Das Ende des fossilen Energiezeitalters naht, wobei sein ökologisches Limit zeitlich näher liegt als das physische durch erschöpfte Reserven. Die Befürworter der Atomenergie wittern Morgenluft, und selbst manche Kritiker stimmen in den lauter werdenden Ruf nach neuen Kernkraftwerken ein. 442 Atommeiler laufen gegenwärtig weltweit, Gesamtkapazität etwa 300000 Megawatt. Zweieinhalbmal so viel bis 2030 und viermal so viel bis 2050 würden hinzukommen – sagt die Internationale Atomenergie-Agentur (IAEA), der Hort der globalen nuclear community.

Die Pro-Atom-Argumentation besteht aus einer zweifachen Ausblendung: Faktenwidrig werden die wirtschaftlichen Vorteile gepriesen, die Risiken bagatellisiert oder als technisch lösbar deklariert. Gleichzeitig werden die erneuerbaren Energien als unwirtschaftlich denunziert und ihr Potenzial marginalisiert, um die Unverzichtbarkeit der Atomenergie behaupten zu können.

Zu diesem Argumentationsmuster gehört, die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zu verharmlosen. Auch Gero von Randow schreibt in der ZEIT (Nr. 31/2004), es habe dort nur 45 Tote gegeben und gerade einmal 2000 registrierte Fälle von Schilddrüsenkrebs. Das sind Zahlen interessengebundener Institutionen. Unabhängige Untersuchungen wie die des Münchner Strahleninstituts haben 70000 Todesopfer einschließlich verzweifelter Selbstmorde ermittelt und erwarten Zehntausende weiterer Spätopfer.

Zur Verharmlosung zählt, die Opfer mit denen durch Kohlebergbau und fossile Energieemissionen zu verrechnen. Doch sowohl atomare wie fossile Massentragödien gebieten es, die erneuerbaren Energien zu mobilisieren, als einzigartige Chance zu dauerhafter, emissionsfreier, gefahrloser und perspektivisch kostengünstiger Versorgung.

Die Atomenergienutzung ist das Resultat einer gigantischen politischen Subventions- und Privilegierungsmaschine. Für Forschung und Entwicklung der Atomenergie spendierten die OECD-Regierungen bis 1973 über 150 Milliarden Dollar (nach heutigen Preisen), für erneuerbare Energien dagegen praktisch nichts. Zwischen 1974 und 1992 waren es nochmals 168 Milliarden Dollar, für erneuerbare Energien dagegen nur 22 Milliarden. Die üppige Atomförderung der EU wird dabei gar nicht mitgezählt, und die französischen Zahlen sind bis heute geheim. Zusammen mit den vielfältigen Markteinführungshilfen und den Fördermitteln der Nicht-OECD-Länder, allen voran denen des einstigen Sowjetblocks, liegt die gesamte Staatsförderung bei mindestens einer Billion Dollar – die für die erneuerbaren Energien dagegen lediglich bei 50 Milliarden. Seit 1957 helfen die IAEA und Euratom den Regierungen bei der Konzipierung von Atomprogrammen. Internationale Organisationen für erneuerbare Energien gibt es demgegenüber bis heute nicht.

Mehr wegen massiver Kostensteigerungen als durch wachsende öffentliche Widerstände wurde die Atomenergie seit Mitte der siebziger Jahre weitgehend ausgebremst. Die Ausbaugrenzen sind seitdem noch enger geworden. Die nur noch auf maximal 60 Jahre geschätzten Uranvorkommen beziehen sich auf die Zahl gegenwärtig laufender Anlagen; schon bei verdoppelter Anzahl halbiert sich unweigerlich der Verfügbarkeitszeitraum. Ohne den unverzüglichen Übergang zu Schnellen Brütern, die die Uranvorkommen deutlich strecken könnten, wäre also nicht einmal der von der IAEA errechnete Zuwachs realisierbar!

Doch die Geschichte der Brutreaktoren ist die eines Fiaskos. Der britische Reaktor erzielte bis zu seiner Schließung 1992 eine Arbeitsauslastung von 15 Prozent, ebenso der russische; der französische Superphenix (1200 Megawatt) erreichte 7 Prozent und kostete 10 Milliarden Euro, der sehr viel kleinere japanische Brüter (300 Megawatt) kostete schon 5 Milliarden Euro und hat regelmäßig Betriebsprobleme. Sollte es gelingen, diese Reaktorlinie arbeitsfähig zu machen, dann nur mit unkalkulierbar hohen Zusatzkosten. Ohne Fortführung oder gar Steigerung des öffentlichen Finanzaufwands bleibt der Weg verschlossen. Und die tausendjährige Atommüllfrage bleibt ohnehin ein ungelöstes Problem mit unvorhersehbaren Dauerkosten.