Auch Wörter sind Mitgeschöpfe. Zur Rettung des Wiesenschaumkrauts oder wandernder Kröten wird viel tätige Nächstenliebe aufgeboten. Was ist mit schutzbedürftigen Wörtern? Bewahrt die denn niemand?

"Zum Donnerwetter!" ist schon ausgestorben. Bei Alfred Kerr las ich neulich: "Lacht nicht, zum Donnerwetter, es ziemt sich, frei von Hokuspokus zu reden." Das mein ich auch. Es ziemt sich, mal zu fragen, wo eigentlich das Wörtchen "abermals" geblieben ist. Und warum es ausgerechnet durch die hutzeltrockene Bürokratenvokabel "erneut" ersetzt worden ist. Man stelle sich vor, Kinder müssten sich vor dem Einschlafen anhören: "Das Mädchen wusste sich nicht zu helfen und weinte, da ging erneut die Türe auf, und das kleine Männchen erschien …" Habe die Grimmschen Märchen, den gesammelten Tucholsky, Kerr, Polgar abermals durchforstet: kein "erneut" weit und breit. Da liest man neuerlich, nochmals oder einfach: wieder. Es gibt heute ganz vereinzelt gebildete Ausländer, die sagen zum Beispiel: "Ich hätte nie gedacht, dass die Vergangenheit mich ›aufs Neue‹ einholt." Donnerwetter, welch vortreffliche (auch ausgestorben) Diktion, welche Noblesse. Unsere aktuellen Schriftsteller aber, Übersetzer und Rezensenten lieben es nüchterner. Sie können von "erneut" gar nicht genug bekommen. Sie glauben wohl, es verkauft sich besser, was sie schreiben, weil der Leser glaubt, dass sie etwas Erneutes zu sagen haben. Wer aber in einem Werk der schönen Literatur "erneut" auftischt, ist kein Belletrist, sondern trist.

"Erneut" hat das Zeug zum Lieblingsunwort des Jahres. Nicht gesucht, aber tausendfach gefunden. "Der Bundeskanzler hat erneut bekräftigt …" – bekräftigen kann er viel, aber bewegen tut sich trotzdem nix. "Erneut" ist die markige Beschwörungsformel unserer Stillstandsepoche, wo sich eben nichts erneuern will. Wo sich alle Welt ängstlich an alten ergatterten Besitzständen festklammert.

"Erneut" ist eben gängig, wird man einwenden. Eben. Normal ist, was alle aus Angst tun. "Erneut" ist die magische Gegenvokabel zu "alt". Nichts Uncooleres als das "Alte" in "Falten", als das Veralten, das uns allen blüht. Ich aber sage Euch: Hässliche Worte können keine Magie ausüben. Mit "erneut" ist niemandem geholfen. Es kann zum Beispiel nicht verhindern, dass sich Ältestes, ja Atavistisches im Internet breit macht: mittelalterliche Religionskrieger zum Beispiel, die Bomben per Handy zünden. Dieses Angeberwort "erneut", das über die Nachrichten als Modernitätssignal in Länder vordringt, die noch am "abermals" hängen, muss provozieren. Schlagt mich tot (auch bei Kerr gelesen), wenn nicht überhaupt ein Zusammenhang besteht zwischen dem militanten Gebrauch des "erneut" im Reich der Ungläubigen und dem Erstarken des islamistischen Fundamentalismus. Das Traurige ist nur, dass unsere Kultur des ausgestorbenen "Donnerwetter" dem auf Dauer nichts wird entgegensetzen können. Ach, Europa! Gabriele Killert