Am ersten Weihnachtstag des Jahres 1956 fanden zwei Bauernbuben in der Nähe Herisaus Robert Walser erfroren im Schnee. Vierzig Jahre später, an einem Julimorgen des Jahres 1996, findet ein Reiter in der Nähe Basels Adelheid Duvanel erfroren – erfroren mitten im Sommer. In einem Wald, den sie aus ihrer Kindheit kannte und liebte, hatte sie sich niedergelegt, um Schlaf zu suchen – kurzen oder ewigen Schlaf, wer will es wissen. Schlafmittel, die man bei ihr fand, hatten ihr auch schon früher geholfen, wenigstens stundenweise wegzutauchen aus einer ihr immer schmerzlicher gewordenen Überwachheit.

Dass Adelheid Duvanels Tod Rilkes Vorstellung vom eigenen Tod auf bestürzende Weise entspricht, erweist fast jede Seite ihres erzählerischen Werkes, das auch dann seine Zauberkraft bewahrt, wenn man Peter von Matts Rat befolgt und es nicht von Adelheid Duvanels Biografie aus liest. Unabweisbar aber bleibt die Frage, warum die deutsche Literaturkritik nicht zu Lebzeiten Adelheid Duvanels die Einzigartigkeit dieser Schweizer Erzählerin bemerkt hat. Hätte man sie wahrgenommen, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, angesichts der vielen wie aus dem creative writing-Kurs ausgestoßenen Geschichten und Geschichtchen einiger fotogener deutscher Kolleginnen vom "literarischen Fräuleinwunder" zu faseln. Aber vielleicht ist das, was Adelheid Duvanel literarisch leistete, nur um den Preis des Verkanntseins zu haben. Auch Regina Ullmann, die geheimnisvollste und kühnste Schweizer Erzählerin des 20. Jahrhunderts, als deren jüngere literarische Verwandte Adelheid Duvanel manchmal erscheint, ist trotz des emphatischen Einsatzes Rilkes für ihr Werk bis heute selbst in der Schweiz eine nahezu Unbekannte, jedenfalls Ungelesene geblieben.

An Regina Ullmann erinnert in Adelheid Duvanels Erzählungen vor allem jene manchmal fast schon schockierende Naivität, von der man nie genau weiß, ob sie kalkuliert oder wirklich unschuldig ist. Das raffiniert Unbeholfene dieser Prosa, wie man es auch von Robert Walser, dem Übervater der neueren Schweizer Literatur, kennt, entspricht ziemlich genau der prekären Gefühlslage ihrer Protagonisten, die fast alle aus fatalen Verhältnissen kommen, sich aber auf unsicherstem Grund oft mit schlafwandlerischer Sicherheit bewegen. Es sind zumeist die als Außenseiter Abgestempelten einer Gesellschaft, zu deren Insidern man nach dem Lesen dieser Erzählungen nicht mehr gern gehören möchte: Aussteiger aller Art, Ausreißerinnen, Stadtstreicher, Kleinkriminelle, verlassene Frauen und Männer, Obdachlose, aber auch kleine Angestellte, Beamte und eine Menge Möchtegern-Künstler. Möchtegern-Menschen könnte man sie vielleicht nennen, alle diese vom Leben schwer Beschädigten, die ihre Sehnsüchte haben zerschellen sehen und doch so oft noch wie Süchtige wirken, süchtig nach etwas, was sie übersteigt und was sie nicht zu benennen vermögen. Adelheid Duvanel hat ihnen so etwas wie eine zweite Unschuld verliehen, sodass sie trotz ihrer Beschädigungen (fast) unverwundbar erscheinen.

