Frankreichs Schuldgefühle
Wird 2004 Frankreichs »Kristalljahr«, wie der Philosoph Alain Finkielkraut befürchtet? Schürt das Kopftuchverbot im Land des Laizismus eine neue religiöse Illiberalität, auf die marginalisierte Muslime mit Judeophobie reagieren? Dreimal erlebte Frankreich seit 2003, dass aus berechtigter Empörung über Gewaltverbrechen die Schuldzuweisungen vorschnell oder falsch waren: Erst wurde ein Rabbiner in Paris vor seiner Synagoge niedergestochen, dann fiel ein jüdischer Schüler in Epinay-sur-Seine einem Messerstecher zum Opfer. Und auch nach dem jüngsten Überfall in der Pariser Regionalbahn, als sich eine junge Mutter mit herausgerissenen Haaren und auf den Leib geschmierten Hakenkreuzen bei der Polizei meldete, schien es eindeutig, dass die Täter muslimische Immigranten mit antisemitischen Motiven waren.
Doch bevor die Messerattacken sich als gewöhnliche Verbrechen und der jüngste Fall als Lügengeschichte einer psychisch labilen Frau entpuppten, hagelte es weltweit Schlagzeilen von der »Wiederkehr des Hasses» (Newsweek), vom »Schauplatz der neuen antisemitischen Aggressionen« (Houston Chronicle) , vom »Angriff auf den jüdischen Glauben« (Jerusalem Post) und von »Frankreich im Dämmerlicht des Rassismus« (International Herald Tribune). Am schärfsten nahmen Präsident Chirac und sein Innenminister de Villepin die Empörung in Frankreich auf – noch bevor die Ermittlungen begonnen hatten.
Es war die Reaktion von ertappten Wiederholungstätern, die sich selbst bezichtigten, um neuerlichen Sanktionen zu entgehen. Denn 127 tätliche Angriffe auf jüdische Bürger 2003 und bereits 135 im ersten Halbjahr 2004 empfindet das Land als Bestätigung dessen, was der israelische Vize-Außenminister Michael Melchior bereits 2002 anprangerte: »Frankreich ist das schlimmste westliche Land, was den Antisemitismus angeht.« Am vergangenen Wochenende nun trat Israels Premierminister Ariel Scharon in offiziellen diplomatischen Konflikt mit Frankreich, als er angesichts des »wildesten Antisemitismus« die französischen Juden definitiv aufforderte: »Ziehen Sie nach Israel, so schnell wie möglich.«
Zwei Millionen Muslime betreiben ihre eigene Ghettoisierung
Zwar haben jetzt Sprecher der jüdischen Gemeinden ihr Land in Schutz genommen und die Auswanderungsappelle zurückgewiesen. Auch gilt Scharons Vorstoß als Teil seiner Ansiedlungskampagne, um mit Blick auf die explodierenden arabischen Bevölkerungszahlen die demografischen Probleme Israels zu lösen. Dennoch zielt Scharon gegen eine Bedrohung, die auch von den Franzosen als Hauptübel erkannt wird. Es geht nicht um den Antisemitismus der französischen Gesamtgesellschaft, sondern um die muslimischen Immigranten, deren Gewaltbereitschaft sprunghaft zugenommen hat. Zu lange waren die Franzosen damit zufrieden, dass der Antisemitismus der Weltkriegskollaborateure und Front-National-Anhänger ausstirbt. Viel zu spät bemerkten sie, dass es nun die Kinder maghrebinischer Einwanderer sind, die den Nahostkonflikt auf französischem Boden austragen.
Jüngst hat der Staatsschutz in ganz Frankreich 300 problematische Nachbarschaften mit 1,8 Millionen Einwohnern ausgemacht, die in islamischen Parallelwelten ihre eigene Ghettoisierung betreiben. Die drakonische Strafverfolgung, mit der Polizei und Justiz heute auf delinquente Immigranten reagieren, führt zu einer Überbelegung der Gefängnisse mit arabisch-muslimischen Insassen. Die Feindseligkeit der Franzosen gegenüber ihren Einwanderern lässt ahnen, dass die Konfrontation noch schärfer werden wird.
- Datum 22.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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