Boston

Sein großes Thema findet der Wahlparteitag der Demokraten gleich zu Beginn. Am ersten Abend tritt Jimmy Carter ans Mikrofon und benennt den Grund aller Gründe, John Kerry zum Präsidenten zu wählen: "…um die Sicherheit unseres Landes zu gewährleisten." Gleich mehrmals prangert der frühere Präsident "Extremismus" und "Manipulationen" republikanischer Außenpolitik an. "Wahrheit ist die Grundlage einer Führungsrolle in der Welt", sagt der große alte Mann der Demokraten, "aber unsere Glaubwürdigkeit ist zerstört." Deshalb müsse nun ein neuer Präsident ran und zerstörtes Vertrauen wiederherstellen – um damit Amerika sicherer zu machen.

Ausgerechnet ein Demokrat soll den Feldzug gegen den Terror neu justieren? Die Linke gilt den meisten Amerikanern in Kriegsdingen als unzuverlässig, seit sie 1972 mit George S. McGovern einen Vietnam-Gegner nominierte. Das Image von Friedensträumern ist sie nie wieder losgeworden, und Präsidenten hat sie nur noch im Frieden gestellt. Drum schien George Bush als Befehlshaber des Antiterrorkrieges lange Zeit unschlagbar. Doch nun erreichen ihn die Folgen der Irak-Invasion. Eine Mehrheit ist mit dem Präsidenten nicht mehr zufrieden und sieht Amerika "auf dem falschen Weg". Anscheinend erwägen die Amerikaner erstmals, ihren Präsidenten zu feuern – wenn sich denn einer anheuern ließe, der das Zeug zum Kriegspräsidenten hätte.

Der Nominierungsparteitag ist für John Kerry eine Art Examen. Nur wenn die Amerikaner sich diesen Mann künftig als Oberbefehlshaber der Truppen vorstellen können, kann er die höchste Hürde nehmen. Deshalb wirkten die Redner des Nominierungskongresses "wie von Testosteron angetrieben", sagt Kerry-Biografin Nina Easton. Ein jeder spricht im Macho-Ton von der "Stärke" des Kandidaten. Ständig bezeugt irgendwer frühere Heldentaten Kerrys, vor allem die alten Vietnam-Kameraden, die ihn als mutigen Truppenführer preisen. Das Skript dieser Show schreiben Wahlkämpfer. Doch zugleich werden hinter den Kulissen der Bostoner Arena, in Arbeitsgruppen und Gesprächskreisen, die Umrisse einer möglichen neuen Außenpolitik sichtbar.

Da ist zunächst einmal die Weltsicht des Kandidaten, eines Mannes, der fünf Sprachen spricht, in der Schweiz zur Schule ging, in der Normandie seine Urlaubssommer verbrachte und vom Vater die Überzeugung erbte, dass Amerikas Politik aufs engste mit Europa koordiniert sein müsse. Die Senatorin Barbara Mikulski spricht John Kerry aus dem Herzen, wenn sie in Boston dem Parteivolk zuruft: "Schluss mit den Attacken auf geschätzte Alliierte!"

So ergibt sich die Kritik an einer Regierung, die "alles alleine macht, wenn sie kann, und nur kooperiert, wenn sie muss", wie Bill Clinton am ersten Abend pointiert. In John Kerry lebt die Überzeugung der alten Atlantiker fort, wonach Verbündete Amerikas Macht erhöhen und ihm helfen, sein Handeln zu legitimieren. Der Kandidat preist sich als Mann an, der "ein neues Kapitel in den Beziehungen Amerikas zur Welt aufschlagen" will. "Alliierte werden besser von der Macht amerikanischer Argumente denn vom Argument amerikanischer Macht überzeugt", schreibt der ehemalige Sicherheitsberater Sandy Berger, der den Kandidaten Kerry monatelang vorbereitete.

"Progressiven Internationalismus" nennen die Demokraten jene außenpolitische Schule, der sich auch ihr neuer Spitzenmann zurechnet. Sie glaubt nicht an eine strategische Unabhängigkeit Amerikas, vertraut internationalen Institutionen und Verträgen, schreckt aber zugleich vor dem Einsatz amerikanischer Militärmacht nicht grundsätzlich zurück. John Kerry hat als Senator allen Militäreinsätzen der Clinton-Jahre zugestimmt und unter Bauchgrimmen sogar dem Irak-Krieg. Seine Kritik richtet sich gegen die Eigenmächtigkeit amerikanischen Handelns und das Debakel der Besatzungspolitik.