Als sie ins Haus zurückkam, ihr Kind an der Hand, das sie mehr liebt als alles andere, den Hund an der Leine, lagen Blumen auf dem Tisch, es war Freitag, Brunnenstraße 3 in 8610 Uster, Kanton Zürich, fünf Rosen, in Papier geschlagen und rot. Yvonne stellte sie in eine Vase, sie füllte die Vase mit Wasser und ging die Treppen hinauf, erster Stock, zweiter, trat ins Büro ihres Mannes, der am Computer saß, Daniel S., und sagte Danke, der Mann und die Frau reichten sich die Gesichter und küssten sich schnell, vielleicht sagte Yvonne: Zum Nachtessen gibt es Nudeln und Safranreis, ist das recht? Das war am 15. Februar 2002.

Zu dritt saßen sie am Tisch und redeten wenig. Yvonne, wie immer, trug ab, füllte den Geschirrspüler, Daniel spielte mit seinem Sohn, drei Jahre alt, Lego, dann brachte er das Kind ins Bett und sang ihm ein Lied, las ihm eine Geschichte vor, ein Männchen, so klein, dass es Platz hat in einer Streichholzschachtel, Yvonne dachte: Nur selten bringt er den Kleinen ins Bett.

Der Mann und die Frau kennen sich, seit sie sieben sind, 1972. Drei Jahre lang saßen sie in derselben Klasse der Rudolf-Steiner-Schule, Zürich, Plattenstraße 39. Dann zog Daniel weg, man verlor sich, bis er Anfang August 1983 in der Straßenbahn, Linie fünf, saß, die auf den Zürichberg fährt, und dieses Mädchen entdeckte, das aussah wie Yvonne.

Yvonne aber, schön und verträumt, schaute aus dem Fenster und überlegte, wo sie aussteigen wollte, an der Susenbergstraße, wie immer, wenn sie die Werkstatt ihres Vaters besuchte, oder eine Haltestelle weiter, Zoo. Daniel beschloss: Steigt sie, wie ich, beim Zoo aus, spreche ich sie an.

Wochen später lagen sie umschlungen, es war der 4. September 1983, beide siebzehn und verliebt, Lehrlinge, er Schreiner, sie Schallplattenverkäuferin. Und sahen sich dann, bis Yvonne verhaftet wurde, selten länger nicht als drei Tage.

Jetzt setzte sich Yvonne an das Bett des Sohnes, sie streichelte ihn, küsste ihn, sie hielten sich, vielleicht fragte er, ob er am nächsten Tag in die Spielgruppe dürfe. Morgen, Kleiner, ist doch Samstag. Es war halb zehn Uhr am Abend des 15. Februar 2002, Daniel S. saß im Schlafzimmer, zweiter Stock, beigefarbener Bademantel, er saß auf einem Sofa, und der Fernseher zeigte die Olympischen Spiele von Salt Lake City, Curling. Yvonne löste sich vom Kind und räumte die Küche auf, Erdgeschoss, setzte sich dann neben ihren Mann, der manchmal so traurig ist und außer sich, sie rauchten, wie jeden Abend, Haschisch, Yvonne fragte Daniel: Wie war es heute Nachmittag?

Er sei bei der Tante gewesen, der jüngsten Schwester seiner Mutter, die auch Daniels Patin ist, habe sich Trost geholt und Rat. Bring deiner Yvonne Blumen nach Hause, hatte die Tante gesagt, und erlaube ihr, einen Abend in der Woche außer Haus zu sein, allein und wo immer sie will. Yvonne dachte: Soll ich mich nun freuen?

Heute weiß sie nicht, ob sie sich freute.

