Hirnforschung

Der Brabbeltest

Hirnforscher glauben, kindliche Sprachstörungen frühzeitig erkennen zu können. Doch ihre Versprechungen sind allzu vollmundig

Das Spiel »Ich sehe was, was du nicht siehst« ist bei Hirnforschern beliebt. Mit Hilfe von Kernspintomografen produzieren sie bunte Bilder vom Gehirn, oder sie messen fleißig Hirnströme und glauben schließlich Dinge zu sehen, die Vertretern anderer Wissenschaftsdisziplinen verborgen bleiben. Seit einiger Zeit wollen die Neuropsychologen auch die Kleinkindforschung mit Hirnstromtabellen oder farbenreichen Computerillustrationen revolutionieren. Das geht nicht immer gut.

So haben kürzlich zwei Forscher eine kühne Vision entwickelt: Elektroden am kindlichen Kopf eröffnen die Möglichkeit, Sprachentwicklungsstörungen frühzeitig zu diagnostizieren. Das glauben zumindest Angela Friederici, die Direktorin des Max-Planck-Instituts für neuropsychologische Forschung in Leipzig, und der Linguist Jürgen Weißenborn von der Humboldt-Universität Berlin. In ihrem »Pamphlet« (so bezeichnet Friederici das Schriftstück) argumentieren die beiden, ihre Studien legten nahe, dass sich mit der Messung der elektrischen Gehirnaktivität schon im ersten Lebensjahr Störungen beim Sprechenlernen erkennen ließen. Höchste Zeit also, in diesem zarten Alter nicht nur mit der Analytik zu beginnen, sondern auch mit gezielter Sprachförderung auf das Defizit zu reagieren.

Das klingt zunächst wie ein neuer, beeindruckender Beweis für die Aussagekraft der neuropsychologischen Herangehensweise, die – wie alles, was die Vorsilbe »neuro« trägt – derzeit mächtig im Trend liegt. Den Boom haben zum Teil die bildgebenden Verfahren der Hirnforschung befördert, die in den vergangenen Jahren viele interessante Resultate erzielt haben. Doch die Begeisterung für die Neuroforschung speist sich auch aus den weitreichenden Interpretationen vieler bei der Erforschung des Schädelinnern gewonnenen Daten. Dabei schießen einige Forscher übers Ziel hinaus. Nicht wenige Anzeichen sprechen dafür, dass es Friederici und Weißenborn nicht anders ergangen ist.

Die Störung, der die Aufmerksamkeit der Forscher gilt, heißt SLI, specific language impairment . Vier bis acht Prozent der Bevölkerung teilen das Leiden, das unabhängig von der sozialen Herkunft und von körperlichen oder psychischen Problemen auftritt. Bei den Betroffenen verläuft die Entwicklung der Sprache in jungen Jahren langsamer und unvollständiger als bei anderen Kindern. Die Probleme bleiben oft ein Leben lang bestehen, am häufigsten in Form einer Lese-Rechtschreib-Schwäche.

170 Kleinkinder kommen zum monatlichen Brabbeltest

Von Berlin aus versucht eine Gruppe von Linguisten, Neuropsychologen und Medizinern im Rahmen der Deutschen Sprachentwicklungsstudie, die Ursachen zu klären. 170 Kinder stehen seit ihrer Geburt im Dienst der Wissenschaft. Die jüngsten sind einige Wochen alt, die ältesten inzwischen drei Jahre. Monat für Monat kommen die Kleinen in die Kinderklinik Lindenhof im Osten der Stadt. Dann beobachten die Wissenschaftler beim Elektroenzephalogramm (EEG) die Hirnströme der Kinder, messen die Blickdauer auf bestimmte Bilder. Währenddessen rücken die Kleinen Klötze, sehen Filme an und schreien, lallen oder brabbeln ihre ersten Wörter aufs Band.

50 der 170 Kinder haben ein SLI-Risiko. Die kleine Yvonne ist eines davon. Auch die Mutter der Anderthalbjährigen zeigt die typischen Symptome. »Irgendwie hat es, als ich klein war, mit dem Sprechen und Lesen bei mir nicht so geklappt wie bei anderen«, erzählt sie. Nachbars Kinder plapperten munter drauflos, bei ihr hakte etwas im Gehirn. Das Mitschreiben von Telefonnummern fällt ihr bis heute schwer, und ihr Neffe geht wegen seiner mangelnden sprachlichen Fähigkeiten mit zehn noch immer in die erste Klasse.

