hochschule Raum ist Geld

Wenn die Studenten am Strand liegen, bevölkern Manager und tibetanische Buddhisten die Uni. Deutschlands Hochschulen steigen in den Tagungsmarkt ein

Also in einem, da ist die Universität Hamburg schon heute Markführer. Niemand sonst in der Hansestadt hat so schöne Flure: endlos lange und verwinkelte, düstere und lichtdurchflutete, welche mit Nischen und andere mit hohen Fenstern. »Die Filmindustrie liebt das«, sagt Jochen Taaks. »Und wir haben jede Menge davon.« Schade eigentlich, dass trotzdem so wenige Flure in der Broschüre vorkommen, die die universitätseigene Marketing GmbH, deren Geschäftsführer Taaks ist, neuerdings an potenzielle Mieter verteilt. Stattdessen jede Menge repräsentative Hörsäle voller High Tech, auf Wunsch mit komplettem »Eventmanagement« und mobilen »Promotion-Teams«.

Es ist wirklich an der Zeit, mit einem Vorurteil aufzuräumen: An Deutschlands Universitäten beginnen zwar gerade die Semesterferien, doch die Hörsäle und Seminarräume verfallen deshalb keineswegs in einen monatelangen Dämmerzustand, aus dem sie erst mit Beginn des Wintersemesters im Oktober erwachen. Im Gegenteil: Während die Studenten am Strand liegen, hocken Ärzte, Manager oder manchmal auch Anhänger des tibetanischen Buddhismus auf deren Plätzen und halten ihre Jahrestagungen und Kongresse ab. Auch während der Vorlesungszeiten finden die Hochschulen mehr und mehr Abnehmer, die ihre Räume für einen Abend oder übers Wochenende buchen: Da zeigt dann der Abenteurer Rüdiger Nehberg im Hamburger Audimax die Dias seiner Regenwaldtour, an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main treffen sich eBay-Nutzer, und im Schlosspark der Universität Münster gastiert ein Zirkus. »Vom hässlichen Seminarraum bis zum Festsaal, wir haben alles«, sagt Jochen May, Leiter der Campuservice GmbH der Goethe-Universität.

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Es scheint fast so, als hätten Deutschlands Hochschulen von einem Tag auf den anderen entdeckt, dass sie auf einer Geldquelle sitzen, entsprechend ist die Begeisterung, mit der sie jetzt Hochglanzbroschüren, Pressemitteilungen und Internet-Auftritte entwerfen. Bei geschickter Vermarktung könnten alle Hochschulen zusammen bis zu 40 Millionen Euro im Jahr an Raummieten einnehmen, schätzt der Dachverband Deutscher Immobilienverwalter (DDIV). An Universitäten wie Hamburg oder Frankfurt entspräche das immerhin zwei bis drei zusätzlichen Professuren – und das in Zeiten, in denen der klamme Staat seine Hochschulen zur Sparsamkeit erzieht. »Mit unserem derzeitigen Budget können wir gerade noch die laufenden Kosten decken«, sagt Marc Briele von der Fachhochschule Nürnberg. »Es müssen nur mal ein paar Computer ausfallen, und schon stehen wir auf dem Schlauch. Darum brauchen wir dringend zusätzliche Einnahmen.«

Einige Hochschulen setzen noch auf Kundenabwehr

Doch während die Hochschulen in Hamburg, Frankfurt, Nürnberg mit Flyern und ohne Berührungsängste auf Kundenfang gehen, sind sie anderswo noch immer der Auffassung, aktive Kundenwerbung sei »nicht Aufgabe einer Universität« (Universität Münster), und wenn schon Fremdveranstaltungen, dann nur solche, die auch einen »der Bildung dienenden Hintergrund« haben (Universität München). »Man kann natürlich auch auf Kundenabwehr setzen«, sagt der Hamburger Marketingchef Jochen Taaks. Zum Vergleich ein Ausriss aus dem aktuellen Herbstprogramm an der Uni Hamburg: Tagungen von TUI Business Travel und Greenpeace, Karneval der Kulturen und ein Bibi-Blocksberg-Kindermusical. Die wenigsten gehen allerdings so weit, eine eigene Marketing-GmbH zu gründen. Und eines ist auch klar: Die Erfolgsaussichten einer staatlichen Hochschule auf dem lukrativen wie umkämpften Tagungs- und Kongressmarkt sind auch bei gewiefter Vermarktung begrenzt, und das nicht nur, weil Hörsäle und Seminarräume nie für solche Zwecke konstruiert worden sind. Universitäten haben immer noch einen Hang zur Schmuddeligkeit. »Natürlich ist das hier kein Hotel«, sagt sogar Taaks. »Unsere Uni wird von 40000 jungen Menschen bewohnt. Das hinterlässt Spuren.«