Seit Jahren, zum Beispiel, hatte sie ihre Mutter nicht mehr in die Oper begleitet, aus Angst, Daniel zu verletzen, der am liebsten zu Hause blieb. Der manchmal, immer häufiger, weinte: Wer den anderen wirklich liebt, braucht keine Oper. Wer ohne Partner ausgeht, stellt sein Wohl über die Beziehung, ist doch logisch. Und traf Yvonne ihre Mutter einmal doch, sah sie ständig auf die Uhr, dachte an Daniel, der allein zu Hause lag, verlassen von der Welt Yvonne. Ein halbes Jahr erst waren sie ein Paar gewesen, Ende 1983, beide achtzehn, als Daniel den Satz sprach: Ich oder deine Familie. Yvonne zog zu Daniel, Daniel hatte Pläne, Daniel redete lange kluge Sätze, und sonntags lud er Yvonne auf sein Motorrad, Daniel vorn, Yvonne hinten, die Liebe im Wald, ein Rausch. Jedes Wochenende setzte Yvonne sich in den Zug und fuhr nach Paris, wo Daniel blieb, vier Wochen lang, um in Frankreich, was in der Schweiz so schnell nicht möglich war, die Prüfung für schwere Motorräder zu bestehen. Yvonne erzählte ihm, mit einem Kollegen geschlafen zu haben, blöd. Daniel S. weinte, zwei Jahre später betrog er sie, konnte trotzdem nicht verzeihen, er ist, sagt Yvonne, darüber nie hinweggekommen. Im Mai 1985 zogen Daniel und Yvonne nach Schwamendingen an die Dübendorferstraße 34, sie lebten in zwei Zimmern, zogen nach Bülach, drei Zimmer, sonntags fuhren sie aus, Yvonne endlich auf der eigenen Kawasaki, die einzige Frau im Männertross, Daniel führte an, Daniel, der als Bub schon Verstärker und Lautsprecher baute, jeden Computer beherrschte, D & Y, ein Zelt im Gepäck, nahmen die Schweizer Alpen, die französischen Alpen, Eric Clapton, Phil Collins, ZZ Top, aber manchmal, vielleicht dreimal im Jahr, begann Daniel zu weinen, Daniel sagte: Besser, ich wäre nicht mehr hier, wäre tot. Dann streichelte Yvonne Daniel und trocknete seine Tränen, immer wieder. Daniel und Yvonne verlobten sich, sie waren fünfundzwanzig, Yvonne wurde krank, Gürtelrose.

Und nun sagte er: Montagabend, ich gebe dir den Montagabend.

Der Mann weinte, heulte laut, fühlte sich unverstanden und einsam, die halbe Nacht

Sie schwiegen. Gegen elf Uhr erhob sich die Frau vom Sofa und führte den Hund ins Freie, sie stellte sich vors Kinderzimmer und horchte, stieg dann wieder unters Dach, sie setzte sich zum Mann, der seit Tagen hustete, Yvonne fragte: Möchtest du einen Saft, Zitrone und Honig?

Die Frau, zwei Stöcke tiefer, rührte um, sie rührte um und brachte dem Mann, der vor dem Fernseher saß, das Getränk, zwei Treppen höher, stellte das Glas auf den hölzernen Salontisch. Jetzt hörte sie das Wimmern ihres Sohnes, elf Uhr vorbei, die Frau tröstete und streichelte und stieg ins Erdgeschoss hinab, füllte eine Schnabeltasse mit kalter Milch, stieg hinauf, reichte sie dem Kind. Sie wartete, schloss, als der Bub schlief, leise die Tür, der Mann, einen Stock höher, rief: Das ist aber bitter. Die Frau, jetzt neben ihm, roch am Glas, nippte vielleicht daran, der Mann hatte nicht alles getrunken, sie sagte wahrscheinlich: Nicht bitterer als gestern. Sie nahm das Glas und wusch es im Badezimmer, stieg in die Küche hinab und legte es in den Geschirrspüler, stellte die Maschine an. Als die Frau ins Schlafzimmer trat, lag der Mann auf dem Sofa und schlief, er schnarchte, Yvonne findet, er hat schöne Augen.

Sie rauchte den Joint zu Ende, den er zwischen den Fingern hielt, und legte sich auf ein Bett, einen Stock tiefer, die Frau wollte schlafen, Mitternacht, konnte nicht schlafen.

Einmal hatte ihre Schwester angerufen und nach Yvonnes Weisheitszahn gefragt, der seit Tagen schmerzte, Daniel, als er davon erfuhr, begann zu lärmen, zu weinen, wimmern, er stieg in sein Büro hinauf und drehte den Schlüssel: Ich oder deine Familie. Einmal, weil die Frau, neben Hundefutter, Milch, Windeln, auch den Aufschnitt in der Migros und nicht beim Metzger gekauft hatte, klagte der Mann, Yvonnes Bequemlichkeit stehe über der Sorge um sein Befinden. Er lachte selten.

