Der Nahe und Mittlere Osten, wie wir ihn aus den Schlagzeilen der Gegenwart kennen, ist das Ergebnis von Entscheidungen fremder Mächte. Es waren europäische Staaten, die die neuen Grenzen in der Zeit des Ersten Weltkrieges und unmittelbar danach gezogen haben. 1914 sah die politische Landschaft anders aus als heute. Israel, Jordanien, Syrien, der Irak und Saudi-Arabien existierten nicht. Weder der Libanon noch die Türkei waren Staaten. Der arabischsprachige Mittlere Osten unterstand – wie schon seit Jahrhunderten – der Herrschaft des Osmanischen Reiches: ein rückständiges Regime, in dem sich die Geschichte so langsam bewegte wie alles andere auch. Tiefe Eingriffe ins Reichsgefüge von außen waren kaum vorstellbar.

Im 19. Jahrhundert hatten sich die europäischen Großmächte bemüht, das bröckelnde Gebäude der osmanischen Herrschaft zu stabilisieren. Sein Einsturz, so ihre damalige Befürchtung, würde Krieg bedeuten: Großbritannien, Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, Russland und womöglich noch weitere Staaten würden sich um die wertvollen Überreste des osmanischen Reichs streiten, um dessen Rohstoffe wie um dessen strategische Position. Lord Salisbury, Königin Viktorias Premierminister, orakelte, solch ein Krieg könnte ein Ausmaß von Chaos und Zusammenbruch heraufbeschwören, wie es der Kontinent seit dem Fall des Weströmischen Reiches im 5. Jahrhundert nicht mehr erlebt hätte.

Großbritannien verspricht den Russen das begehrte Konstantinopel

Um das Osmanische Reich im europäischen Interesse zu erhalten, agierte Großbritannien seit 1830 als Förderer des Reiches in der internationalen Politik. Unter Bismarck wurde Deutschland zwischen 1880 und 1885 zu der europäischen Macht mit dem größten Einfluss in Konstantinopel. Noch am Vorabend des Ersten Weltkrieges handelten die Deutschen mit einer befreundeten Gruppe innerhalb der osmanischen Führung einen geheimen Bündnisvertrag aus. Dieser sah vor, dass Berlin auf Jahre hinaus die territoriale Integrität des Osmanischen Reiches schützen werde. Bereits Anfang November 1914 gelang es der prodeutschen Fraktion in Konstantinopel, das Reich an die Seite der Deutschen in den Krieg zu ziehen. Im Rückblick erscheint diese Entscheidung des Osmanischen Reiches sinnlos. Sie bedeutete, dass die westlichen Gegner Deutschlands, sollten sie den Krieg gewinnen, das Osmanische Reich neu ordnen oder gar auflösen konnten – sofern sie dies wollten.

Doch Anfang 1915, zu Beginn des Krieges, glaubten die Regierenden in London und Paris sogar noch selbst, es liege in ihrem Interesse, das Osmanische Reich auch weiterhin zu unterstützen. Schließlich waren französische Investoren die wichtigsten Gläubiger Konstantinopels – sie würden schwere Verluste erleiden, sollte das Reich des Sultans untergehen. London dagegen plagten eher politische Ängste: Die riesige muslimische Bevölkerung Indiens, so fürchteten die Briten, könnte sich gegen ihre englischen Herrscher auflehnen, sollten diese den letzten großen und unabhängigen muslimischen Staat zerstören. Deshalb kamen der britische Außenminister Edward Grey und sein französischer Kollege Theophile Delcassé im Januar 1915 bei Gesprächen in London überein, es sei besser, das Osmanische Reich im Mittleren Osten unangetastet zu lassen.

Schon unmittelbar darauf allerdings mussten sie ihre Haltung ändern. In Ostmitteleuropa gerieten die Russen durch deutsche Angriffe in Bedrängnis. Deshalb bat das russische Oberkommando die Briten, zur Ablenkung einen Angriff in den Dardanellen gegen das Osmanische Reich zu führen. Für eine kurze Zeit sah es so aus, als könnte dieser im Februar 1915 gestartete Angriff schnell von Erfolg gekrönt werden. Die Attacke der britischen Marine schien zur Eroberung Konstantinopels zu führen. Damit wäre das Osmanische Reich gleich zu Anfang aus dem Krieg geworfen worden, und die Alliierten hätten die Mittelmächte von Osten her angreifen können.

Es kam anders. Die Seekampagne in den Dardanellen, die sich rasch in einen Landkrieg auf der Halbinsel Gallipoli ausweitete, wurde für die Alliierten zu einer Tragödie. Noch Mitte März 1915 waren die Russen in Panik geraten, weil die westlichen Alliierten – und nicht sie selbst – die siegreichen Eroberer gewesen wären.

Dabei war es seit Jahrhunderten der russische Traum gewesen, Konstantinopel zu erobern, zum neuen Byzanz und zur Seemacht im Mittelmeer aufzusteigen, ja schließlich zu einer Weltmacht zu werden. Jetzt sah es so aus, als entginge den Russen der große Preis kurz vor dem Ziel. Sollten die Briten Konstantinopel erobern, dann würden sie es womöglich behalten. Mit Nachdruck verlangten die Russen deshalb von Frankreich und Großbritannien die Garantie, dass Konstantinopel nach dem Krieg an Russland fallen solle.