Leser der Romane von Connie Palmen kennen diesen Typen, der vor melancholischer Unrast, vor libidinöser wie destruktiver Hemmungslosigkeit, vor satter Emotion und intellektueller Brillanz jede seiner zehntausend Frauengeschichten, seine Umgebung und auch einen Roman zu sprengen imstande ist. Man verzeiht ihm – dem Mann und dem Roman. Die Frauen verzeihen dem Mann, der hier, in Ganz der Ihre als Salomon Schwartz auftritt und stark dem holländischen Starjournalisten und 1995 verstorbenen Ehemann Connie Palmens ähnelt, dem sie in ihrem Buch I M ein Denkmal setzte.

Der Leser verzeiht Palmens neuem Roman ein gewisses Übermaß an seitenweise aufgerollter Tiefenpsychologie. Übermaß in allem, im Handeln und Zerstören, im depressiven wie im vitalen Zustand ist schließlich das Merkmal und das Geheimnis des Protagonisten. Keine Frau kann ihn ganz halten; eine Erzählerin allein ihn nicht fassen. Es sind fünf Erzählerinnen, fünf Frauenstimmen, die Salomon Schwartz nach seinem Tod umkreisen: seine Ehefrau, von Beruf Psychiaterin, eine Schauspielerin, eine Nonne, eine Prostituierte und eine Biografin (zusammengefasst also ein universales Frauenwesen).

Letztere dient als Konstrukteurin der eher abgenutzten Rahmenhandlung. Sie erbt von der Ehefrau, die sich im Wissen eines unheilbaren Tumors umgebracht hat, einen Haufen biografisches Material, das sie sich nun aneignet und zum Buch erweitert. Aber dieser Roman lebt nicht von der Qualität seines Gerüsts, auch nicht von seiner Grundidee – das Rotieren um einen großen Abwesenden ist ja in der Literatur ebenfalls nicht neu –, er lebt auch nur in Maßen von einer Sprache. Dieser Roman lebt in erster Linie von der Spannung, die sein Held ausübt, mit der er jede Figur, jede Episode, jede Szene, ja, jeden Satz auf sich bezieht und in Bann hält. Es geht in Form und Thema um Fixierung.

Als Don Juan ist Salomon Schwartz richtig, aber unzureichend beschrieben. Denn Salomon Schwartz unterhält nicht nur mit dem anderen Geschlecht eine Amour fou, er unterhält diese mit dem Leben insgesamt. Sein Überkonsum des Lebens aber ist nicht vorstellbar ohne seine Herkunft aus einer jüdischen, vom Holocaust gezeichneten Familie. Dieser Zusammenhang ist der gedankliche Fluchtpunkt der Lebenserzählung über Salomon Schwartz. Er selbst bleibt fixiert: fixiert auf seine Eltern, auf den Vater vor allem, der nichts unterließ, ihn zu demütigen, ihn symbolisch aus dem Leben zu jagen – und so die Verfolgung wiederholt.

Berühmt wurde der Journalist Salomon Schwartz mit einer Kolumne in der Zeitung De Wereld, verfasst unter dem Autorpseudonym "tt", der Abkürzung der altmodischen Grußform "Ganz der Ihre", die sich dem lateinischen totus tuus verdankt. Im Grunde, sagt Salomon Schwartz einmal, seien alle Kolumnen Briefe an seinen Vater und enthielten all das, was er ihm nie sagen konnte. Im Grunde ist dieser Roman mit dem Titel Ganz der Ihre nichts anderes als ein langer Brief an Salomon Schwartz, geschrieben von seiner Ehefrau, in der Connie Palmen selbst so unschwer zu erkennen ist. Er enthält vieles von dem, was sie ihm noch sagen, mit ihm noch besprechen möchten. Der Mann ist von unerschöpflichem Reichtum. Schon deshalb verzeihen die Frauen ihm so viel und verziehe man Connie Palmen noch einen dritten Roman über ihn.