Briefe

Als ob einer mit geschlossenen Lippen spricht

Schöne Überraschung: Neues von und über Uwe Johnson – der Briefwechsel mit Hannah Arendt, Gespräche, Dokumente, Essays und Zeitzeugen

Da ist er wieder, der unverkennbare Johnson-Ton: raunend diskret, auf Abstand bedacht und doch zutraulich, aufmerksam das Gegenüber bedenkend, auch mit der Stimme zwinkernd – mit jener mecklenburgischen Haltung, mit der er die Hauptfigur seiner Erzählungen, Gesine Cresspahl, vom ersten (Mutmaßungen über Jakob) bis zum letzten Buch (Jahrestage) auszeichnet: »Ironie in Schiefhalsigkeit«.

Spricht also ein Dreißigjähriger zu einer fast dreißig Jahre älteren »Dame«, wie er sie zu Recht nennt, so – sich vor dem Andrang von Gefühl in Dialekt flüchtend: »Bitte jestatten Sie mir die unzeitjemässe Bemerkijung, dat ick Ihnen sehr jerne habe und dis sojar noch einsehe, wenn Sie mir haben tadeln müssen.«

Die Philosophin, politische Schriftstellerin (Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft, 1952; Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 1964) freut sich über die »Unbefangenheit unseres Umgangs«, redet ihn so an: »Lieber Uwe, (darf ich doch? wegen Altersunterschied)« und hat keine Scheu, auf einer Karte den aus Berlin erwarteten Gesprächspartner so in New York willkommen zu heißen: »Liebster Uwe, Ich warte auf Sie, und zwar schon sehr … Kommen Sie schnell.«

Arendt an Johnson: »Bitte schön, zur Gräfin machen Sie mich nicht!«

Wer diese Korrespondenz zwischen einer klugen Frau und einem genialen Schriftsteller liest und auf ein Gespräch großer Geister hofft, wird enttäuscht. Hier ist Schöneres zu entdecken: ein – ja – Liebesbriefwechsel. Eine aus Deutschland vertriebene Autorin, auf das Adenauer-Deutschland der alten Nazis mit Argwohn schauend, lernt einen jüngeren Erzähler kennen, der – nicht nur, weil er in der DDR des Antifaschismus aufgewachsen ist – ihre Skepsis teilt und doch kritisch-demokratische Zukunft verheißt. Das macht die Bedeutung dieses Bandes aus: Zwei Menschen, beide scheu, auf Diskretion bestehend, finden – jeder für sich – einen neuen Ton großen Vertrauens, der beide zu Worten überraschenden Humors, herzlicher Freundschaft, ja Zärtlichkeit befreit.

Der sich selbst »eine Art norddeutscher Schwerfälligkeit« bescheinigt, gewinnt eine Leichtigkeit, wenn er der Freundin, die während einer Vorlesung in Schottland einen Herzinfarkt erlitten hat, einen Trostbrief schreibt: »Guten Tag. Das schon. Begrüßung wohl, aber selbstverständlich gefällt mir Ihre Adresse nicht, dieses Woodend Hospital, in Aberdeen wollten Sie doch im Bahnhofshotel wohnen, da müssen Sie einen kleinen Momang nicht aufgepaßt haben… Kommt das aber vor, daß Sie nicht aufpassen? … Wie verhält man sich zu Leuten, die tagsüber auch im Bett liegen? Nach tiefem Überlegen würde ich es so anstellen: ich klopfe an, strecke einen Strauß Blumen ins Zimmer, und dann sind es die falschen Blumen, oder wenn sie richtig wären, paßte die Vase nicht…«

Das ist – wie der Hinweis auf die Campari-Schlückchen, die sich Hannah Arendt genehmigt, einer der Running Gags dieses Geplauders in sechzig zumeist noch nicht veröffentlichten Briefen. Einmal hatte Johnson, dem Frau Arendt auch Gastrecht in ihrer Wohnung gewährte, Blumen gebracht, für die dann keine rechte Vase im Haus war. Und der Whiskey-, Bier- und Rotwein-Trinker aus Mecklenburg muss lernen, dass die in Hannover geborene, in Königsberg aufgewachsene Norddeutsche eher italienischem Aperitif zugetan ist.

