Atomenergie Mit neuer StrahlkraftSeite 4/4
Dort, wo normale Wärme ausreicht und hochgradige Hitze nicht nötig ist, kommen auch herkömmliche Maschinen infrage. Russland plant Heizreaktoren für kalte Orte wie Archangelsk und Woronesch. In Indien wiederum ist nicht Kälte das Problem, sondern Wasser. Also experimentieren die Inder (wie auch die Brasilianer) mit nuklear betriebenen Anlagen für die Meerwasserentsalzung. Etliche Länder arbeiten an »Batterie-Reaktoren« für die Dritte Welt. Die versorgen einen Ort oder Stadtteil mit Energie, werden komplett geliefert, sind eingekapselt und halten jahrzehntelang, ohne dass der Brennstoff gewechselt wird (weshalb niemand daraus Waffenmaterial produzieren kann) – ideal für Regionen ohne große Stromnetze.
Schön und gut, ließe sich einwenden, aber Deutschland muss ja nicht mittun. Kernkraft ist schließlich nur eine Technik unter vielen.
Das stimmt. Doch sie produziert genauso wenig CO2 pro Kilowattstunde wie Sonnenstrom und Windkraft, wenn nicht sogar weniger. Sie gibt ihre Leistung billig und kontinuierlich ab, eignet sich also für die umweltfreundliche Produktion von Industriestrom. Warum darauf verzichten?
Deutschland war einmal führend auf diesem Gebiet. Zwar rufen Kraftwerksbetreiber immer noch bei Framatome/ANP in Erlangen an, wenn ein Dampferzeuger getauscht werden muss. Aber deutsche Nukleartechniker sind überwiegend ältere Herren, die ihre Mühe haben, im Reaktorgebäude umherzukriechen. Der Nachwuchs bleibt aus. Im Innovationsnetzwerk Generation IV sind die Deutschen schon gar nicht mehr vertreten. Ihre Autorität in Sicherheitsfragen sinkt. Sie beteiligen sich noch nicht einmal an der Kampagne zur Vernichtung von Waffenplutonium, obwohl sie es könnten – mit ihrer Anlage in Hanau.
Wie lange wohl wird sich das Land diesen Luxus leisten? Höchstens noch, bis die Zeit der Zwänge anbricht. Bis die Energiefrage ihren politischen Kern zeigt, etwa, wenn der Öl- oder Gaspreis nach oben klettert oder es sich erweist, dass unsere Energieträger zu einem großen Teil aus Krisenregionen stammen. Oder wenn die Einhaltung der Kyoto-Beschlüsse zum Problem wird.
Bei den Energieversorgern, die derzeit Gaskraftwerke bauen, erwartet man den Neubeginn gelassen: Irgendwann sei die deutsche Sonderrolle eben ausgespielt. Die Opposition in Berlin hat kürzlich ja schon mal getestet, wie die Öffentlichkeit darauf reagieren würde. Schlimm war’s nicht.
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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