Den Grund für das Übel glaubt Friederici nun gefunden zu haben: Die Ursache für die Sprachbeschwerden sind Probleme bei der Verarbeitung lautlicher Strukturen, speziell der Sprachmelodie. Im Test müssen die Kleinkinder unterschiedlich intonierte Silben unterscheiden. Auf das plötzliche Vorkommen der Silbe »baa« in einer langen Reihe von »pa« reagiert das Hirn eines zweimonatigen Kinds mit SLI-Risiko fast doppelt so langsam wie das eines Gleichaltrigen ohne genetische Vorbelastung. Seine Hirnströme weisen eine deutliche Verzögerung auf. »Wir haben Hinweise, dass auch Erwachsene mit SLI diese Verzögerung zeigen«, sagt Friederici.

Bei Risikokindern ist die Lallproduktion eingeschränkt

Künftig soll die Hirnstrommessung, dank der Ergebnisse der Sprachentwicklungsstudie, die frühzeitige Diagnose dieses Fehlers liefern. Einige Ergebnisse sprechen tatsächlich dafür, dass es die Wahrnehmung rhythmischer Auffälligkeiten im Lautschwall ist, die den Risikokindern von Geburt an Schwierigkeiten bereitet. Dies zeigte sich in einem Test mit fünf Monate alten Risikobabys. Sie zeigten weniger Reaktionen, wenn sie mit unterschiedlichen Betonungsmustern konfrontiert wurden und auf der ersten Silbe betonte Jamben von den auf der zweiten Silbe betonten Trochäen unterscheiden sollten.

»Wir können zeigen, dass die Kinder, die nach 18 Monaten einen geringen Wortschatz haben, jene sind, die auch schon mit zwei Monaten auffällig waren«, sagt Friederici. Bunte Kernspinaufnahmen scheinen die Theorie zu bestätigen. US-Forscher aus Miami fanden bei Kindern, die erst spät anfangen zu sprechen, so genannten Late-Talkern, in den für die Satzmelodie zuständigen Hirnbereichen auf der rechten Seite erhöhte Aktivität – auf der linken Seite, wo Wortbedeutung und Satzbau analysiert werden, dagegen weniger. Mögliche Interpretation: große Anstrengung beim Erfassen von Betonung, Rhythmus und Intonation, kleine Erfolge beim Verständnis.

Auch aus den anderen Arbeitsbereichen der Sprachentwicklungsstudie kommen Hinweise auf eine mögliche Früherkennung. In Würzburg analysiert Kathleen Wermke die Schreie der 170 Berliner Probanden-Babys. Bei Anderthalbjährigen mit dem entsprechenden Risiko beobachtet sie einfachere Schreimelodien. Zudem ist bei den gleichen Kindern, wie Linguist Weißenborn betont, »auch die Lallproduktion mit drei Monaten eingeschränkt«.

Doch ist allein mit diesen Indizien schon der Nutzen solcher Messungen erwiesen? Mitnichten. Denn leider ist in der Hirnforschung wieder einmal alles komplizierter, als man es gern hätte. Zwar ist Projektleiterin Friederici von der Machbarkeit einer Früherkennung »fest überzeugt« und beim entscheidenden Parameter, der Verzögerung der Hirnströme, »hundertprozentig sicher«. Ihre Mitarbeiter allerdings, die am Sprachprojekt direkt an den Daten arbeiten, sehen die Sache weitaus nüchterner.

»Wir können noch nicht einmal herausfinden, was eine Sprachstörung letztlich überhaupt ist«, sagt Karsten Nubel, der in Berlin ebenfalls die Hirnstrommessungen der Säuglinge analysiert hat. Ein Late-Talker ist noch lange nicht sprachgestört. Nicht einmal die Frage, wie viele Kinder aus der Risikogruppe letztlich SLI haben werden, lässt sich präzise beantworten. Zahlen zwischen 20 und 70 Prozent findet man in der Fachliteratur. Das einzige Verfahren, mit dem bisher bei Zweijährigen anhand von Wortschatzzahlen und Elternfragebögen eine Einstufung vorgenommen wird – der so genannte Grimm-Test –, ist unter Fachleuten heftig umstritten.

So hat Nubel die Fähigkeit, Silben voneinander zu unterscheiden, bei allen sechs Monate alten Kindern in gleichem Maße festgestellt – ganz unabhängig davon, ob sie ein Risiko für SLI haben oder nicht. Statt mit »baa« und »pa« hat er allerdings den Test mit den Silben »da« und »ga« durchgeführt. Warum, fragte Nubel sich, sollte nur die erste Variante des Tests auf eine Sprachstörung hinweisen?

