Rachel Love Fraser war ein dickliches Mädchen mit Überbiss, das unter seiner Durchschnittlichkeit litt. Jetzt ist Rachel so etwas wie eine Schönheitskönigin: die Siegerin der amerikanischen Reality-Show Swan, in der plastische Chirurgen aus Kandidatinnen-Material neue Menschen schustern. Junge Frauen, die sich für hässliche Entchen halten, werden darin operativ zurechtgeschnibbelt, von Trainern abgerichtet und von Psychologen aufgepäppelt, bis sie mit ihrer ursprünglichen äußeren Erscheinung keinerlei Ähnlichkeit mehr haben. Im Sender Fox werden sie dann als "Beauty Queens" gefeiert.

Dem Fernsehen hat es immer schon gefallen, Schicksal zu spielen: Arme Schlucker wurden zu Millionären, Niemande zu Instant-Stars, Sachbearbeiter zu Hit-Sängern. Doch das war gestern. Heute schneidet das Medium dem Menschen direkt ins Fleisch. Sendungen, in denen sich Leute von Schönheitschirurgen optimieren lassen, sind der letzte Schrei. Ganz offen locken sie mit dem Versprechen vom neuen Leben. Die Verbesserung des Menschen durch Television – dagegen verströmten die Container-Sendungen der frühen Reality-Jahre freundlichen Kindertagesstättencharme.

Der Mensch will erlöst sein; und heute erhofft er sich die Erlösung auf dem Bildschirm. Die Teilnehmer am großen Aufmerksamkeitskarrussell sind besessen vom Wunsch, ihr stinknormales Leben hinter sich zu lassen: Sie wollen in die Bedeutsamkeit emporgehoben werden, zu Übermenschen frisiert. Endlich selbst in jene glitzernde Sphäre vorstoßen, die in Soaps und Werbeclips als Endlosschlaufe vorgeführt wird.

Mit diesen Wünschen haben schon viele Formate gespielt, allen voran Big Brother und Deutschland sucht den Superstar. Zuletzt auch die so genannten Tauschsendungen, die Menschen für eine bestimmte Zeit aus ihrem gewohnten Umfeld entfernen und in eine andere Familie oder zu einem anderen Lebenspartner versetzen. Der Reiz von Familientausch, und wie sie alle heißen, liegt in der Möglichkeit, sich vom Leben, in das man halt irgendwie hineingeraten ist, für eine Weile zu verabschieden und in eine andere Spielebene hineinzuzappen.

Operations-Shows wie Extreme Makeover, Swan oder I Want A Famous Face bewegen sich in dieser Tradition und stehen doch für eine neue Dimension des Wirklichkeitsfernsehens, weil der Mensch darin tatsächlich physisch neu erschaffen wird. Das Fernsehen spielt Gott, das Phantasma wird Realität. Dieses Frankensteinhafte, dieser endgültige Triumph des Künstlichen über das Echte ist das eigentlich Gruselige. Den Kandidatinnen entgeht offensichtlich, dass sie nur Statistinnen einer Schöpfungsinszenierung sind, dass sie nicht befreit werden, sondern lächerlich gemacht, und dass sie ihr neues Ich gegen ihre Würde eintauschen. Die Chirurgen und Coaches sind die heimlichen und eigentlichen Stars bei Swan und Co. – lauter kleine Pygmalions, Wiedergänger des griechischen Königs, der aus einem Felsblock eine Frauenstatue nach seiner Vorstellung schuf, die schließlich zum Leben erwachte.

Gleiche Nasen, gleiche Zähne: Die neuen Gesichter sind Masken

Swan führt die Kandidatinnen besonders skrupellos vor: Am Ende der dreimonatigen "Transformation" werden die fertig gestellten Frauen in Abendrobe vor einen Spiegel geführt, da sehen sie zum ersten Mal ihr neues Selbst. Inszeniert wird eine narzisstische Wiedergeburt. Die Kandidatin erkennt sich im Spiegel, die Kamera hält drauf: "Oh mein Gott", schreit Rachel fassungslos, "ich bin schön! Ich bin schön!" Sie bricht in Lachen und Weinen aus, fasst sich ins neue Gesicht und kann den Blick kaum abwenden von sich selbst. Umgeben ist sie dabei von unheimlich wirkenden Menschen in Kitteln, die alle steif lächeln – das Transformationsteam. Die solariumgebräunten Herren applaudieren der Kandidatin, vor allem aber wohl sich selbst und ihrer Fähigkeit, das immer gleiche Puppengesicht beliebig oft herzustellen. Am Ende sind die Frauen alle identisch. Begradigte Nasen und Zähne, Brust- und Kinnimplantate, fettfrei und enthaart: Jede Individualität ist ausgelöscht, uniform grinsen sie in die Kamera, wie Klone. Die neuen Gesichter, die sie zur Schau tragen, sind Masken.