Es war im Januar 1985, als man La Bohème in der Wiener Staatsoper hörte und so sprachlos war wie seinerzeit Hans Castorp, der berühmteste Diskjockey der Literaturgeschichte. Heilige Stunde in Thomas Manns Zauberberg: Castorp hockt frühmorgens, ungestört von den anderen Patienten, im Salon, kurbelt sein Grammofon an und lässt "mit gefalteten Händen" einen "Zwiegesang aus einer modernen italienischen Oper" spielen. Weil Castorp zu diesem Duett die Worte fehlten, schrieb Mann sie hin: "Zärtlicheres gab es auf Erden nicht."

In Wien war es der Dirigent Carlos Kleiber, der Mirella Freni und Luciano Pavarotti damals in einem wahnsinnsnahen Anfall von Zärtlichkeit durch die Mansarde begleitete. Es war einer jener unwiederbringlichen Abende, für die kartenhungrige Musikfreunde nächtelange Wartezeiten oder überirdische Schwarzmarktpreise hinnehmen – und doch misstrauisch bleiben. Es schien damals unmöglich, dass Kleiber, der Erfinder der Überempfindsamkeit am Dirigentenpult, noch einmal nach Wien zurückkehren würde, nachdem er sich Jahre zuvor mit den Wiener Philharmonikern in einer Probe so schlimm verkracht hatte, dass er ein Konzert durch seine unverzügliche Abreise einfach ins Wasser fallen ließ.

Nun aber war Kleiber wieder da, und das Haus am Ring war enthusiasmiert, wie sehr sich Carlos redivivus alles Triumphale der Rückkehr versagte. Er stellte sich bescheiden in den Dienst Puccinis, schien dessen idealer Vertrauter, er führte die Sänger, als werde die Kunst des Begleitens an diesem Abend neu erfunden, er lockerte die rhythmischen Bandagen zur größtmöglichen Freiheit des Ausdrucks und hielt doch alles Musizieren unter strenger kammermusikalischer Aufsicht.

Mit Kleiber gingen die Wiener Philharmoniker beinahe scheu durch die Musik, sie schlenderten, stolzierten nicht, sie schienen auf einfachste Weise sanft und federnd bewegt. Man hörte wie in einem tönenden Aquarell erhebende Mittelstimmen, deren Existenz man vergessen hatte.

Dieser Wiener Abend war symptomatisch für die Einzigartigkeit dieses großen und unergründlichen Dirigenten. Kleiber war nicht aus Eitelkeit launisch oder im pubertären Sinne schwierig, er ergab sich vielmehr dem Glauben, dass Kontinuität der Arbeit nicht vonnöten sein muss, wenn es gelingt, im Moment der Aufführung alle Kräfte zu bündeln und zu entfesseln. Solches Kalkül der künstlerischen Gesinnung erfordert gewiss ein Maß an dirigentischer Gerissenheit. Doch war Kleiber kein Hasardeur, der auf das nervöse Glück des Augenblicks vertraute. Seine Proben waren ungeheuer genau, und wer davon ausnahmsweise authentische Kunde bekam, der staunte nicht schlecht über die antiimperatorische Dezenz seiner Arbeit. Es hieß dann, Kleiber habe mit verzweifelter Verbissenheit wiederholt um die zarten Vibrationen des Pianos nachgesucht, habe den kleinsten metrischen Stromstößen nachgespürt, statt mit breiter Pinselführung den Star am Pult und den süßen Sound der Musik herauszukehren.

Kleiber, der behutsame Meister der Entfesselung: Sie war vermutlich sein musikalischer und auch biografischer Triebimpuls. Vielleicht musste er diesen Weg zur Verweigerung gegenüber dem Betrieb suchen, weil sie allein ihm die Möglichkeit eröffnete, sein Leben außerhalb der überlebenslangen Aufsicht seines Vaters zu führen, des nicht minder berühmten Dirigenten Erich Kleiber. Der war zwar 1956 gestorben, doch behielt er im Gefühlshaushalt des Sohnes die Rolle eines Nervs, der auch nach einer Entfernung noch Schmerzen bereitet.

Vater Kleiber hatte seinem 1930 in Berlin geborenen Sohn seit den frühen Tagen im Exil in Buenos Aires die verschwenderische Vielfalt des Repertoires vorgelebt. Und es zählte zur Gründlichkeit des normalen Bühnenbetriebs, dass Carlos sich wenigstens während seiner Kapellmeisterjahre das Neinsagen noch nicht leistete. In München, Düsseldorf oder Zürich lernte er das Brot des Opernalltags kauen, indes wissen Operngänger mit gutem Erinnerungsvermögen zu berichten, dass Sohn Kleiber damals, in den fünfziger und sechziger Jahren, bereits einen Appetit auf erlesene und aufwändige Zubereitungsarten entwickelte.

Doch zügelte er seinen Hunger. Bald war er zum öffentlichen Genussverzicht bereit, sodass seine Bewunderer auf arge Proben gestellt wurden. Kommt er? Sagt er ab? Warum macht er sich so rar? Gibt es ihn überhaupt noch? Ohnedies nahm er irgendwann die Züge eines Phantoms an. Ihm zuliebe schmissen Orchesterdisponenten ihre Jahrespläne über den Haufen, weil der unberechenbare Maestro nun doch beliebte, an Münchner Pulten zwei, drei Vorstellungen zu leiten – oder ein Gastkonzert in Ingolstadt zu geben, wo Musikfreunde im Hauptberuf jene Autos bauen, die Kleiber gerne lenkte. Dirigieren, wenn man ausnahmsweise muss: Dieser Luxus wird Kleiber in den entspannteren Stunden seines Lebens ein wenig vergnügt haben. Von den anderen Stunden dieses Lebens wissen wir nichts.