von der überladenen Tortigkeit und Überdimensioniertheit Marienbader und Karlsbader Kurpaläste, kein russischer Neureichenrummel, keine bonbonbunten Musikfontänen. Es ist ein überschaubares, aber vollendet stimmiges Gesamtkunstwerk der Bäderarchitektur des 19. Jahrhunderts, vom Klassizismus bis zum Historismus, ein zierliches Planstädtchen, rundherum eingefasst von einer schattigen Parklandschaft, in der, aus Kolonnaden und Tempelchen, die segensreichen Quellen sprießen.
In frühen Tagen war der Ort für seinen Frauenüberschuss bekannt
Dieses hoch zivilisierte Ambiente wurde vom Ende des 18. Jahrhunderts an einer wüsten Moor- und Birkenwildnis abgerungen. Vulkanisch und mineralreich ist der Boden, und der Egerer Schlada-Säuerling galt schon im Mittelalter als vielfältig heilsam. Das ruhige »Kaiser-Franzensdorf« war beliebt zur Nachkur. Wenn man im gesellschaftlich umtriebigen Karlsbad zu viel »gehupft und galoppiert« hatte, wie der Böhmen-Fan Goethe anmerkte, bedurfte man anschließend der Egerländer Moorbäder und Mineralbrunnen zur schuldbewussten Gesundheitspflege. Weitere namhafte Herren wie Beethoven und Blücher, Metternich oder Johann Strauß pflegten der Kur in Franzensbad, das vor allem aber einen schallenden Ruf als Damenbad hatte.
Die echten und eingebildeten »Krankheiten der Weibsbilder« sorgten beim Korso auf der statuengesäumten Isabellenpromenade stets für einen beträchtlichen Frauenüberschuss. Die boshafte Marie von Ebner-Eschenbach hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts über die Unzahl von »Kleidern, Mantillen und Hüten« belustigt, die dort vorgeführt wurden, »gleichgültig, was drinnen steckt, ob wattiertes Gerippe oder formloser Koloss«. Und wenn die Gesellschaftsdamen schlammüberkrustet ihren Kupferwannen entstiegen, befanden sie sich in einem »Zustand exaltierten Wohlseins, der nachgerade unheimlich werden kann«. Solches lässt sich im etwas abgeschabten, aber reich ausgestatteten Franzensbader Stadtmusuem nachvollziehen, wo man auch einen klobigen Vorläufer heutiger Trimmräder namens Velotrab bestaunen kann, Schröpfköpfe, Aderlassbestecke und metallene Kühlungsapparaturen für Kopf und Herz.
Franzensbad ist heute kein Badeort der vornehmen Welt mehr, bei aller architektonischen Distinguiertheit. Im Stadtbild dominiert ein etwas behäbiges, wohl gelauntes Mittelklassepublikum meist reiferen Alters, vielleicht verkörpert in jener rundlichen Pfälzerin, die einen auf der Cafémeile Národní t ř ida flehentlich fragt: »Wo krieg ich hier meine Freizeitrevue? Alles andere können sie für sich behalten, aber meine Freizeitrevue…« Und an dem Bus, der vor dem Kurhaus Dr. Adler gerade eine Ladung betagterer Herrschaften ausspuckt, liest man schon fälschlich »Tatter-Tours«, statt Taeter-Tours.
Die Kurhäuser und Hotels, mit Ausnahme der Vier-Sterne-Häuser Drei Lilien und Imperial, pflegen einen ehrbaren, aber nicht ausgesprochen hochklassigen Komfort, im Traditionshaus Drei Lilien ist die Renovierung in einem eher kitschig pompösen als immer zweckdienlich durchdachten Neo-Jugendstil gehalten. Eine Art Luxus ist am ehesten in den Stucksälen und Gastronomiestätten des frischglänzend restaurierten Spolecensky Dum anzutreffen, des Kurhauses, vom Prunk eines mittleren Nationaltheaters, mit Preisen auf Westniveau. Wenn man dann mal im düster-prachtvollen Belle-Époque-Saal des Restaurants Goethe speist, wird man zwar umschwänzelt von etlichen Frack-Oberkellnern, kann in einem beleuchteten Bodenaquarium weit mehr dicke Zierkarpfen sich tummeln sehen, als Gäste an den Tischen sitzen, aber der Wein geht mal gerade so. Die jüngeren Business-Herren mit Gel-Haaren, die ins Spielkasino einkehren, haben allerdings schon gelernt, wie man das macht: Cabrio quietschend vor dem roten Teppich parken und dem Portier lässig die Wagenschlüssel zum Parken zuwerfen.
Noch ist das bildschöne Franzensbad eher heimelig als mondän, und für den Nichtkurenden sind seine Zerstreuungen sehr übersichtlich. Ergeht man sich in seidig frischer Luft auf den hellen Sandwegen des Dvo ř ák- oder des Salzquellenparks? Nimmt man unterwegs einen Becher aus der Franzens-, der Kirchen-, der Neuen Quelle? Das sind die harmloseren Wohlbefindenswässerchen aus den 22 Franzensbader Brunnen – der salzigbittere Trunk aus der Quelle Glauber IV ist nur jenen zu empfehlen, die einen kurzen Weg in die Privatheit ihres Hotels haben. Sich der markant purgierenden Wirkung in den postsozialistischen, nicht abschließbaren Toiletten in den rückwärtigen Bereichen der weitläufigen Glauberhalle auszusetzen ist entschieden heikel.
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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