Eine ausgeprägt schnelle Reizleitung im Gehirn scheinen mit fünf Monaten einzig Kinder zu haben, die mit anderthalb Jahren besonders viel plappern. Der Umkehrschluss – je weniger gemessener Hirnstrom, desto langsamer die Leitung – gilt jedoch nicht.

Genauso wenig wie die Daten der Elektroden am Kopf erlauben die vom Computertomografen gefertigten Kernspinbilder eindeutige Aussagen. »Erhöhte Aktivität« bedeutet letztlich nichts weiter, als dass in den betroffenen Bereichen des Gehirns mehr Blut fließt. »Rechts mehr, links weniger« ließe sich also genauso gut entgegengesetzt interpretieren: große Erfolge im Areal, das für die Satzmelodie zuständig ist, kleine Konsequenz für das Wortverständnis.

»Auch mit zwei Jahren können Kinder die Entwicklung aufholen«

Hirnforscher Nubel glaubt daher nicht an Früherkennung durch Hirnstrom-Screening. »Es hat sich noch kein Parameter gezeigt, der so stabil wäre, dass wir damit etwas aussagen könnten.« Die widersprüchlichen Ergebnisse zwischen »baa« und »pa« auf der einen, »da« und »ga« auf der anderen Seite könne er sich nur durch die unterschiedlichen Messmethoden bei den Versuchen erklären.

Auch wenn die Diagnose stimmte: Gleichbedeutend mit einem Heilsversprechen wäre sie noch lange nicht. Zwar brauchen in der Tat SLI-Kinder »gerade wegen ihrer genetischen Veranlagung mehr Unterstützung beim Lernen der Sprache«, wie der Münchner Kinderpsychologe Waldemar von Suchodoletz sagt. Doch muss man wirklich schon im Säuglingsalter beginnen, damit »das Sprachfenster der Hirnentwicklung«, wie es Linguist Weißenborn formuliert, nicht zuklappt?

Monika Rausch, Präsidentin des Bundesverbands für Logopädie, bezweifelt dies: »Auch mit zwei Jahren kann ein Kind die Entwicklung aufholen.« Sie wäre »schon froh«, wenn die Kinderärzte Sorgen der Eltern ernst nähmen und die auffälligen Kinder mit zwei und nicht erst mit vier Jahren zur Frühförderung schickten. Alles noch Frühere, sagt Rausch, sei wohl eher »rein wissenschaftlich interessant«.

Da ist die Frage berechtigt, was die Sprachentwicklungsforscher angesichts der offensichtlichen Widersprüche dazu verleitet, ihre Erkenntnisse via Kampfschrift zu verbreiten. Die Antwort: der Blick in die Kasse. Denn die ist leer, seit die Deutsche Forschungsgemeinschaft die Förderung für die Sprachentwicklungsstudie gestrichen hat. Bei der Begutachtung zur Halbzeit im vergangenen Jahr ist die Studie durchgefallen. Im Frühjahr ist die öffentliche Finanzierung ausgelaufen. Die Forschungsgemeinschaft schweigt zu den Gründen des Abbruchs – einzig der Hinweis »Qualitätskriterien nicht erfüllt« ist über den Inhalt der Gutachten zu erfahren.

Dass die weltweit größte Untersuchung ihrer Art nach halber Strecke im Mülleimer der Forschung zu enden droht, könnte trotzdem ein Fehler sein. Eine Revolution in Diagnose und Therapie der Sprachentwicklungsstörung hätte am Ende vermutlich nicht herausgeschaut. Aber einige große Rätsel der Sprachentwicklung könnte die Studie klären helfen. Wie wirken sprachliche und motorische Fähigkeiten bei Kindern zusammen? Welche Taktik nutzt ein scheinbar »leeres« Kinderhirn, um sich Worte anzueignen, und Bedeutung und Grammatik festzulegen? Denn noch immer steht die Hirnforschung bei der Frage, wie ein Kind sprechen lernt, vor großen Rätseln.

Um die bisher geflossenen 1,5 Millionen Euro Forschungsmittel nicht ergebnisarm verpuffen zu lassen, hat sich das Projekt mittlerweile aufgespalten. Jede Gruppe sucht nun allein nach Folgesponsoren. Ein bisschen möchten die Hirnforscher mit ihren Kindern noch weiterarbeiten. Denn erst im Schulalter wird zu erfahren sein, welches Kind tatsächlich Sprachschwierigkeiten entwickelt hat. Dann kann ein Blick auf die 170 Berliner Geschichten vom Sprechenlernen durchaus noch einmal lohnen.

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