Heute sagt Yvonne: "Wir waren nur noch eine Person – seine."

D & Y heirateten in Motorradmontur, 1. April 1992, Daniels Tante, die ihm auch Patin ist, kochte, es war ein großes Fest, 60 Menschen im Haus, 4. Juli 1992. Zwei Jahre später zogen Daniel und Yvonne nach Frankreich, Saze, 20 Minuten bis Avignon, um dort ein anderes Leben zu beginnen, vielleicht ein Motel zu führen oder eine Schreinerei, sie hatten wenig Geld, kamen in die Schweiz zurück und fanden eine Wohnung in Uster, Brunnenstraße 7, vier Zimmer, dann Brunnenstraße 3, fünf Zimmer, verteilt auf drei Stöcke. Sie arbeiteten, wo sie Arbeit fanden, Daniel als Informatiker, Yvonne als Telefonistin bei Yves Rocher, der Anlage- und Kreditbank, Advista Treuhand, UPM Kymmene AG. Yvonne wollte ein Kind, Daniel ein Geschäft. Im Februar 1999 gründete er eine Aktiengesellschaft, verkaufte Computerprogramme, Netzwerke, Systeme, Hardware, Software, Yvonne übernahm die Buchhaltung. Ein Kind, sagte Daniel, kommt infrage, wenn das Materielle stimmt. Manchmal sagte er: Über einer Beziehung steht nichts, rein gar nichts, kann und darf nichts stehen, und steht etwas darüber, so sind dies nackte Egoismen, Flausen, ja Flausen, versteh doch, ist logisch. Er sagte: Der Zeitpunkt, Yvonne, dich in dieser Ehe nicht wohl zu fühlen, ist schlecht gewählt.

Yvonne schlief jetzt weg und erwachte wieder, Yvonne stieg die Treppe hinauf und öffnete einen Spalt breit die Tür des Schlafzimmers, sie hörte ihn atmen. Irgendwann weinte das Kind, Yvonne streichelte, tröstete, wollte schlafen.

Heute blickt sie aus dem Fenster, schwere Gitter davor, und spricht auf das Tonband: Den Zustand, in dem ich war, kann ich nicht beschreiben – es gab keinen Zustand.

Daniel S. hörte nicht auf zu atmen in der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 2002. Er lag auf dem Sofa, beigefarbener Morgenmantel, die Beine am Boden, Yvonne sagte vielleicht: Was bist du müde heute!, sie umfasste, damit Daniel bequemer lag, die Beine des Mannes und legte sie auf das Polster, es war Samstag, halb acht Uhr am Morgen, die Frau ging in die Küche und rauchte eine Zigarette, sie stand, rauchte und dachte nichts, hörte ihr Kind rufen, sie holte es aus seinem Bett, wie alle Morgen, einen Stock höher, die Frau sagte: Papa schläft noch. Die Frau gab dem Kind zu essen, sie zog es an, es war nun halb neun, die Frau nahm ihr Kind, das sie mehr liebt als alles andere, an der Hand, nahm den Hund an die Leine, die Frau, wie immer, ging spazieren, Daniel schlief, sie weiß nicht mehr, ob sie jemanden traf, jemanden sah, es war kühl, Yvonne brachte den Hund ins Haus, sie dachte: Damit der Hund nicht schmutzig wird, benütze ich die Haustür, gehe nicht durch den Garten. Sie brachte das Kind zum Spielplatz, sie setzte sich daneben und sprach mit einer Nachbarin, kurz vor elf bat Yvonne die Nachbarin, auf ihren Sohn aufzupassen, weil sie schnell nach Hause möchte, zu sehen, wie es dem Mann gehe, der heute morgen, als sie die Wohnung verließ, noch tief geschlafen habe, erkältet.

Urin auf Morgenmantel und Polster, Daniel atmete.

Kurz nach elf Uhr, wie jeden Tag, kam der Milchexpress, Yvonne kaufte drei Liter Milch und Eistee, vielleicht kaufte sie noch mehr, sie weiß es nicht.

