Südafrika Im Revier des Schakals

Die »Coloureds«, die Mischlinge, in Südafrika kämpfen weiter um ihr Überleben in den Ghettos, in die sie das weiße Regime deportierte. Gewalt ist das Einzige, das hier blüht. Die schwarze Regierung tut nichts gegen das Elend

Tannie zieht die Gardine zurück und schaut auf das kahle Feld hinter ihrem Haus. Das Gelände der Red-River-Grundschule, ungefähr vier Fußballplätze groß, baumlos, bretteben, umzäunt mit mannshohem Maschendraht. »Das ist das sagt Tannie. Das Feld des Tötens. »Wir nennen es so, weil da die Banden kämpfen. Oft bleiben Schulkinder tot liegen, weil sie ins Kreuzfeuer geraten sind.« Letztes Jahr waren es zwölf. Manchmal liefern sich die Banden richtige Kriege. »Das nennen wir dann Die Zeit des Tötens.

Es ist Montag, Schultag, aber kein einziges Kind ist zu sehen. In einigen Klassenzimmern sind die Fensterscheiben zerschossen. Hinter der Schule ragt, fern und unwirklich, ein blauer Berg in die Wolken – der Devil’s Peak, der zweithöchste Gipfel im Tafelbergmassiv. Er erinnert uns daran, dass wir in Kapstadt sind, am schönsten Ende der Welt, wie es heißt, im friedlichen Südafrika. Sonst könnte man meinen, in Mogadischu gelandet zu sein. Die zerstörte Gebäudezeile, die wir auf dem Wege zu Tannie passierten, sah aus wie die Ruinen in der vom Bürgerkrieg geschundenen somalischen Hauptstadt. Das kleine Ziegelhaus, in dem die Sozialarbeiterin wohnt, liegt an einer Zonengrenze. Nicht die Hoheitsgebiete von Clanmilizen stoßen hier aneinander, es sind die von Straßenbanden.

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»Wir leben in einem Kriegsgebiet.« Tannie zieht die Gardine wieder zu. Das Kriegsgebiet heißt Manenberg. Es ist eine Township in der windzerzausten Ebene zwischen Atlantik und Indischem Ozean, ein Ort der Armut und Gewalt, den die Kriminellen beherrschen. »Die Apartheid«, klagt Tannie und blickt auf das Porträt von Präsident Thabo Mbeki über ihrem Bett, »die Apartheid ist bei uns noch nicht vorbei.«

Sie heißt eigentlich Erika Rosina Wagenaar, aber jeder ruft sie Tannie, was so viel wie Tante bedeutet. Sie ist 59, eine dicke, runde Frau und eine Institution in Manenberg. Sie hat das erste Bürgerforum gegen Verbrechen gegründet. Ihr Haus ist eine Kombination aus Suppenküche, Kinderhort und Krisenzentrum. Manchmal kommen sogar die Gangster, um sich bei ihr auszuheulen. Die Polizei schätzt die resolute Frau, die Bandenchefs respektieren sie. Sie tröstet. Sie mahnt. Sie schimpft. Sie kämpft. Das Leben im Slum ist ein einziger Kampf. Nebenbei hat sie 15 Kinder auf die Welt gebracht, acht leben noch.

Aber es gibt Tage, da verlässt auch Tannie der Mut. Der Tag im Mai vor zwei Jahren war so einer. Damals lagen acht Tote in ihrer Straße, die meisten noch halbe Kinder. »Irgendwann kannst du es nicht mehr aushalten, irgendwann drehst du durch … ständig die Schießereien, nachts, in der Dämmerung, am helllichten Tag … und alle werden zu Tieren, alle schießen mit … die Jungs, die du kennst … und keiner fliegt ins Gefängnis … und niemand hat was gesehen … ah, Schande über Manenberg!« Tannie redet atemlos, ohne Punkt und Komma. »Manchmal ist es zum Davonlaufen. Aber wo sollen wir hin? Die Buren haben uns hier abgekippt.«

37 Morde verzeichnete die Polizei in einem einzigen Monat

Die Buren, die weißen Herren, die sich den Group Areas Act ausgedacht hatten. Das perfideste Gesetz der Apartheid sah vor, dass alle »Rassen« in getrennten Lebensräumen glücklich werden sollten. In den sechziger Jahren begann die Massenvertreibung von 3,5 Millionen Menschen aus so genannten weißen Gebieten. Sie hatten die »falsche« Hautfarbe, Schwarz oder Braun, sie waren Afrikaner, Inder, Kap-Malaien oder die letzten Nachfahren der Khoisan, der Ureinwohner. Ganz im Süden des Landes wurden sie auf die Cape Flats zwangsumgesiedelt, auf die staubige Ebene vor Kapstadt.

Die Mehrheit der Manenberger sortierte die Rassenbiologen in die Kategorie coloured – Mischling oder Farbiger (siehe Suche nach Identität ). Viele hatten im District Six gelebt, in einem bunt gemischten Viertel nahe dem Stadtzentrum, und es war, als hätte man ihnen die Wurzeln abgeschnitten, sie wuchsen jedenfalls nie richtig an in ihrem neuen Wohnort. Die Infrastruktur war miserabel, Schulen und Kliniken befanden sich in einem erbärmlichen Zustand, Arbeit gab es wenig, Zukunft noch weniger. Die künstlichen Siedlungen waren ein idealer Nährboden für das Verbrechen.

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  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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  • Schlagworte Südafrika | Kapstadt | Häftlinge | Taliban | Kinder
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