Umgekehrt, davon ist zumindest DDIV-Generalsekretär Karlheinz Körner überzeugt, hätten selbst leicht ramponierte Hochschulen einen Wettbewerbsvorteil gegenüber schicken Hotels und Kongresszentren: ihre wissenschaftliche Reputation. »Nehmen wir mal ein Maschinenbau-Unternehmen«, sagt Körner, »das würde sich doch gern den Mantel einer Technischen Universität umlegen und wäre sogar bereit, für Tagungsfläche etwas mehr zu zahlen.« Vorstellbar wären auch jahrelange Partnerschaften zwischen Firmen und der Universität: Die Universität stellt günstig Räume zur Verfügung, die Firmen übernehmen dafür deren Renovierung. »Das wäre dann der Unterschied zwischen laienhafter und professioneller Immobilienverwaltung.«

Doch je selbstbewusster die Hochschulen auf den Tagungs- und Kongressmarkt vordringen, desto näher kommen sie auch einem Graubereich: Zum einen könnten die staatlich subventionierten Universitäten unter Umständen private Konkurrenten mit Dumpingpreisen unterbieten. »Ehrlicherweise müsste ich sämtliche Kosten miteinbeziehen«, sagt Friedrich Stratmann, Experte für Gebäudemanagement beim Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover. »Die Gefahr besteht jedoch, dass ich als Hochschule zum Beispiel die Arbeitskosten des Hausmeisters gar nicht erst berücksichtige, weil der ja schon bezahlt ist. Doch genau das wäre dann unlauterer Wettbewerb.« Viel grundlegender allerdings ist laut Stratmann die steuerliche Problematik: Eigentlich sind Hochschulen gemeinnützig und damit steuerbefreit. Diese Regelung schließt die so genannte Vermögensverwaltung mit ein, zu der auch gelegentliche Vermietungen zählen. »Betreiben Hochschulen aber gezieltes Marketing, bieten Veranstaltungsmanagement an und erwirtschaften damit Gewinne, werden sie steuerpflichtig«, sagt Thomas Breustedt, Sprecher des nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministeriums. »Da muss eine saubere Trennlinie gezogen werden, damit es keinen Ärger mit dem Finanzamt gibt.« Genau davor haben einige Universitäten Angst und halten sich noch zurück in Sachen Vermietung. »Wir prüfen derzeit, wie wir unter diesen Umständen agieren sollen«, sagt Thorsten Buderus vom Dezernat für Haushaltsangelegenheiten an der Ruhruniversität Bochum.

Aufpoliertes Image statt fetter Gewinne

Die saubere Trennlinie wäre in beiden Fällen die Einrichtung einer universitätseigenen GmbH. Jochen Taaks erscheint die Debatte um Gewinne und Steuerpflicht indes ein wenig überzogen. »Als ob hier die fetten Gewinne anfallen würden«, sagt er. »Es geht doch gar nicht darum, den Haushalt der Universität zu entlasten. Wir wollen gutes Marketing machen, und das kostet Geld.« Die Aufgabe der GmbH sei, das Ansehen der Universität zu verbessern, Präsenz in der Stadt zu zeigen und Kontakte mit Firmen und Sponsoren zu knüpfen. Die Vermietung sei dabei ein willkommenes Instrument, das zudem ein wenig zur Instandhaltung der Gebäude beitrage.

Dass ausgestorbene Universitätsgebäude in den Semesterferien nicht gerade von einer agilen Universität zeugen, versteht sich von selbst. Genau wie umgekehrt ein belebter, lebensfroher Campus einen enormen Imagegewinn bedeuten kann, zeugt er doch von Dynamik und Weltoffenheit. Ein kluger Schachzug also, wie in Hamburg die Raumvermietung und das Marketing in einer Abteilung zusammenzufassen, die sich auch mit anderen Formen der Imagepflege beschäftigt: der Vermarktung des Universitätslogos auf T-Shirts etwa oder dem Aufbau von Ehemaligen-Netzwerken. Alles Sparten, die boomen an Deutschlands Hochschulen. Doch es gibt wenig Marketinginstrumente, die ohne viel Aufwand so viel Geld abwerfen wie die Raumvermietung, betont der HIS-Experte Stratmann – selbst wenn dafür Steuern fällig werden. Jochen Taaks betont jedoch auch, dass der Marketingerfolg ganz schnell zum Imageschaden werden könne – dann nämlich, wenn eine Universität anfängt, Vorlesungen oder Klausuren zu verlegen, um lukrative Veranstaltungen ins Haus zu holen. Das sähe dann doch allzu gierig aus. »Deshalb haben wir klare Regeln: Oberste Priorität hat der reibungslose Lehrbetrieb.«

 
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