Heike aus Klipphausen, Nicole aus Rottenbach und Nancy aus Gotha waren beim Boxenluder-Wettbewerb ganz vorn dabei. Der Preis für die Publikumslieblinge: ein Ausflug zum Formel-1-Rennen auf dem Hockenheim-Ring. Und die drei waren wirklich nicht allein. Mal mehr, mal weniger nackt, räkelten sich einige Dutzend Frauen um die begehrten Plätze. Zu sehen waren sie auf der Internet-Seite www.jumpradio.de – und das produziert der Mitteldeutsche Rundfunk aus Leipzig.

Im Jargon der öffentlich-rechtlichen ARD heißt so etwas "programmbegleitend", und dass man darunter ziemlich viel versteht, ist offensichtlich: Auf der Internet-Seite liebesalarm.de betreibt der Westdeutsche Rundfunk eine Kontaktbörse. Bei der Vorauswahl für Das Quiz mit Jörg Pilawa organisiert sich die Redaktion mit 0190er Nummern ein wenig Extra-Cash. Der Südwestrundfunk verkauft in seinem Shop das Hörbuch zum Roman Die große Liebe von Joseph Ortheil für 24,90 Euro, und der Norddeutsche Rundfunk bietet einen Tischkicker für 599 Euro.

Jeder Fall für sich ist eine Kleinigkeit, misst man sie am Wert der Tagesschau, am weltweiten Korrespondentennetz der Sender und an preisgekrönten Fernsehfilmen. Doch gerade mit solchen Kleinigkeiten und ihrer Vielzahl lässt sich der Vorwurf illustrieren, dass die Intendanten einen Teil der rund 6,5 Milliarden Euro GEZ-Gebühren zweckentfremden – und zudem Geschäfte betreiben würden, die sie eigentlich nichts angehen. Und weil die privaten Konkurrenten von ARD und ZDF diesen Vorwurf bis nach Brüssel getragen haben, droht den Sendern jetzt schlimmstenfalls eine Strafe von mehreren hundert Millionen Euro. Und dazu eine Reformdebatte, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt.

Die EU-Kommission für Wettbewerb prüft derzeit sehr genau, wie die Sender mit Gebühren umgehen und ob sie gegen EU-Recht verstoßen. Der Ehrgeiz der Beamten wurde noch einmal angestachelt, als Anfang Juli ein brisantes Schreiben einging, das der ZEIT jetzt vorliegt. Es ist eine "Stellungnahme der Bundesregierung", die vor juristischen Formeln nur so strotzt. Offiziell abgegeben wurde sie von Christina Weiss, der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien (BKM), doch geschrieben haben sie andere. Denn in Deutschland ist Rundfunk eine Ländersache, und die Länder haben sich ihrerseits mit den Sendern abgestimmt, sodass das Schreiben in Wahrheit von ARD und ZDF geprägt wurde.

Was der Sache nicht unbedingt förderlich war. Die Wettbewerbshüter seien weder mit der Antwort noch mit ihrem eher harschen Tonfall zufrieden, bestätigen mehrere Staatskanzleien. Es wächst von Kiel bis München die Sorge, dass die EU-Maschine anspringt und aus der Anfrage ein offizielles Verfahren wird. "Je sperriger man sich gegenüber der EU verhält, desto mehr engagiert sie sich. Das wissen wir aus Erfahrung in anderen Politikbereichen", sagt Miriam Meckel, Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen. Diese Einschätzung ist verbreitet. Dafür spricht auch, dass Mitarbeiter der Bundesregierung angestrengt nach Belegen dafür suchen, dass die Sender reformfreudiger und nachgiebiger sind, als es das Schreiben vermuten lässt.

Der zuständige EU-Beamte in der Wettbewerbsbehörde, Jan Gerrit Westerhoff, sagt nur knapp: "Sollten Zweifel über die Finanzierung von ARD und ZDF bleiben, werden wir noch in diesem Jahr ein Verfahren eröffnen." Geschieht es, gibt es kein Zurück mehr. So wie die Männer von Mario Monti das deutsche System der Sparkassen und Landesbanken aufbrachen, so wie sie die Deutsche Post zwangen, 572 Millionen Euro staatliche Beihilfe an Hans Eichel zurückzuzahlen, so könnte es auch für ARD und ZDF kommen.

"Wenn die Europäische Kommission sich mit Themen befasst, dann geht es erfahrungsgemäß nicht um Kleinigkeiten. Dann geht es meist um ganze Strukturfragen. Das sollten alle Beteiligten wissen", sagt Manfred Knothe aus der Staatskanzlei von Schleswig-Holstein.

Die Fragen der EU-Kommission beginnen in der Kategorie Boxenluder, setzen sich in Zweifeln an der Buchhaltung fort und enden mit der Suche nach Geldströmen. Der Kern des Konflikts: ARD und ZDF haben eine Aufgabe und bekommen dafür Gebühren. Zusätzlich dürfen sie kommerzielle Geschäfte betreiben, müssen diese aber in Bilanzen und Geschäftsgebaren sehr genau von ihrem öffentlichen Auftrag trennen. Schon gar nicht sollten sie auf dem freien Markt mit öffentlichen Mitteln wildern. Am Ende würde der Europäische Gerichtshof (EuGH) in einem Verfahren urteilen, in dem die wesentlichen Angriffspunkte wohl folgende wären: