Kernkraft ist eine politische Energie. Erstens, weil Energie immer politisch ist: Der Irak wäre nicht der Irak, gäbe es dort kein Öl. Zweitens, weil die Sicherheit der Atomkraft politischer Anstrengung bedarf. Und drittens, weil sie zum Negativsymbol einer ganzen politischen Generation in Deutschland geworden ist. Einer Generation, der ihr Waterloo bevorsteht: der Ausstieg aus dem Ausstieg.

Zuvor schalten die Energieversorger noch ein paar Meiler ab, beginnend mit dem 340-Megawatt-Werk in Obrigheim (Mai 2005) – ein kleiner Fisch; die Großreaktoren von Biblis, die zusammen 2525 Megawatt auf die Waage bringen, hätten der Stromwirtschaft mehr wehgetan. Aber dann wird Schritt für Schritt umgesteuert: Erst verlängert man die Laufzeiten bestehender Kraftwerke, und ein paar Jahre später werden neue errichtet.

Noch ist das eine Prognose – der Vertreter der Energiewirtschaft hinter vorgehaltener Hand zustimmen. Sollte sie sich bewahrheiten, dann ginge das mit einigen politischen Konvulsionen einher. Irgendjemand müsste ja das Atomgesetz umschreiben. Schwarz-Gelb? Die Grünen, so wie sie heute sind, könnten die Renaissance der Reaktoren jedenfalls nur in der Opposition überleben.

Die SPD hingegen käme durchaus als Wiederbelebungshelferin in Betracht; für sie ist das Verhältnis zur Atomkraft nicht identitätsbildend. "Viele Kritiker der Kernenergie, vor allem aus meiner eigenen Partei, versichern mir im Gespräch unter vier Augen, ich möge doch an meiner pronuklearen Haltung festhalten", eröffnete zum Beispiel der sozialdemokratische EU-Parlamentarier Rolf Linkohr vor einigen Monaten einem staunenden Fachpublikum, "denn früher oder später müssten wir doch wieder in die Kerntechnik rein." In Brüssel spricht man wohl unbelasteter über AKW als in Berlin. Das European Economic and Social Committee, ein Gremium, in das die EU-Staaten 317 Vertreter aus Wirtschaft und Gesellschaft entsenden, verabschiedete kürzlich mit Zweidrittelmehrheit eine Resolution: Kernenergie trage zur Versorgungssicherheit bei, zum Klimaschutz und zur Preisstabilität, und das Ziel der Nachhaltigkeit verbiete eine Politik des Ausstiegs. Die Energiekommissarin Loyola de Palacio sieht das genauso.

In China soll sich die Kapazität des AKW-Parks bis 2020 verfünffachen

Keine Chance für die Berliner Position. Mitleidig belächelt wurden die deutschen Vertreter auf einer Konferenz, die Anfang Juli von der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Obninsk veranstaltet wurde, einem Städtchen unweit von Moskau. Dort teilten die Russen mit, sie wollten – positive Wirtschaftsentwicklung vorausgesetzt – ihre nukleare Stromproduktion binnen fünf Jahren annähernd verdreifachen; zu ihren 30 Reaktoren müssten also noch etliche hinzukommen. Aufsehen erregten die Chinesen, die ankündigten, am Aufschwung der Kernenergie verdienen zu wollen. Zurzeit verfügt das Land nur über 9 Meiler, aber binnen 15 Jahren soll sich die Kapazität des AKW-Parks ungefähr verfünffachen – und dann will das Land einen standardisierten Typ von selbst entwickelten 1000-Megawatt-Brummern auf den Weltmarkt bringen. "Das schaffen die nie", war aus der deutschen Ecke zu hören. "Wenn es jemand kann, dann China", entgegneten andere, und ein Südkoreaner wies darauf hin, dass sein Land bis 2015 immerhin 11 neue AKW errichten wolle, ebenfalls Marke Eigenbau. Weitere Asiaten werden folgen. Indien zum Beispiel, das sein ziviles Atomprogramm beschleunigt. Und sollte sich demnächst Indonesien für Kernkraftwerke entscheiden, dann könnten auch Vietnam und womöglich gar Thailand in die Atomtechnik einsteigen.

Ansonsten blickt Asien auf Japan. Dort produzieren 52 AKW fast ein Drittel des Stroms. Doch die Nuklearlobby erlitt einen Rückschlag, nachdem herausgekommen war, dass Sicherheitsprobleme verschwiegen und Betriebsprotokolle gefälscht worden waren. Nun soll die Atomenergie etwas langsamer und unter stärkerer Beteiligung der Öffentlichkeit wachsen. Namentlich Taiwan beobachtet das sehr genau; dort wird ein Viertel des Stroms nuklear erzeugt, aber gegen den Bau weiterer AKW regt sich Opposition.

Kernenergie ist für Schwellenländer interessant, weil sie den Anstieg des Strombedarfs günstig decken kann. Andere Gründe kommen hinzu. Ob in Brasilien oder Argentinien, Indien oder Iran – heimische Kerntechnik soll verhindern, dass fremde Mächte den Energiezufluss abdrehen könnten. Unausgesprochen bleibt ein weiteres Motiv: Wer über Kernkraft verfügt, ist eine potenzielle Nuklearmacht. Und solch eine Macht stößt niemand herum – siehe Iran.