Südafrika Suche nach Identität
Südafrikas »Coloureds« sind eingekeilt zwischen Schwarzen und Weißen
Wird über Südafrika und die Südafrikaner berichtet, geht es meist um Schwarze und Weiße. Dabei sind 3,9 der 45,5 Millionen Einwohner weder schwarz noch weiß – die so genannten coloureds, Farbige. Streng genommen hätten sie am Kap gar nicht existieren dürfen. Denn sie sind »Kinder der Sünde«, des verbotenen Verkehrs zwischen Weißen, Schwarzen, Braunen und Gelben. Die Rassentrenner befürchteten, dass, sobald die »Rassenschranken« fielen, die europäische Siedlergesellschaft »verkaffern« und die vermeintliche Höherwertigkeit des weißen Mannes infrage gestellt würde.
Die Geschichte wollte diesen Wahnideen nicht folgen. Seit ihrer Landung am Kap 1642 haben sich die weißen Eroberer mit den »eingeborenen« Völkern der San und Khoikhoi vermischt. Im Laufe der Jahrhunderte kamen alle möglichen Kombinationen zwischen Weißen, Afrikanern, Kap-Malaien und anderen Volksgruppen hinzu. Die Apartheid warf sie alle in einen Topf mit der Aufschrift coloured oder kleurling. Wer den pencil test nicht bestand, galt als minderwertig. Die Beamten des Regimes steckten einen Bleistift ins Haar der »Prüflinge« – blieb er stecken, war man kein Weißer.
In der Befreiungsbewegung unter dem Vorzeichen der black consciousness galten Farbige als Schwarze, manche stiegen sogar in die Führungszirkel des African National Congress (ANC) auf und sind, wie Finanzminister Trevor Manuel, heute Mitglieder der schwarzen Regierung. Diese blackness war keine biologische, sondern eine politische Kategorie, die auf der gemeinsamen Erfahrung der Unterdrückung durch die Weißen basierte. Die meisten Farbigen sahen sich jedoch als bruin mense , als braune Menschen; sie lehnten die blackness ab, blieben passiv oder ließen sich korrumpieren. Radikale schwarze Freiheitskämpfer haben es den Farbigen bis heute nicht verziehen, dass sie im Drei-Kammern-System der Apartheid mitmachten. Es »schenkte« den Farbigen und Indern jeweils eigene Parlamente, die allerdings nichts zu sagen hatten.
Die Mehrzahl der coloureds fühlt sich nach wie vor benachteiligt. Früher seien sie zu schwarz gewesen, sagen sie, und heute, unter der schwarzen Regierung, seien sie zu weiß. Die Farbigen sind eingekeilt zwischen zwei starken, selbstbewussten Kulturen, der weißen und der schwarzen. Sie wurden unterdrückt und sprechen Afrikaans, die Sprache der Unterdrücker. Weißen gegenüber verhalten sie sich oft unterwürfig, auf Schwarze sehen sie mit rassistischer Verachtung herab.
Als im September 1966 der südafrikanische Premierminister im Parlament zu Kapstadt erstochen wurde, war es, als räche sich die Geschichte: Hendrik Verwoerd, das Opfer, war der Architekt der Apartheid. Demitrios Tsafendas, der Täter, war ein Bastard, ein Mischling, den die Rassenpolitik in den Wahnsinn getrieben hatte. Zehn Jahre nach der Wende suchen die coloureds noch immer nach ihrem Platz im neuen Südafrika, nach einer eigenen Identität. Bartholomäus Grill
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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