Als sie ihr langes Haar kürzte, weil kurzes Haar ihr besser gefiel, verlangte Daniel Gründe, für alles verlangte er Gründe, hatte sie keine Lust, mit ihm zu schlafen, wollte er Gründe, Daniel sagte: Wenn man sich liebt, ist man bereit, es dem anderen zuliebe zu tun, logisch. Er sagte: Solange du mir nicht beweisen kannst, dass deine Argumente besser sind als meine, hast du meine zu übernehmen. Der Mann sagte: Nur fundierte Argumente sind akzeptabel. Als sie ihr langes Haar kürzte, bedrängte der Mann drei Stunden lang die Frau, verlangte gute Gründe, widerlegte, was sie meinte, bis Yvonne ja sagte, ja, du hast Recht, und verstummte. Dann sagte Daniel S.: Du bist nicht kommunikativ, hast es nie gelernt. Hey, Yvonne, es ist nicht logisch, dass in einer Beziehung jemand anders denkt und fühlt als der andere. Wenn doch, krankt die Beziehung.

Yvonne sagte ja, immer wieder, und schwieg.

Manchmal sagte der Mann: Am liebsten brächte ich mich um, diese Welt ist so verkommen und egoistisch.

Dann streichelte sie ihn, tröstete.

Ich bin zu feige, sagte er, um es selber zu tun.

Rief Yvonne ihre Schwester an, tat sie es heimlich. Wenn ich den Kleinen, erzählte Yvonne, ein Wochenende lang seiner Patin überlasse, dann darf ich, Daniels Wunsch, an diesem Wochenende nicht menstruieren.

Die Wohnung an der Brunnenstraße, auf drei Stöcke verteilt, kostete 3500 Franken im Monat, Daniel verdiente 8500, 2100 davon gab er Yvonne.

Selten dachte sie an Francisco Araiza, den Tenor im Zürcher Opernhaus, den sie einst so sehr verehrt hatte, dass sie ihm einen Brief schrieb, fünfzehnjährig, und ihn zum Essen einlud, der Berühmte und das Mädchen, er zierte sich nicht, sie lachten, lachten ohne Grund. Manchmal dachte Yvonne, wie schön es wäre, wieder Geige zu spielen. Geige mochte Daniel nicht.

Sie sagt: "Die Geburt des Sohnes war unsere Trennung."

Das Kind wollte nicht ans Licht, zwei Wochen lang, die Ärzte empfahlen Medikamente, und dann geschah, worauf Yvonne sich gefreut hatte, in schnellen 50 Minuten, ein Knabe, 3450 Gramm schwer, 51 Zentimeter lang, Daniel, von einem Kunden kommend, schnitt die Nabelschnur durch, Spital Uster, 25. Februar 1999, 22 Uhr 51.

Einmal sagte der Mann: Mit Sicherheit ist dieses Kind hoch begabt, und entsprechend muss es gefördert werden.

Die ersten Tage nach der Geburt ihres Sohnes lebte sie in einem Nebenhaus des Spitals, hatte den Kleinen an der Seite, streichelte ihn, küsste, Yvonne war glücklich, sie füllte ihr Tagebuch. Daniel, der es zu Hause allein nicht aushielt, bat, bei Yvonne zu schlafen, Yvonne sagte, um ein Nein nicht begründen zu müssen, ja, ja, Daniel sah das Tagebuch der Frau, fragte, ob er es lesen dürfe, Yvonne sagte ja, der Mann las, er las von einem goldenen Käfig, las, dass Yvonne glaubte, Daniel wolle im Grunde keine Kinder, der Mann weinte, er heulte laut, fühlte sich unverstanden und einsam, die halbe Nacht. Yvonne, wie immer, streichelte.

Einmal sagte er: Eine gute Kleinkindmutter magst du zwar sein, aber erreicht unser Sohn das Alter, da er zur Schule muss, werde ich für ihn die Verantwortung übernehmen. Daniel sprach: Der analytisch-intellektuelle Teil von uns, Yvonne, bin ich.

Es ist so sonderbar, haucht sie, dass ich mich hier wohl fühle, wohler als die 19 Jahre zuvor, Zelle 00.18, Frauengefängnis, 3324 Hindelbank.

