Roman Die Liebe in Zeiten der Massaker
Der Kanadier Gil Courtemanche hat einen ergreifenden Tatsachenroman über den Völkermord in Ruanda geschrieben
Einmal im Leben, im wirklichen Leben, hat man meistens eine große Liebe, und einmal im Leben, im Leben als Leser, hat man mit ein bisschen Glück eine große Liebesgeschichte gelesen, so groß und gewaltig, dass es vollkommen egal ist, ob sie ein Happy End hatte oder nicht. Es gibt Liebesgeschichten, die von Anfang an verloren scheinen, um dann eine Größe zu gewinnen, die für einen Moment den ganzen Himmel ausfüllt. ist eine dieser Lebens- und Liebesgeschichten, beschrieben in einem der ergreifendsten Romane, die ich je gelesen habe, große, bezwingende Literatur, so groß und bezwingend, dass sie uns fast mit jedem Wort in die Grenzen weist: in die Grenzen des Lesenden, in denen man wieder übt, das Wort Schicksal mit dem Herzen zu buchstabieren.
Ein Sonntag am Pool in Kigali – ein Titel, der auf den ersten Blick verführerisch klingt, nach Urlaubslektüre, selbst wenn man weiß, dass es sich bei Kigali um die Hauptstadt Ruandas handelt. Ruanda, Land der tausend Hügel, Hügel voller Gärten. Aber beim Lesen dieses Romans wird so mancher feststellen müssen, dass es in diesem afrikanischen Land nicht nur Gorillas im Nebel gibt, sondern etwas, das man hierzulande flinkzüngig humanitäre Probleme zu nennen beliebt – oder politische Realität, was ebenfalls ein bisschen zu prompt, um nicht zu sagen frivol klingt in Anbetracht jener für hilflose Schlagzeilen sorgenden Ereignisse, die damals, 1994, Menschen in Opfer und Täter aufteilten, in Starke und Schwache, Lebende und Tote oder, anders gesagt: in Hutu oder Tutsi.
Im Frühjahr 1994 spielte sich in der ehemaligen deutschen Kolonie Ruanda-Urundi einer der schlimmsten Völkermorde ab: Innerhalb von nur 13 Wochen wurde fast eine Million Menschen in einer detailliert geplanten Aktion bestialisch umgebracht. Tatenlos sahen die Vereinten Nationen dem Genozid an der Minderheit der Tutsi zu, wobei der von dem polnischen Rechtsanwalt Raphael Lemkin geprägte Begriff Genozid für eine Verschwörung steht, welche die Vernichtung einer bestimmten Gruppe zum Ziel habe. Dieses Ziel der vollkommenen Vernichtung der Bevölkerungsgruppe der Tutsi wurde in Ruanda von den Hutu-Milizen unter Zuhilfenahme aller erdenklichen Waffen und Werkzeuge fast erreicht.
Vor diesem Hintergrund spielt die Liebesgeschichte zwischen dem kanadischen Exjournalisten Bernard Valcourt und der ruandischen Hotelkellnerin Gentille Sibomana (einer Hutu mit allen rassischen Merkmalen einer Tutsi), die am Pool des Hotels Mille-Collines im Zentrum Kigalis ihren Anfang nimmt. Ein Tisch am Pool im biblischen Schatten eines Feigenbaums ist Bernard Valcourts Lieblingsplatz, dort trinkt er sein tropisches Bier und macht sich Notizen, umgeben von der üblichen Prominenz: Entwicklungshelfer, Botschaftsangestellte, Geschäftsleute, Vertreter der politischen Nomenklatura und oppositioneller Kreise, Prostituierte aus den Afrikanerquartieren jenseits der Boulevards, belgische Fallschirmjäger – gediegene Trägheit und Desillusion, gepaart mit der Larmoyanz der gesellschaftlich Arrivierten, die schlagartig die ersten Risse und Brüche erhält, als Radio-Télévision Libre des Mille Collines (RTLM), das »Hass-Radio« der Hauptstadt, die ersten Tötungsaufrufe durch den Äther jagt und überall in der Stadt Straßensperren errichtet werden, an denen betrunkene, kiffende, fanatische Hutu-Miliz patrouilliert. Neu oder ungewöhnlich ist das alles nicht, gab es doch seit 1959 fünf Wellen des Völkermords, der, um aus Linda Melverns Buch Ruanda zu zitieren, »zum ruandischen Alltag gehörte. Der Tutsi wurde als der ewige Feind der Hutu erachtet.« Von 1993 an wurden zunehmend Macheten, Rasierklingen, Nägel, Hacken, Äxte, Schraubenzieher, Sensen, Sägen, Spaten, Messer, Zangen, Hämmer und Scheren in allen Größen importiert, auch Waffenkäufe in großem Umfang getätigt. »Das Geld für die Bewaffnung Ruandas«, nochmals Linda Melvern, »stammte aus internationalen Spenden.«
Hier können Gerüchte töten. Geprüft werden sie anschließend
Man kann das Leben verloren haben, ohne deswegen gleich tot zu sein. Plötzlich wird man alt und will nur noch wissen, ob das schon alles war, was hinter einem liegt, irgendwo da hinten, wie in einem anderem Dasein, das, aus der Entfernung betrachtet, einem Fotoalbum im Sperrmüll gleicht, in dem noch die Frauen für die Männer den Frühling erfanden. Vielleicht, dass man sich nochmal aufrafft und die Richtung wechselt und, angekommen in dem, was man sein neues, sein nächstes Leben nennt, in den Spiegel der Fremde blickt, das Heimweh erwartend, das sich nicht einstellt, das Heimweh nach dort, wo man jung war, verliebt und erfolgreich und glaubte, nichts könne passieren. Nun aber die Frau gestorben, die Tochter aus dem Haus, Pif und Paf, die beiden Katzen, tot, die Einsamkeit ein geduldiger Gast, der Job als Sendeleiter bei Radio Kanada eine gut bezahlte Bürde. Valcourt lässt sich für den Posten des Kodirektors eines in Kigali aufzubauenden Fernsehsenders anwerben, aber die Art, wie er seinen Job macht, ist den Geldgebern bald zu demokratisch.
Also sitzt er am Pool, während ringsum die programmierte Entmenschlichung unaufhörlich ihr Territorium ausdehnt, reflektiert über die Welt und das Leben, und philosophische Schübe, die ihn befallen, bekämpft er mit Bier. Eines Tages wird Valcourt Zeuge, wie die Kellnerin Gentille – eine Hutu, so schön, dass sie jeder für eine Tutsi hält – von einem eitlen, wichtigtuerischen Ruander aus Paris verbal übelst attackiert wird, weil sie den französischen Modedrink, den er orderte, nicht kennt, ein elendes Schauspiel der Erniedrigung. Valcourt, hinter einer Maske unnahbarer Höflichkeit und kontrollierter Distanz versteckt, gesteht sich sein Verlangen nach diesem jungen, hübschen Mädchen ein: Er sucht weniger das sexuelle Abenteuer als Sinn im Nichts der Tage, von den Nächten ganz zu schweigen. »Du«, sagt Valcourt zu Gentille, »brauchst nicht mit mir zu schlafen, ich möchte nur, dass du mich ein bisschen liebst.«
Gentille lebt in der Angst, für eine Tutsi gehalten zu werden und ihre Anstellung zu verlieren, obwohl sie einen Hutu-Ausweis besitzt, Dokument einer, wie sie glaubt, möglichen Verschonung, Rettung. »Hier können Gerüchte töten. Geprüft werden sie anschließend.«
- Datum 29.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32
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