Verena, eine von Adelheid Duvanels Frauenfiguren, die sehenden Auges in ein Auto lief und seither an Krücken geht, antwortet einem, der wissen will, ob sie lebensmüde war: "Es war keine Depression, es war eine Euphorie." Finsternis und Licht, Depression und Euphorie gehen in diesen Erzählungen unmerklich ineinander über, auch noch der strahlendste Himmel wirkt bei dieser Autorin wie mit Trauerrand eingeschwärzt. Zumeist verlaufen diese Geschichten in Zickzack-Bewegungen, und nie führen sie zu einer Pointe hin; sie enden nicht, sondern sie verenden, versickern gleichsam. Nicht eine irgendwie auf einen Nenner zu bringende Story bildet den Inhalt, sondern jeder einzelne ihrer Sätze, die wie beim späten Robert Walser oft übergangslos in ganz entgegengesetzte Richtungen weisen, enthält die Geschichte in nuce. Das Leseglück resultiert ganz wesentlich aus Einzelsätzen, die man am liebsten seitenlang und wie Gedichte zitieren möchte.

"Die Nacht fährt langsam davon wie ein Lift und der Morgen ist ein leerer Liftschacht": In einem einzigen Satz spiegelt sich hier die einsame Existenz einer Frau, die, seit ihr Haus abbrannte, in einem Hotel wohnt und dort die Nächte verbringt mit ihren 33 Luftpostbriefen und einem Telegramm des Dichters Otto, der nach Südamerika entschwunden ist und längst nicht mehr dichtet. Oder dieser Satz: "Der Schlaf schlich herbei und legte sich so sanft neben ihn, wie keine Frau es tut", mit dem Duvanel so tröstlich die Geschichte des Grundbuchbeamten Arthur beschließt, der die Frau, mit der er drei Jahre verheiratet war, immer noch des geheimnisvollen Umgangs mit dem Gipsengel eines Bildhauers verdächtigt und der von einer Cäcilia träumt, vor der er sich gleichzeitig fürchtet wie vor einem Riesenvogel, der ihn wie einen Apfelkern aufpicken könnte.

Ihr Glaube glich einer Hand, die ihr Gesicht zudeckte

In Adelheids Duvanels Geschichten geschehen die Katastrophen so lautlos wie die Wunder, und die Grenzen zwischen Realität und Halluzination, Wachheit und Wahn sind immer fließend. Jene, denen alles, "was aus der Welt der ›Schlafenden‹ in die der ›Wachenden‹ tritt, unter dem Verdikt des Pathologischen steht" (Peter von Matt), werden sich vor Adelheid Duvanels Geschichten eher fürchten. Wer aber weiß oder doch ahnt, wie rasch blanke Vernunft in allen Lebenslagen an ihre Grenze stößt, wird sich dieser Prosa, in der sich Abgründe so sanft auftun, wie sie sich schließen, umso lieber hingeben.

"Die alte Nina war sehr fromm, und ihr Glaube glich einer Hand, die ihr Gesicht zudeckte": Ist dem schlichten Legendenton wirklich zu trauen? Es ist die Geschichte einer Witwe, die, nur noch mit sich selbst sprechend, an den Häusern der Stadt entlangschlurft, ohne zu bemerken, dass sie dabei unentwegt von Passanten angestoßen wird oder selbst irgendwo anstößt ("Die Einsamkeit wehte aus ihr wie ein kalter Wind und schob alle Gegenstände von ihr fort"). Diese nach dem Tod ihres Mannes so fromm gewordene Nina schickt sich eines Tages an, dessen goldene Uhr, die ihr als "Tand" erscheint, im nahen Fluss zu versenken, glaubt sich dabei aber von lauter fremdartigen Wesen zwischen Tier und Mensch beobachtet, die nicht nur alle ebenfalls Uhren in ihren behaarten Händen halten, sondern der von ihr schließlich in den Fluss geworfenen Uhr sogar nachspringen und dabei zu ertrinken drohen. "Sie wunderte sich darüber und betete, Gott möge die ihr unbekannten Ertrinkenden retten, doch tat er dies nicht. Sie spürte Gott wie ein einschlafendes Kind die Puppe fühlt, die neben ihm im Bettchen liegt."