War die Frau allein mit ihrem Sohn, war sie eine andere, lustig, sorglos, verträumt, manchmal sang sie wie ein Kind, tanzte für den Kleinen. War der Mann im Haus, Brunnenstraße 3, wurde sie stumm und müde, sagte ja, um ein Nein nicht begründen zu müssen, wich aus, gab keinen Anlass. Daniel, wenn er nach Hause kam, reichte der Frau sein Gesicht, man küsste schnell und wortlos, dann stieg er zwei Treppen hoch und setzte sich vor den Computer, Daniel wurde krank, der Darm. Er wollte ein Haus, sie ein zweites Kind.

Er atmete laut, Yvonne schloss die Tür des Schlafzimmers und sagte: Papa schläft immer noch.

Sie setzte das Kind auf die Ablage, damit es ihr, wie immer, beim Kochen zusah, das Kind weinte, wollte nicht zusehen, wollte mit seiner Mutter einen Schokoladekuchen backen, jetzt, sofort, sie backten Schokoladekuchen, aßen schließlich zu Mittag. Sie legte ihr Kind dann ins Bett, es war halb zwei Uhr, Samstag, der 16. Februar 2002, ein kühler Tag, der Mann erwachte nicht, Daniel starb nicht.

Warum, Frau S., haben Sie Ihren Mann nicht verlassen?

Sie schweigt und sucht nach Worten: "Ich konnte nicht. Ich steckte in seinen Stiefeln. Ich habe keine andere Antwort. Es wäre für ihn so grauenhaft furchtbar gewesen. Sie legt das schmale Gesicht in ihre Hände und weint: Ich war ja ein Teil von ihm. Ich konnte ihn nicht verlassen, er hätte es nicht zugelassen, ich hätte begründen müssen, und er hätte alles widerlegt.

War Daniel nicht im Haus, dachte sich Yvonne ganze Reden aus, die sie ihm halten würde, sie schrieb ihre Gedanken auf Zettel, Argumente, und war er dann da, sagte sie ja und wurde stumm. Sie saß mit ihm am Tisch, Schweiß an den Händen, und hörte zu, hörte zu, er sagte: Ist doch logisch! Lösungsorientiert! Essenziell! Stundenlang sprach der Mann, die Frau saß daneben und sah ihm ins Gesicht, sie wollte weglaufen, konnte nicht, wollte wegschauen, und drehte sie ihren Kopf zum Kind, das in einer Ecke stumm spielte, sagte der Mann: Du hörst mir nicht zu, mit dir kann man nicht kommunizieren! Er stand auf und stieg zwei Treppen hoch, weinte, manchmal sagte der Mann zur Frau: Ich bin zu feige, um mich zu töten, mach du es! Oder verlass mich, wenn du mich nicht mehr liebst! Yvonne zog ihr Kind auf den Schoß, streichelte: Tut mir leid, dass der Papa wieder so lange geredet hat.

Der soll nur mithören, sagte Daniel, damit er versteht, um was es hier geht.

Im Oktober 2000 schrieb Yvonne einen Brief, sie brauchte Stunden, bedachte jedes Wort, las den Brief, bevor sie ihn Daniel hinlegte, ihrer Schwester vor und der Patin des Kindes, ein wunderschöner sanfter Brief, sagten die Frauen.

Mein lieber Daniel,
ich sitze hier, um meine Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, nun bin ich bereits wieder blockiert. Ich fühle mich ohnmächtig dir gegenüber, weil ich in meinem Innersten spüre, dass ich keine Chance habe, dir das Wasser zu reichen. Ich habe unwahrscheinlich Mühe, deiner analytischen Denkweise und deinem Rationalismus standzuhalten! Mir fehlt auch immer mehr der gesellschaftliche Teil meines Lebens, den ich für meine Seele nun einfach brauche. Einfach sein, ohne sich irgendwelche Gedanken darüber zu machen. Ist das denn so schlimm, dass ich mich darin wohl fühle? Ich habe deine Eigenständigkeit und Persönlichkeit respektiert. Deshalb möchte ich dich bitten, mein lieber Daniel, dass du meiner Persönlichkeit nun etwas mehr Raum lässt. Meine Unterwürfigkeit Dir gegenüber hat sich über all die Jahre so eingespielt, dass ich jetzt die neue Aufgabe als Mutter und Hausfrau spüre und glaube, fast daran zu ersticken.

