us-wahlkampf Der amerikanische Patient

Das marode Gesundheitssystem wird zum Wahlkampfthema in den USA. Doch weder George Bush noch John Kerry wagen sich an eine Reform. Denn die Wähler fürchten Planwirtschaft

Anfang Oktober wird Michelle Molson* ihre Koffer packen, in die Sonne fliegen und Mutter werden. Die 23-jährige Texanerin ist dann nämlich im sechsten Monat schwanger, und ihr Kind will sie in Rio de Janeiro zur Welt bringen – aus Kostengründen. »Es ist eine einfache Rechnung«, sagt sie. »In Brasilien wird uns die ganze Entbindung ein Viertel dessen kosten, was wir hier bezahlen müssten. Da mussten wir nicht sehr lange nachdenken«.

Das Problem: Michelle ist nicht versichert. Ihr Ehemann verlor vor ein paar Jahren seinen Job als PR-Berater für Technologiefirmen, und mit dem Job verliert man in den Vereinigten Staaten meist auch die Krankenversicherung. Viele Firmen schließen sie für ihre Mitarbeiter ab. Eine Individualversicherung hatten die Molsons nicht abgeschlossen – die amerikanischen Versicherungsprämien gehören zu den teuersten der Welt, und in den letzten vier Jahren sind sie gerade wieder um ein Drittel gestiegen. Ohne Versicherung freilich können Arzt- und Krankenhausrechnungen den Bankrott bedeuten. So gehen die Molsons lieber nach Brasilien.

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Vielleicht macht das Beispiel Schule. 44 Millionen Amerikaner hatten nämlich im vergangenen Jahr zumindest zeitweise keine Krankenversicherung. Eine noch größere Zahl gilt als »unterversichert«: Bei jedem Gang zum Arzt oder zur Apotheke werden hohe Zuzahlungen fällig, die sie sich gar nicht leisten können. Besonders trifft es ärmere Familien und Minderheiten. Doch seit der jüngsten Rezession hat das Problem auch viele Mittelschicht-Familien wie die Molsons erreicht. Genau diese Schicht entscheidet in den USA aber die Wahlen. Und in Umfragen geben inzwischen 80 Prozent der Amerikaner an, dass Gesundheitskosten ein »sehr bedeutsamer Faktor« ihrer Wahlentscheidung werden.

Wettlauf der Kandidaten: Wer hat das beste Konzept?

»Keine Kompromisse« will deswegen John Kerry machen, der Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Eine Gesundheitsreform soll im Falle seines Wahlsiegs zur »obersten Priorität« werden, sagt Kerry. Amtsinhaber George W. Bush zieht schon nach: Beim Wahlparteitag der Republikaner im September will der Präsident neue Steueranreize für Krankenversicherungen ankündigen.

Zu tun gäbe es genug, denn das amerikanische Gesundheitssystem gehört zu den teuersten und ineffizientesten der Welt: Es verschlingt 14 Prozent des amerikanischen Sozialprodukts. In Deutschland sind es 11,1, in den meisten anderen Industrieländern weniger als zehn Prozent. Dennoch ist die Sterblichkeit höher als im Rest der industrialisierten Welt, und fast jeder siebte Einwohner steht ohne Versicherungsschutz da.

Die Reformversprechen haben nur ein Problem: Sie kratzen bestenfalls an der Oberfläche. Kerry will über die kommenden zehn Jahre 950 Milliarden Dollar zusätzlich in das bestehende Gesundheitssystem stecken, um mehr Menschen ärztliche Behandlung zu verschaffen. Die staatlichen Versicherungsprogramme Medicaid und SCHIP für arme Familien sollen zusätzliche Mitglieder aufnehmen dürfen. Außerdem plant Kerry Subventionen für Arbeitgeber, damit sie mehr Krankenversicherungen bereitstellen, und er will eine neue Art staatlichen Versicherungsschutzes schaffen. Das Programm soll hauptsächlich durch Steuererhöhungen für Reiche finanziert werden, doch 300 Milliarden will Kerry durch »Effizienzsteigerungen« im Gesundheitssystem locker machen. Etwa durch die bessere Nutzung von Computern. Oder durch den Import von Medikamenten aus dem benachbarten Kanada, wo viele Arzneimittel mitunter um mehr als ein Drittel billiger sind.

Davon weiß Mildred Rogers schon länger. Die 80-jährige Rentnerin aus Austin in Texas leidet unter Diabetes, Herzproblemen und Bluthochdruck und muss am Tag sieben verschiedene Pillen nehmen. Rogers hat ein Jahreseinkommen von 10500 Dollar – doch ihre Medizin kostet 3600 Dollar, unbezahlbar für die alte Dame. »Wenn ich meine Tochter nicht hätte, müsste ich mich zwischen Essen und Arznei entscheiden«, meint sie. Und rief kürzlich die Alliance for Retired Americans (ARA) um Hilfe, eine Lobbyorganisation in Washington.

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