Mehrmals in der Nacht zieht das Müllboot seine Bahnen über den Mississippi. Wie das Geisterschiff einer ausgestorbenen Zivilisation gleitet es durch die Nebelbänke zur Deponie auf der Insel in der Flussmitte und wieder zurück. Die guten alten Ausflugsziele, auf denen Mark Twains Helden noch versuchten, dem Erwachsenwerden mit Angel und Pfeife zu entkommen – im neuen Film der Coen-Brüder werden sie zum Schrottplatz der Gegenwart. Und jener Fluss, der der Literatur regelmäßig als mythologischer Reiseleiter zu Diensten war, ist nicht mehr als ein brackiger Transportweg. So die augenzwinkernde kulturpessimistische Flaschenpost des Prologs, die nahtlos zur Klage der bilderbuchfrommen Witwe Marva Munson überleitet. Im Südstaaten-Singsang schildert die alte schwarze Dame ihr Leid über ohrenbetäubende "Hippity-Hop-Musik" und andere nachbarschaftliche Attacken auf ihr Seelenheil. Im Museumsstädchen von Ladykillers hält das Leben scheinbar keine Zumutungen bereit, die sich nicht mit der gemütlichen Polizei und Gottes Hilfe aus dem Weg räumen ließen. Die Straßen sind besenrein, die Zäune blitzweiß, der Rasen gekämmt, wie man das von Tante Polly und ihren Nachfahrinnen so erwartet.

Selbst die Schurken haben Manieren, zumindest ihr Wortführer, der sich zur angedeuteten Verbeugung bei Marva Munson als Professor Goldthwait Higginson Dorr (Tom Hanks) vorstellt. Ein säftelnder Grandseigneur mit Plaid, Spitzbart und Fliege und einer großen Liebe für die Lyrik Edgar Allan Poes und die Kirchenmusik der Renaissance. Die vollen Kassen des Spielkasinos im Sinn, nistet sich der intellektuelle Hochstapler bei der braven Witwe ein. Der Kartoffelkeller der Alten wird zum heimlichen Basislager für den großen Coup. Als Kapelle getarnt, treffen sich die fünf Ganoven allabendlich mit aberwitzigen Blas- und Zupfinstrumenten zur "Probe". Auch die Spieler geben wandelnde Karikaturen ab. Der südvietnamesische General, an dessen Gesichtsausdruck ein Panzer zerschellen muss, oder der tumbe Rammbock Lump, den Football und andere Schlachten ein paar graue Zellen zu viel gekostet haben. Am meisten jedoch grimassiert Tom Hanks’ Professor. Bei jeder halbwegs komischen Gelegenheit lässt er die Augenbrauen hoch- und runterhüpfen, und als Rollen-Markenzeichen hat er sich ein spastisch flatterndes Lachen zugelegt. Allein die feuchte Aussprache von Wörtern wie renaissance und cinquecento macht ihm allergrößtes Vergnügen. Gelegentlich versteigt sich sein Spiel zu den durchsichtigen Eitelkeiten eines Rampenmimen, wie man sie aus Boulevardstücken kennt, in denen der Eintretende das Türaufmachen zusätzlich mit einem "Parlimparlim" vertont.

Das Original von Ladykillers mit Alec Guinness und Peter Sellers spielt im nebligen London des Jahres 1952 und ist eine der schönsten Gangsterkomödien der Kinogeschichte. Ein Remake hat dieses liebevoll-makabre Werk so wenig nötig wie Witwe Munson einen neuen Beschützer. Tatsächlich ähnelt der Coen-Film einem dieser knautschigen Kaminsessel unter dem überdimensionierten Ölbild des verstorbenen Munson-Gatten. Eine luxuriös gepolsterte Verschwendung. Pefekt ausgestattet, mit ausgegrabenen Gospels untermalt und penibel ausgeleuchtet in den braunen warmen Tönen einer Apfelstrudelwerbung. Schon erstaunlich, dass das Brüderpaar aus der Reanimation des Stoffes und seiner Verlegung in eine diffuse Südstaaten-Gegenwart nicht einen einzigen Funken zu schlagen weiß. Letztlich gibt das Remake nämlich Anlass zu ebenjenem Kulturpessimismus, mit dem sich die Coens zu Beginn so lässig aus dem Fenster hängen.