Yvonne fror, als sie den Brief ihrem Mann gab. Er ging in sein Zimmer, las und sagte, der Zeitpunkt, ihm eine Klageschrift zu überreichen, sei schlecht gewählt. Dann holte er aus, widerlegte Punkt für Punkt. Zehn Monate später, am 13. August 2001, schrieb er:

Liebe Yvonne,
um meine Gefühle und Probleme scherst du dich einen Dreck. Es interessiert dich nicht, wie es mir geht. Du stellst mich immer wieder als ein richtiges Arschloch hin, wenn ich versuche, mit dir wieder einen Weg zu finden. Du scheinst einfach nicht zu begreifen, dass du mich in den letzten Jahren immer wieder sehr verletzt und verarscht hast. Dies macht mich auch so wütend, da ich immer wieder an dich geglaubt habe. Ich zähle dir nun die wichtigsten Punkte auf… dein dich immer noch ganz fest liebender und absolut unglücklicher Ehemann und Freund. !!!Bitte springe endlich über Deinen Schatten!!!

Sie bat Daniel: Lass uns Hilfe holen, lass uns eine Eheberatung eingehen. Er sprach: Wenn du zum Psychologen willst, dann geh. Doch der wird dir nichts anderes sagen, als ich dir schon sage.

Kurz vor zwei Uhr rief Yvonne den Nachbarn an, sie brauche jemanden Starken, um ihren Mann, den sie nicht wach kriege, aufs Bett zu legen, ihre Stimme war leise und seltsam. Der Nachbar kam, Yvonne führte ihn zu Daniel, der schwer hustete, der Nachbar schüttelte Daniel S., er maß den Puls, 140 Schläge, er befahl Yvonne, einen nassen Lappen zu holen, die Frau wusch dem Mann das Gesicht, putzte ihm weißen Schleim aus dem Mund, sie zitterte, wimmerte. Dann legten sie Daniel aufs Bett und stützten ihn mit Kissen, Yvonne rief den Notfallarzt an und erklärte, der Arzt empfahl, die Ambulanz zu bestellen, Nummer 144, Einlieferung ins Krankenhaus Uster um 15 Uhr 38, Yvonne fragte: Soll ich mitfahren?, der Nachbar sagte: Du kannst nicht helfen. Yvonne führte den Hund ins Freie, nahm ihr Kind an die Hand, sie spazierten, Yvonne brachte ihren Sohn den Nachbarn und fuhr ins Spital, sie wartete und weinte, die Ärzte sagten: Ihr Mann liegt im Koma. Was hat er gegessen, getrunken? Nahm er Medikamente? Sie weiß nicht, was sie antwortete, Yvonne rief ihre Mutter an, sie weinte, Daniel liege im Koma, keine Ahnung, weshalb. Die Mutter kam nach Uster und fand ihre Tochter bleich und müde, Yvonne sagte, Daniel habe wieder Bronchitis gehabt, und also habe sie ihm einen Saft gepresst, Zitrone und Honig, dann sei er eingeschlafen und nicht mehr erwacht, sie schluchzte laut und zitterte. Ein Arzt sprach: Das Hirn ist in Ordnung, nun warten wir ab. Sie fuhren an die Brunnenstraße 3 und wühlten im Abfall, fanden keine Tabletten, kein Gift, fuhren nach Volketswil zur Firma des Mannes, wühlten im Abfall und fanden nichts.

Manchmal, wenn sie allein war, dachte Yvonne: Wie schön, wenn er nicht mehr wäre, wenn jemand die Radmuttern seines Autos lockerte. Wenn.

Die Frau dachte: Wie schön, wenn er nicht mehr wäre, wenn jemand die Radmuttern seines Autos lockerte

