Philosophische Hilfestellungen (159. Folge). Diesmal für:Udo Jürgens, Selbstdarsteller

von Jan Meyer-Veden

Udo Jürgens hat rund 800 Lieder geschrieben, 100 Millionen Tonträger verkauft – und nun auch noch ein Buch verfasst: Der autobiografische Roman " Der Mann mit dem Fagott" erscheint in Kürze. In einem Interview verkündete Jürgens, dass er in einer etwaigen Verfilmung dieses Werkes gern sich selbst spielen würde. Ein solches Unterfangen bedarf dringend ethikrätlicher Beratung.

"Ich hätte vermutlich mit zehn Psychiatern fünf Jahre lang arbeiten müssen, um meine Seele so zu ergründen, wie ich das auf diese Art und Weise getan habe", lässt Udo Jürgens in einer Pressemitteilung zu seinem neuen Buch mitteilen. Zwar: "Man liebt seine Erkenntnis nicht genug mehr, sobald man sie mittheilt", theilt uns Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse mit, an welch letzterem Ort Herr Jürgens sich unstrittig aufhält; jedoch ist er darin legitimiert durch Hölderlins Dichtermut: "Sind denn dir nicht verwandt alle Lebendigen? / Nährt zum Dienste denn nicht selber die Parze dich? / Drum! So wandle nur wehrlos / Fort durch’s Leben und sorge nicht!"

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Nein, sorgen soll er sich wirklich nicht, der Barde mit dem weißen Bademantel. Der Ethikrat, wenn auch diesseits von Gut und Böse, folgt jenem Verse so unkritisch wie vorbehaltlos, wie er überhaupt ein Freund aller Musenkinder ist. Klingt auch die eine oder andere Pressemittheilung einmal etwas krude, sind auch einmal die œuvres completes eines Musenkindes länger als der Atem der betreffenden Muse, ist es Paul Valéry, welcher jene unschuldigen Wesen entschuldigt: "Die Dichter besitzen gewissermaßen in sich selbst unendlich viel mehr Antworten als das gewöhnliche Leben ihnen Fragen vorzulegen hat."

Da haben wir’s: Das Leben ist schuld! Zumal das gewöhnliche. Schuld daran, dass Schlagersänger ihre Seele und Leser Pressemitteilungen ergründen müssen, dass über ungewöhnliche Leben gewöhnliche Autobiografien geschrieben werden, und schließlich schuld daran, dass auf diese Weise, bei einem geschätzten jährlichen Prominentenautobiografieaufkommen von minimal 20 Stück, mindestens 200 Psychiatern mindestens 100 Jahre lang ihr täglich Brot entzogen wird. Wir haben das durchrechnen lassen, und es ergibt sich die unvorstellbare Summe von 7300000 Einheiten Täglichbrot!

Doch auch des muss sich Herr Jürgens wirklich nicht sorgen, das seine ist weit über diese Summe hinaus gesichert. Nein, der Ethikrat ist es, dem seufzend sich die Stirn in Falten legt. Denn nicht genug ist es Herrn Jürgens am schriftlichen Ergründen seiner Seele, er plant, horribile dictu!, in der Verfilmung jenes Werkes sich selbst zu spielen! Dem Leser schaudert’s. "Halte ein, Udo Jürgen Bockelmann!", will er ihm zurufen, auf dass nicht Nietzsche aus dem Grab seinerseits die Stimme erhebe: "Wie? Ein großer Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals." Recht hat er ja, der Leser, und Recht hat auch mal wieder der Nietzsche Fritz, doch ist solcherlei Emphase jetzt schwerlich an der Zeit. Dem Ethikrat obliegt es, die Sache nüchtern zu ergründen.

Primo: Sich selbst zu spielen ist, da nicht vermeidbar, nicht schimpflich. Sich jedoch, secondo, selbst dabei zu spielen, wie man sich selbst spielt, zeitigt unendlich viel mehr Fragen, als der gewöhnliche Ethikrat und auch 500 gewöhnliche Psychiater Antworten vorzulegen haben. Was ist zum Beispiel mit der Glaubwürdigkeit, an der Herr Jürgens stets mit dem Stilmittel der Ehrlichkeit so eifrig gebastelt hat? Wohl glaubt man aus Faulheit dem, der sich selbst spielt, doch wer sich selbst beim Sichselbstspielen spielt…

Indes, vielleicht ist es auch ganz anders, und der Betreffende erlangt eine Art Metaglaubwürdigkeit, von der die heutige Philosophie noch nichts weiß. Vielleicht findet er schlussendlich auch ganz und gar zu sich selbst – und macht so 1000 Ethikräte auf 500 Jahre arbeitslos.

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  • Schlagworte Philosophie | Autobiografie | Brot | Ethikrat | Seele | Tonträger
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