Erschütternd der Brief Johnsons, als Hannah Arendts Mann, Heinrich Blücher, 1971 stirbt: »Mir fällt zur Banalität des Todes, der Absurdität des Sterbens immer mal was ein, aber ich mag es nicht mehr aussprechen… Was haben Sie davon, zu wissen, daß wir traurig sind über den nicht zu rechtfertigenden Vorfall. Wenn wir sagten, wir seien traurig über Ihre Lage, Sie würden sich verbitten, daß Einer sich an Vorstellung Ihrer Lage versucht… Verzeihen Sie, daß wir nichts zu sagen haben. Hilfe, das setzen Sie voraus: wenn wir solche leisten könnten, Sie würden sie abrufen.«

Wie in jeder »Beziehung«: die Krise. Johnson, an seinem Hauptwerk Jahrestage arbeitend, will Hannah Arendt, nicht nur weil Nachbarin von Gesine Cresspahl in New York, in den Roman einbauen. Da wehrt sie sich: »Nur nicht Namen nennen. Dagegen bin ich allergisch.«

Johnson verwandelt sie – das macht die Sache schlimmer – in die Emigrantin »Gräfin Seydlitz«. Nun ist Hannah Arendt böse: »Bitte schön, zur Gräfin machen Sie mich nicht! Bis Sie so was dürfen, müssen Sie noch viele reizende Briefe schreiben. Scheint es Ihnen nicht aufgefallen zu sein, daß ich jüdisch bin.«

Dass dem aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stammenden Johnson, allergisch gegen jede Verletzung von Personen, zumal aus »rassistischen« Gründen, dies nicht aufgefallen ist, hat er sich nie verziehen. Er hat darunter gelitten (und im Roman alles zu retten versucht).

So ähnlich (unter scheinbaren Kleinigkeiten) wird der Herausgeber dieses Bandes leiden, Eberhard Fahlke, Leiter des Uwe-Johnson-Archivs in Frankfurt am Main, wegen eines falschen Akzents bei Johnsons Geburtsort Cammin, heute Kamién (statt Kamieº). Aber so pingelig sind, zu Recht, Leute, die mit dem Philologen und Silbenstecher U. J. zu tun haben, der hier, schon 1974, »das neu geschaffene Imperativwort ›hinterfragen‹« geißelt. Wertvoll ist der vorzüglich edierte Band auch durch einige hier erstmals veröffentlichte Texte, Skizzen, Entwürfe.

Großer Briefwechsel? Zwar jubelt Hannah Arendt: »Ein Brief von Ihnen ist immer eine Freude«, ist auch begeistert von Einfallsreichtum, Witz, Ironie des Briefpartners (»Wenn Sie weiter so schöne Briefe schreiben, werden sich die Grenzen dessen, was Sie dürfen, ganz erheblich erweitern«), kommt aber doch nicht umhin, zu beklagen: »Ihr Brief – sehr entzückend, sehr charmant, aber dann doch, als ob einer mit geschlossenen Lippen spricht.«

Von dieser – mehr als nur norddeutschen – Verschwiegenheit des in sich gekehrten Erzählers ist oft die Rede in dem schönen, aufschlussreichen Band BefreundungenmitGesprächen, Dokumenten, Essays,den Roland Berbig herausgegeben hat. Rechtzeitig zum 70. Geburtstag (20. Juli 1934), zum 20. Todestag (in der Nacht vom 23./24. Februar 1984) haben der Berliner Literaturwissenschaftler und seine Mitherausgeber Menschen befragt, die dem so früh Gestorbenen im Leben oder in der (Zusammen-)Arbeit nahe gekommen sind – wenn man diesem »wortkargen, mürrischen, auch unduldsamen« Mann, wie ein anderer Mecklenburger, Walter Kempowski, sich erinnert, überhaupt nahe kommen konnte: »Man war an seiner Brust nicht weich gebettet.«