Vielleicht im Juli 2001 stieß sie beim Einkaufen im Supermarkt, es klingt wie Kitsch, mit einem Mann zusammen, er hatte ein helles Lachen, sie redeten und tauschten Nummern, sahen sich wieder beim Spazieren, in seinem Bett, der Mann war so anders als Daniel, lustig und sorglos, ein Arbeiter ohne Geld und Kummer, der, wenn er sich von ihr wälzte, keine Fragen stellte: Wie war’s? Was meinst du mit toll? Weshalb? Aber das letzte Mal sagtest du doch! Yvonne kaufte ein zweites Handy und stellte es auf lautlos. Rief der Geliebte an, ließ er es einmal klingeln und brach ab. Dann, sobald sie allein war, rief Yvonne zurück. Er war mein Zipfel Freiheit, sagt sie, endlich hatte ich etwas für mich allein. Yvonne sprach täglich mit dem Mann, traf ihn jede Woche, sie aß nicht mehr, einmal fragte sie: Kennst du ein Gift, das im Körper keine Spuren hinterlässt? Der Mann lachte: Mach keinen Scheiß, Yvonne. Ihren Großvater bat sie um ein Darlehen, dachte nie darüber nach, wie sie das Geld zurückbezahlen könnte, Yvonne verschwieg Daniel Kredit und Geliebten, Schmetterlinge im Hirn, eine Ahnung von Leben, ich dachte nicht, sagt sie im Gefängnis, dass ich zu solchen Gefühlen noch fähig wäre. Dem Geliebten, der einen alten kaputten Peugeot besaß, schenkte sie die Hälfte ihres Geldes.

In der Nacht vom 15. auf den 16. Februar 2002, als Daniel im Schlafzimmer lag und nicht zu atmen aufhörte, rief Yvonne den Geliebten an, fünfmal, und weinte, winselte, sie habe ihren Mann vergiftet, sie weiß nicht mehr, dass sie den Geliebten anrief, 0.14, 3.49, 5.00, 7.43, 11.00 Uhr, ich weiß nichts mehr.

Trat Daniel ins Haus an der Brunnenstraße 3, wurde Yvonne stumm und schwer. Sie kochte frühzeitig, damit das Essen fertig war, wenn er kam. Keinen Anlass bieten! Yvonne wagte nicht, ihm zu sagen, dass sie mit ihrem Sohn drei, vier Tage verreisen möchte, zur Schwester ins Bündnerland, sie zögerte und verschob ihren Bescheid, am 10. Januar 2002, einen Tag vor der Fahrt, hatte sie den Mut, Daniel verstand nicht: Ich bin mit dir verheiratet und nicht mit deiner Familie!, er redete die Nacht voll, neun Stunden lang, Daniel verlangte Gründe, Daniel lieferte Argumente, Yvonne hatte nasse Hände, kaum Luft im Hals – und erschrak dann, dass sie trotzdem fuhr, schwer und traurig saß sie im Zug, sie konnte nicht weinen, nicht schlafen, nicht weinen, am nächsten Morgen rief Daniel an und sagte: Ich hole euch nach Hause! Yvonne wollte nein sagen und sagte ja.

Drei Wochen später, Anfang Februar 2002, fuhr die Frau nach Zürich, um dort, wie jede Woche, für 100 Franken Haschisch zu kaufen, Konradstraße, Kreis vier. Sie fragte den Händler, den sie nicht kannte: Hast du ein Mittel, das tödlich wirkt und im Körper keine Spuren hinterlässt? Die Frau stellte ihren Renault Espace auf einen Parkplatz, sie wartete, stieg nicht aus, wartete eine halbe Stunde lang, bis der Fremde wiederkam und ein Döschen durchs Fenster reichte und 800 Franken wollte. Die Frau fragte nicht, was darin sei, sie öffnete das Döschen nicht, bezahlte und reiste nach Hause, ließ das Gift in der Tasche des Mantels, den sie im Erdgeschoss an einen Bügel hängte, Kunstfell, Schneeleopard.

Daniel, der seit Tagen hustete, fragte am Mittag des 15. Februar 2002, es war Freitag und kalt, seine Ehefrau Yvonne, ob sie ihn liebe oder nur noch gern habe.

Ihr Rücken begann zu frieren, die Hände zu schwitzen. Sie sagte, was sie noch nie gesagt hatte: Gern.

Der Mann: "Dann kann man unsere Beziehung für beendet betrachten!"

Die Frau wollte ja sagen und schwieg. Der Mann weinte. Er küsste sie schnell, fuhr dann zu seiner Aktiengesellschaft und rief zwei Kunden an, er sei unpässlich, er könne nicht, fuhr weiter zu seiner Tante, die ihm auch Patin ist, die Tante sprach: Gib ihr Blumen und einen freien Tag.

