Kabarett Nostalgischer Abend mit Halbzeitbier und Andrak
Die hohe Kunst der Zeitvergeudung – Harald Schmidt tourt durch 18 deutsche Städte und pflegt erfolgreich seinen Mythos als Kabarettkönig
Auslegeware ist ein schönes deutsches Wort, für Loriot sogar das allerschönste. Man kann natürlich anderer Meinung sein und andere Vorschläge zum lexikalischen Schönheitswettbewerb einreichen, den der Deutsche Sprachrat gemeinsam mit dem Goethe-Institut zurzeit veranstaltet. Wie wär’s mit Backmischung, Parkwächter oder Heimspiel? Wir wissen nicht, ob sich auch Harald Schmidt der fiebrigen Suche nach dem Lieblingswort aller Deutschen widmet. Wir wissen aber, dass dieser Karl Kraus des Entertainments seinen Auftritten so kostbare Titel gegeben hat, dass es für die loriotsche »Auslegeware« eng werden könnte auf dem goetheschen Laufsteg. heißt sein Programm in Bielefeld, in Wolfsburg und in Heilbronn, wo er zum Tourauftakt wie der siegestrunkene Rehhagel über die Bühne hüpft.
Vor einem halben Jahr zierten Trauerränder die Feuilletons. Schmidt, der Late-Night-Talker der deutschen Intelligenz, der gallige Ironiker und Zyniker unter lauter braven Spaßmachern, der schamlose Hofnarr mit dem untrüglichen Gespür für Schamgrenzen, dieser Aufklärer auf dem Boulevard reichte zu Weihnachten seinen Fernsehabschied ein. Das Wehgeschrei war groß, könnte jetzt aber verstummen, denn in diesen Tagen ist uns ein neuer Schmidt geboren worden. Der Mann, dessen Körper so elastisch ist wie sein Geist, spielt wieder – leibhaftig auf 18 Bühnen, sozusagen unplugged, ganz wie in seinen frühen Jahren.
Schmidt ist nicht Robbie Williams, wird aber beim schwäbisch-fränkischen Heimspiel gefeiert und bejohlt wie ein Popstar. Er erfindet sich nicht neu, findet aber auch vor Saalpublikum zur großen Form, zur unvergleichlichen Sat.1-Backmischung aus Kabarett und absurdem Theater, Präzision, Improvisation, Zeitvergeudung. Seine Witze übers Fernsehen büßen an Schlagkraft ein, weil ihnen der Resonanzraum fehlt, eben das Medium Fernsehen, aber sonst? Kommt der Diener Manuel Andrak mit dem Sixpack im Rucksack hereingestiefelt und will von seinem Herrn & Meister pünktlich zur Halbzeit eine Analyse des bisherigen Spielverlaufs hören. »Ja, gut, ned woar«, beckenbauert Schmidt seinen Poschmann an, »mit dem Rehhagel hot er oafangen müsse, dös is kloar, und die poar Hänger, jo mei, die wird er ausbügeln beim nächsten Match.« Und nach der Pause? »Muss er den Andratsch bringen, unbedingt«, nuschelt Schmidt, der Libero auf der Meta-Ebene, der in sein Spiel die eigene Spielkritik einbaut und seinen Verfolgern deshalb immer um eine Nasenlänge voraus ist. Selbst verunglückte Pointen bugsiert er holpernd und stolpernd über die Torlinie.
Das wiederum muss ein angenehmes Gefühl sein: Schmidt, der ganz nebenbei auch all seine Auszeichnungen ins Programm schlenzt, strahlt ein grenzenloses, mit Händen zu greifendes Selbstvertrauen aus. Auch wenn er Zoten reißt („Frau sucht Mann mit Pferdeschwanz. Frisur egal") oder Spott ausgießt, den er andernorts schon längst ausgegossen hat, bleibt er ein Souverän: »Bei Lynndie England muss man wissen, dass es Folterbilder sind, sonst denkt man an Benneton-Werbung.« Das sitzt und schmerzt! Ungeheuer geistesgegenwärtig, absolut präsent und vollkommen instinktsicher badet dieser Metakomiker in der Gewissheit, der unangefochtene Kabarettkönig von Deutschland zu sein. Schmidt darf das. Ob er nun auf der »Ausbaustrecke« durch Mannheim rast oder im »Binnenhafen« von Duisburg anlegt – noch macht ihm keine Anke den Thron streitig.
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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