Lebenszeichen Fokussieren
Harald Martenstein weiß endlich, was im Journalismus wichtig ist
Vor einiger Zeit hat das Fernsehen bei mir angerufen. Sie wollten etwas über Journalismus machen. Ein Reporter kam ins Büro. Er fragte: »Was ist im Journalismus wichtig?« Ich antwortete: »Neugier.« Das war der größte Schwachsinn, den ich in meinem Leben jemals gesagt habe.
In der Sendung kamen Dutzende von Journalisten vor, berühmte, halb berühmte und unbekannte, ich glaube, sogar Frank Schirrmacher. Auf die »Was ist wichtig?«-Frage haben alle die gleiche Antwort gegeben. Alle sagen das Gleiche! Wie in Nordkorea! Das hatten die Fernsehleute aber auch sehr schön zusammengeschnitten. Man sah einen Journalistenkopf nach dem anderen, und sie sagten alle nacheinander mit verschiedenen Stimmen: »Neugier.« – »Neugier.« – »Neugier.« – »Neugier.«
Hinterher dachte ich: »Auch Katzen und Hunde sind neugierig. Trotzdem sind es in der Regel keine guten Journalisten.« Danach dachte ich: »Mut! Es ist Mut! Der Journalist braucht den Mut, sich mit den Mächtigen dieser Gesellschaft anzulegen, dem Chefredakteur zum Beispiel.« Aber Katzen und Hunde sind auch manchmal mutig.
Jetzt sage ich Ihnen, was im Journalismus am wichtigsten ist und gleichzeitig am schwierigsten. Es ist das Fokussieren. Darunter verstehe ich, dass man sich auf das Thema des Artikels konzentriert und an nichts anderes denkt, bis das Ideenfloating einsetzt. Man darf nicht aufstehen und Joghurt holen. Man darf nicht ans Telefon. Man darf nicht die E-Mails checken. Man muss fokussieren und sonst gar nichts. Katzen fokussieren, wenn sie eine Maus sehen. Dabei richten sich ihre Ohren steil auf, die Barthaare zucken, und der Schwanz schlägt wild hin und her. All dies ist bei fokussierenden Journalisten zum Glück nicht der Fall.
Mit 25 hätte ich in den Fokussierweltmeisterschaften locker eine Medaille gewonnen. Ich saß in der Lokalredaktion im Großraumbüro. Alle haben gleichzeitig telefoniert. Einige stritten und brüllten. Andere waren betrunken und torkelten mit ihren Rotweingläsern krachend gegen die Regale. Redakteure und Volontärinnen liebten sich lautstark unter den Schreibtischen, während Boten unablässig Gegendarstellungen in den Raum trugen. Der eisgraue Lokalchef lief auf und ab und schrie: »So geht es nicht! So geht es nicht! Nun nehmt doch Vernunft an, Kinder!« Tja, so ist es nun mal im Lokaljournalismus. Ich aber schrieb einen Artikel nach dem anderen.
Heute muss ich vor dem ersten Wort mindestens 30 Minuten Fokussierzeit haben, sonst kann ich nichts schreiben. Jedes Geräusch, jedes Wort, das einer an mich richtet, macht alles zunichte, und die 30-Minuten-Frist beginnt von vorne. Zum Schreiben muss ich das Handy ausschalten und das Telefon ausstöpseln. Dann kommen die Leute plötzlich zu Fuß in mein Büro gerannt und rufen: »Du gehst nicht ans Telefon!« Neuerdings schließe ich das Büro zum Fokussieren von innen ab. Dann kommen sie, rütteln, schlagen mit den Fäusten gegen die Tür und rufen durchs Schlüsselloch: »Du hast die Tür abgeschlossen!«, als ob ich das nicht selber wüsste.
- Datum 31.10.2007 - 13:10 Uhr
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- Serie Lebenszeichen
- Quelle (c) DIE ZEIT 22.07.2004 Nr.31
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