KriminalromanEdinburghs Dunkelheiten

"Ein eisiger Tod" und "Die Kinder des Todes" von Ian Rankin von Tobias Gohlis

Einer der schwächsten Einwände gegen den Kriminalroman lautet, in ihm wiederhole sich immer nur ein und dasselbe Schema aus drei Schritten: Mord/Fall – Ermittlung mit diversen falschen und richtigen Spuren – Aufklärung. Natürlich ist dieser Einwand falsch. Faktisch werden immer weniger Kriminalromane nach diesem klassischen Dreischritt konstruiert, der sowieso nur für den Detektivroman zutrifft. Das Genre kennt weder klare Definitionen noch fest umrissene Grenzen und produziert ständig neue Varianten und Spielformen. Darüber hinaus besteht die Kunst – oder für die Leser: der Reiz – ja gerade in der Abweichung. In den zwanziger Jahren, als die Lust der Autoren an der Variation noch sehr wenige Subgenres hervorgebracht hatte, bemerkte Bert Brecht süffisant: "Die Tatsache, dass ein Charakteristikum des Kriminalromans in der Variation mehr oder weniger festgelegter Elemente liegt, verleiht dem ganzen Genre sogar das ästhetische Niveau. Es ist eines der Merkmale eines kultivierten Literaturzweigs. Übrigens beruht das ›Immer dasselbe‹ des Nichtkenners auf dem gleichen Irrtum wie das Urteil des weißen Mannes, daß alle Neger gleich aussehen."

Daraus folgt, dass Kriminalliteratur, wie die Literatur überhaupt, Kenntnis verlangt, um gut genossen werden zu können. Und oft sind es dieselben bekannten Autoren, und nicht die neu auf den Markt geworfenen, die spannendes Neues zu erzählen haben. Ist es Ausdruck einer höheren literarischen Kultiviertheit der Briten (und der damit verbundenen längeren Vertrautheit mit dem Kriminalroman), dass mir immer wieder Bücher von Ian Rankin, Reginald Hill, Bill James oder Helen Zahavi um so vieles besser gefallen als die vielen holzschnittartig gefertigten Produkte aus Deutschland? Oder liegt es nur an dem guten Geschmack der deutschen Verleger, die die britische Durchschnittsware von uns fernhalten?

Anzeige

Wie dem auch sei: Je mehr Titel von Ian Rankin mir in die Hände fallen, desto größer die Begeisterung. In diesem Sommer liegen glücklicherweise gleich zwei Inspector-Rebus-Romane von ihm vor: das im Original 1995 erschienene Ein eisiger Tod und – nicht sehr variantenreich getitelt – Die Kinder des Todes von 2003, das Anfang August erscheint.

Unverrückbar im Zentrum des wie immer schwer durchschaubaren und von den Rändern eines Nebenschauplatzes her erzählten Geschehens steht Detective Inspector John Rebus, in den siebzehn Jahren seit seinem ersten Fall weder befördert noch geködert. Rebus ist von den noblen grauen Zellen eines Hercule Poirot so weit entfernt wie der Hintern vom Gehirn. Gerissen, egoistisch, obszön, respektlos und aufsässig ist er ein Bulle, wie er kaum je im Buche stand, dabei sensibel, ehrpusselig bis zur Selbstzerstörung, verschlossen wie eine Auster, ein Trinker und der beste Kriminalist, den die Lothian and Borders Police in Edinburgh je hatte.

Unausschöpfliches Edinburgh! Durch Puppenspiel (ZEIT Nr. 5/03) mäanderten die magischen, aus vorchristlicher Zeit stammenden Traditionslinien der Stadtgeschichte, in den beiden neuen Romanen geht es um (korrupte) Politik. Ein eisiger Tod: Zwei Jugendliche, die verdächtigt werden, die Tochter eines hohen Richters entführt zu haben, springen lieber in den Firth of Forth, als sich der Polizei zu stellen, ein Kleingangster erschießt sich im Büro eines städtischen Beamten – Selbstmorde, die nur dem Terrierinstinkt eines Rebus verdächtig zusammenhängend scheinen. Kein Wunder, dass der Mann von seinen Vorgesetzten behandelt wird wie eine Bombe, die jederzeit losgehen kann: In Rebus kochen kleinbürgerliche Ohnmacht, Wut auf die da oben und Gerechtigkeitsfanatismus. Das ist der Gefühlssprengsatz, mit dem es ihm gelingt, durch Manipulation seiner unehrlichen Chefs die wirklich großen Korrupten aus der Unantastbarkeit ihrer hohen Staatsämter zu zerren. Für ein paar Arbeitsplätze mehr gehen sie über Leichen – Rebus nicht.

Noch sturer, noch deutlicher ein Marlowe mit Beamtenstatus, so tritt Rebus in Die Kinder des Todes an – als Märtyrer eines Gerechtigkeitsbewusstseins, das nur noch privat sein kann, weil es öffentlich einzig als Heuchelei möglich ist. Gegen ein Kartell aus Waffenschiebern, Geheimdienstlern und Berufspolitikern setzen er und seine getreue Sergeantin Siobhan Clarke alle Mittel, auch das Leben ein. Wofür das alles? Selbst eines Mordes verdächtig, jagt Rebus, schwer verletzt mit verbrühten Händen, eine Bande ehemaliger SAS-Elitesoldaten. Wie zu erwarten, kleben an den Exkillern der Queen die Spuren ihrer auf Befehl begangenen Morde. Doch viel entsetzlicher ist, was Rebus aufdecken muss: Mitten in seiner Stadt wachsen Kinder heran, die töten, um zu beweisen, dass sie lebendig sind. Für sie gibt es keine Liebe, also kein Gesetz, kein Urteil und keine Strafe. Wer Rankin liest, sieht klarer – und schwarz.

  • Serie belletristik
  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Bertolt Brecht | Genre | Kriminalroman | Mord | Edinburgh
Service