Um elf Uhr nachts saß Daniel S. vor dem Fernseher, beigefarbener Morgenmantel, einen Joint zwischen den Fingern. Die Frau saß neben ihm und fragte: Willst du einen Saft, Zitrone und Honig?

Daniel S. erwachte am Montag um halb acht Uhr morgens, 18. Februar 2002, ihm war schwindelig. Um neun stand seine Frau am Bett und weinte, weinte, ihre Augen waren tief und rot, Daniel sprach ihren Namen, Yvonne fuhr ein kalter Schauer über den Rücken, sie weiß nicht, ob aus Freude oder Schrecken. Sie streichelte seinen Arm und stotterte, er habe einen Zusammenbruch gehabt, geschlafen seit Freitagnacht. Am Nachmittag traten drei Ärzte ins Zimmer, in Daniels Urin, in seinem Blut habe man Spuren von Barbiturat entdeckt, Pentobarbital, ein Schlafmittel, so viel, dass Daniel daran hätte sterben können. Sie fragten, ob er sich habe töten wollen, fragten immer wieder. Daniel dachte an den Saft, den Yvonne ihm gab. Er schwieg, rief sie an: Yvi, ich vermisse dich, komm an mein Bett. Sie kam, streichelte, der Mann fragte, die Frau antwortete: Zitrone und Honig, wie immer. Dann schwiegen sie. Um acht Uhr abends verließen D & Y das Krankenhaus und fuhren nach Hause, Brunnenstraße 3. Der Mann duschte und legte Wäsche in eine Tasche, man sprach wenig, er küsste die Frau und reiste nach Schaffhausen zu einem Freund, er brauche Abstand jetzt, Yvonne heulte laut.

Ich bereue so sehr, was ich tat, sagt Yvonne S. in ihrem Gefängnis, acht Jahre Zuchthaus wegen versuchter vorsätzlicher Tötung im Sinne von Artikel 111 des Strafgesetzbuchs, ich bereue es so sehr.

Ihre Stimme bricht.

Daniel rief aus Schaffhausen an, es war Mittwoch, der 20. Februar 2002, er sagte: Yvonne, ich bin meines Lebens nicht mehr sicher. Yvonne schwieg vielleicht, sie weiß nicht, was sie antwortete, er sagte: Aber ich verzeihe dir. Es gibt Möglichkeiten, damit umzugehen.

Am Donnerstag, 9 Uhr 11, schrieb sie Daniel eine Nachricht, SMS: Wie sehen denn diese Möglichkeiten aus? Ich verspreche dir, dass du deines Lebens sicher sein kannst.

Um 11 Uhr 22 schrieb sie: Habe morgen einen Termin im Psychiatrischen Zentrum Wetzikon. Damit du weißt, dass ich am Ball bleibe!! Yvi.

Der Mann, 19 Uhr 43: Wie diese Möglichkeiten aussehen, kann ich noch nicht sagen. Es wäre wirklich schön, wenn wir uns wieder näher kämen. Denn ich habe dich noch immer sehr lieb.

Die Frau: Ich werde mich morgen im Psychiatrischen Zentrum öffnen. Lasst mich bitte nicht einliefern, und bitte zeige mich nicht an.

Der Mann: Sali Yvi, mein Schatz, mit dem Wissen, das ich jetzt habe, werde ich sicher keine Anzeige machen. Ich will dir die Möglichkeit geben, dich weiterzuentwickeln. Dein dich sehr liebender Daniel.

Eine Woche nach der Vergiftung, die Daniel S. seiner Frau verzieh, am Freitag, 22. Februar 2002, acht Uhr, saß Yvonne vor einem Arzt des Psychiatrischen Zentrums Wetzikon, sie stotterte: Ich wollte meinen Mann töten. Der Arzt fragte: Weshalb? Yvonne: Ich wollte meine Ruhe haben.

Der Arzt, ohne die Frau zu fragen, rief die Polizei.

Verhaftung am nächsten Morgen, neun Uhr, sie brachten Yvonne in die Polizeikaserne von Zürich, verhörten sie zweimal, 23. Februar 2002, Yvonne weinte: Ich konnte ihn nicht verlassen, es wäre so grauenhaft furchtbar für ihn.

Sie sperrten die Frau in eine Zelle, es wurde Nacht.

* Die Namen von Personen und Straßen im Text sind verändert