Und doch: Ehe allgemeines Kopfnicken beginnt über den »Fleischkoloß, in den ich mich verliebte« (Wolfgang Neuss), über den »starrsinnig« mecklenburgischen Ossenkopp (»Was menschliche Verhältnisse betrifft, hatte er eine starre, strikte, geradezu alttestamentarische Weltansicht«, Tankred Dorst), über den »schwarzen Todesengel« (»Johnson hatte ja etwas von einem Sensenmann, besonders wenn er diese schwarze Lederjacke trug«, Peter Rühmkorf), sollte nicht überhört werden, was derselbe Rühmkorf an dem Kollegen rühmt, den »sehr eigenartigen Zug zur Kameradschaftlichkeit«).

Weil Frau Rühmkorf ihren Mann nicht erreichen kann, der ohne Telefonanschluss im Literarischen Colloquium wohnt, das gerade umgebaut wird, schwingt sich Johnson aufs Fahrrad, weil weder Taxi noch S-Bahn fahren, und strampelt durch »das wildeste Schneetreiben seit Jahrzehnten« von der Innenstadt an den Wannsee, um eine wichtige Botschaft zu überbringen. Noch heute spürt Rühmkorf den »Beschützerinstinkt« des Jüngeren: »Als ob er mich vor etwas bewahren, beschützen wolle. Zwischen uns beiden war eher er der Gesprächige.«

Woran erinnert sich Marianne Frisch? Der »manchmal verbitterte, beharrliche, sture, schwierige, unberechenbare Mensch«, der als Gast des Freundes Max Frisch im Tessin drei Tage lang nur schwieg, sodass beide, unabhängig voneinander, sie als Mittlerin aus Berlin herbeizutelefonieren versuchen, »könnte für andere durchs Feuer gehen«. Als Max Frisch 1974 in New York war und sie »eine Art Zusammenbruch« erlitt, war Johnson »vierzehn Tage lang« für sie da: »Er hat es auf ganz rührende Weise geschafft, mich zur Ruhe zu bringen.«

Am meisten über Johnsons Leben und Werk lernt man nun aus den Erinnerungen von Reinhard Baumgart, der auch als Lektor mit ihm gearbeitet hat – und zu der Einsicht kommt: »Je näher man an ihn rankam, desto schwieriger wurde es.«

Gegenüber dem Gerede vom großen Schweiger besteht Baumgart, den »Nächte hindurch Redenden« noch hörend, auf dem »Gegengemurmel«: »Johnson hatte Stimmen im Kopf … Sein Erzählen ist…einer der inständigsten Versuche im 20. Jahrhundert, sehr nah an das Mündliche heranzukommen.«

Dem widerspricht nicht die Einsicht des Literaturlauschers Peter Wapnewski von Johnsons »in fast tragischer Weise« bestehender »Sprachlosigkeit, was die Artikulation von Gefühlen betrifft«: »Wortreich drückt sich Johnsons Kommunikationsunfähigkeit« in seinen Briefen aus.

