Südafrika Im Revier des SchakalsSeite 8/8
Zur Einstimmung blättert Chefinspektor Alfred Fritz im Boek G 302, in der Kladde der Gefängnisleitung. Man sieht Fotos von furchtbar zugerichteten Leichen – Häftlinge, die von anderen Häftlingen umgebracht wurden. Bei ihrem Anblick erscheint auch die zweite Geschichte glaubwürdig, die Moeneeb Arendse, der geläuterte Wachmann, ganz beiläufig erzählt hat. Er beschrieb, wie er in seiner Knastzeit eines nachts zwei Männer abgestochen hat, im Dunkeln, blitzschnell, direkt hintereinander. Es waren ja nur 26er. Arendse hat gemordet, um ein 28er zu werden, ein ndota, das Mitglied einer Nummerngang. Für seine Bluttat erhielt er das begehrte Tattoo, Sonaf, den Sonnenuntergang. Dieses Kastenzeichen macht das Leben im Zuchthaus einfacher, und draußen, im Ghetto, verschafft es gewaltigen Respekt.
Die »Nummern« beziehen sich auf die Ordnungszahl der jeweiligen Gefängnisbande: 26er, 27er, 28er. Es handelt sich wie bei den Gangs in den Townships um Bruderschaften mit eigenen Gesetzen, Hierarchien, Zeichensystemen, Ritualen, die im ungeschriebenen »Buch des Wissens« verankert sind. Die Rangordnung ist wie bei der britischen Armee: einfacher Soldat, Sergeant, Captain, Major bis hinauf zum General. Bricht einer den Kodex der »Nummer«, wird er brutal bestraft. Zum Beispiel durch Vergewaltigung, ausgeführt von einem HIV-positiven Insassen. Slow puncture nennt man das, langsames Luftablassen.
Piela wurde nach elf Jahren Knast draußen wie ein Held empfangen
»Hosh.« In Zelle 214 begrüßt uns ein untersetzter, drahtiger Bursche im Slang der Gangster. Ein hoher Offizier, das sieht man schon am lässigen Gang und an den blitzblank geputzten takkies. »Du kannst hier nur überleben, wenn du zu einer Nummer gehörst. Sonst bist du ein Frans.« Frans? »Ein Franzose, wie der Typ dort hinten.« Er deutet auf einen Jungen, der mit gesenktem Blick auf dem Stockbett in der Ecke sitzt. Man sieht dem armen Teufel an, dass er ein rechtloser Sklave ist. Die Nummernbanden herrschen in den überfüllten Gefängnissen der Kap-Provinz, und ihre Bosse koordinieren von hier aus in aller Ruhe die krummen Geschäfte draußen.
Die Häftlinge, die sich unterdessen in der Zelle 214 versammelt haben, ein Dutzend Jungs aus Manenberg, sitzen fast ausnahmslos wegen mehrfachen Mordes. »Wenn die Feinde einen von uns umlegen, legen wir zwei von denen um. Dann vier. Dann acht.« So prahlt ein 28er. Er war der Leibwächter von Rashaad Staggie – auf den Obergangster aus Manenberg sind die Jungs genau so stolz wie auf die Tatsache, dass ein gewisser Nelson Mandela in Pollsmore eingekerkert war.
Habt ihr auch schon mal unschuldige Kinder erschossen? Ja, murmeln einige, damals bei der Schlacht an der Red-River-Schule. Die anderen unterhalten sich, damit die merkwürdigen Besucher nichts mehr verstehen, in der Gangstersprache Fanakalo, einer Mischung aus isiZulu, seSotho, Afrikaans, Englisch und anderen Idiomen. Was habt ihr dabei empfunden? »Nichts, gar nichts. Oder was meinst du mit ›empfinden‹?«
Zurück an der Nyanga Junction in Manenberg. » Was kannst du schon tun? Du kommst raus, und alles ist wie immer.« Piela wurde gestern entlassen. Er saß elf Jahre in Pollsmore wegen Mordes. Die Clever Kids haben ihn wie einen Helden empfangen. Es ist alles wie immer in Manenberg. Der Krieg, glaubt Piela, wird weitergehen, immer weiter und weiter. Er macht das pistolenartige Fingerzeichen der 28er. »Oder habt ihr eine andere Lösung?«
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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