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Erst stehlen, dann erpressen: Wie moderne Kunstdiebe das große Geschäft machen

Sie kamen bei Nacht, stülpten einen Pappkarton über die Überwachungskamera und rissen wahllos Gemälde von der Wand. Am Ende verließen sie das Brücke-Museum im vornehmen Stadtteil Berlin-Dahlem mit einer Beute im Wert von 3,6 Millionen Euro – Werke von Emil Nolde, Ernst-Ludwig Kirchner und Max Pechstein. Doch schon wenig später schnappte die Polizei sie beim nächsten Einbruch. Erfolgreicher waren dagegen jene Diebe, die aus dem unbewohnten Schloss Kötteritzsch in Sachsen im August 1994 ein großes Bleiglasfenster, eine Ornamenttür, eine Sitztruhe und eine geschliffene Lampe mitnahmen. Nach ihnen sucht das sächsische Landeskriminalamt noch heute.

Namhafte und namenlose Künstler stehen am Beginn einer Wertschöpfungskette, an der viele verdienen: einerseits Künstler, Galeristen und Museen, andererseits Kunsträuber und illegale Händler, zwielichtige Gutachter und Detektive. Vor allem bei Werken aus der zweiten und dritten Reihe floriert das illegale Geschäft. Sie machen den größten Teil des internationalen Marktes für gestohlene Kunst aus, der schätzungsweise fünf Milliarden Dollar umfasst. Solche Bilder und Grafiken, Skulpturen und Installationen seien zu einer ganz besonderen Ware geworden, sagt die Kunsthistorikerin Ulli Seegers vom Art Loss Register. Das Kölner Institut befasst sich mit der Wiederbeschaffung gestohlener Kunstwerke.

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Hehler schaffen bayerische Marienbilder nach Südamerika

Bei den Tätern handelt es sich, das zeigt die polizeiliche Kriminalstatistik, überwiegend um Männer zwischen 25 und 50 Jahren. Ein typisches Täterprofil gibt es zwar nicht, doch so verschieden die Diebe sind – früher oder später haben sie alle dasselbe Problem. Wie macht man das gestohlene Werk zu Geld? Schließlich ist die Community der Kunsthändler überschaubar, und ohne genaue Angabe der Herkunft lässt sich fast nichts mehr verkaufen. »Wir lassen uns schriftlich vom Einlieferer versichern, dass er der rechtmäßige Eigentümer ist, und kontrollieren im Zweifel auch die Personalien. Mehr kann man nicht machen«, sagt Askan Quittenbaum, Inhaber eines Auktionshauses in Hamburg und München. Er fühlt sich relativ sicher vor gestohlener Ware, denn im Katalog und im Internet wird mit Abbildung gezeigt, was unter den Hammer kommt. Das Art Loss Register kontrolliert routinemäßig die Auktionsverzeichnisse auf Diebesgut. Rein rechnerisch entpuppt sich eines von 4500 versteigerten Kunststücken als geklaut – aber das sind nur die offiziellen Zahlen.

Aufgrund von Kontrollen haben sich internationale Hehlerbanden auf den weltweiten Handel mit Kunst spezialisiert.Bei unbekannten Werken funktioniert dies am besten: Marienbilder aus bayerischen oder rumänischen Kirchen finden ihre Abnehmer in Lateinamerika, ägyptische Statuen stehen bei europäischen Sammlern hoch im Kurs. Gutachter verdienen ebenfalls am illegalen Spiel mit. Denn ohne Herkunftsnachweis und Expertise sind auch weniger bekannte Werke nicht so einfach loszuschlagen. Stefan Horsthemke von der auf Kunst spezialisierten Versicherung Axa Art bestätigt eine Zunahme an gefälschten Expertisen und schätzt ihr Volumen auf einen Versicherungswert von einer Milliarde Euro. So wurden schon mal Werke von unbekannten Künstlern zu solchen von Picasso, Chagall, van Gogh oder Signac. Immer wieder akzeptieren auch Banken Kunstwerke mit derartigen Gutachten als Sicherheit für Kredite, und auch manche Versicherer fallen auf den Schwindel herein.

Die Axa Art beschäftigt einen Stab von 50 spezialisierten Kunsthistorikern, die den Wert, die Echtheit und die Herkunft der Werke überprüfen. Und sie bietet ihre Hilfe auch bei der Sicherung der Werke an. Nicht immer ist das Wissen der Experten allerdings gefragt. Auch nicht bei der wohl prominentesten Ausstellung moderner Kunst in Deutschland, der des New Yorker Museum of Modern Art in Berlin. Die Verantwortlichen wollten – bei einer Versicherungssumme von etwa 1,5 Milliarden Euro – die Gebühren von etwa sieben Millionen Euro sparen. Sollte die Berliner Nationalgalerie zum Ziel einer Diebesbande werden, trägt der Steuerzahler die Last. Kulturstaatsministerin Christina Weiss hat dafür gesorgt, dass der Staat die Haftung übernimmt.

Dann bliebe nur noch die Hoffnung, dass man es mit dem so genannten Art-Napping zu tun hat. So heißt eine neuerdings beliebte Methode, Werke bekannter Meister zu Geld zu machen: Die früheren Eigentümer werden erpresst. So geschehen bei jenen Werken von Rembrandt und Renoir, die kurz vor Weihnachten des Jahres 2000 aus dem Stockholmer Nationalmuseum gestohlen wurden, oder den beiden Werken von William Turner, Leihgaben der Tate Gallery, die im Juli 1994 aus der Frankfurter Kunsthalle Schirn verschwanden. Gegen Lösegelder, über deren Höhe Museen und Kriminalbeamte schweigen, erhielten ihre Eigentümer sie zurück.

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