Was hat Hans Werner Richters Frau, Toni, bemerkt: »Johnson sah seinen Gesprächspartner nie an … Er schaute in die Pfeife und gab dann seine wirklich oft bitteren Äußerungen von sich. Das sah dann so aus, daß sich sein Mund nach innen kräuselte und er mit fast geschlossenem Mund sprach.«

Einen wenig bekannten, unbekümmerten, frechen Johnson lernt man kennen im Briefwechsel mit Jochen Ziem (1932–1994). Studentenulk – und doch viel mehr, wie in Leipzig 1955 nicht anders zu erwarten. »Lieber Schochen« kritzelt Johnson oder »Lieben Ziem«, auch »Ziemie« oder »Dear brother Joaquin«. Selten hört man so lockere Töne von Johnson, wie er sie beim zwei Jahre älteren Mitstudenten aus Magdeburg wagt. Und unterzeichnet die 19 Briefe, 17 Postkarten, fünf Ansichtskarten, weil er ausgehungert, hochgewachsen, schlank war, damals schon englischbegeistert, oft als »Slim«. Der heute zu Unrecht vergessene Erzähler, (Fernseh-)Dramatiker Ziem, der Johnson um zehn Jahre überlebt hat, rächt sich an dem Kommilitonen-Kollegen. Der hatte größeren Erfolg. Denn wieder kam es, wie oft bei Johnson, auch mit diesem Vertrauten zum Bruch, »gleichermaßen banal wie peinlich«, schreibt der Herausgeber. Ziem wütet gegen den »Dampfwalzenegoismus« des »mecklenburgischen Zarathustra, den Rücksichtslosen, der mehr aufs Schreiben und weniger aufs Existieren« aus ist.

Wie ist dieser Erzähler, auch von so genannten großen Kritikern, niedergemacht worden. Und wie suchen, wie finden ihn junge Leser. Drei, dann zehn Jahre lang haben sich die jungen Gelehrten Uwe Fries (Uwe Johnsons »Jahrestage«, 1990) und Holger Helbig (Beschreibung einer Beschreibung – »Das dritte Buch über Achim«, 1996; beide bei Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen) zusammen mit anderen Lesern/Forschern vorgenommen, ein Johnson-Jahrbuch herauszugeben. Sie haben es geschafft. Der zehnte Band ist erschienen. Und jüngere Johnson-Enthusiasten wollen das Jahrbuch weiterführen.

Johnson und seine Kameraden wurden niedergeknüppelt

Schon sind neue Bücher von und über diesen vermeintlich so spröden, dabei so humorvollen Autor angekündigt: Uwe Johnson – Sofort einsetzendes geselliges Beisammensein (Transit Verlag); Johnson-Jahre, herausgegeben von Uwe Neumann (Suhrkamp). Und, man glaubt es kaum, gleich zwei Johnson-Festwochen laden ein: bis zum 24. Juli in Johnsons Lieblingslandschaft auf dem Darß an der Ostsee (Telefon: 038233/ 703810) und vom 15. bis 17. September 2004 in London (Telefon: 0044-20/862-8965).

Wer den lebenslangen Kämpfer gegen Unrecht, Uwe Johnson, kennen gelernt hat, mag den Bericht über neue, schöne Bücher nicht so freundlich wissenschaftlich enden. Erst jetzt kommt auf meinen Tisch eine Dokumentation, die viele lesen sollten, in Ost und West: Es geht um den Widerstand der Schüler in Güstrow 1951, an dem auch Johnson beteiligt war, den der junge Polizeistaat DDR mit einer an Nazimethoden erinnernden Brutalität niedergeknüppelt hat.

Johnson ist diesem Massaker, gerade noch, entkommen. Aber sein ganzes Leben und Schreiben sind durch diese Barbarei eines Polizeistaats, der sich »sozialistisch« zu nennen wagte, geprägt. Folter, Schlaf-, Wasserentzug: Bis auf die Gaskammer ging es, bei lachenden Polizisten-Beamten, die heute wohl ihre Rente verzehren, auch in den KZs der Nazis nicht anders zu. Viele der jungen Leute, Mitschüler von Johnson, sind tot oder schwerstbeschädigt. Es ehrt die ehemaligen Schüler an Johnsons Schule in Güstrow, dieses furchtbare Dossier zusammengetragen zu haben.

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  • Von Rolf Michaelis
  • Datum 2.5.2008 - 04:30 Uhr
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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