Den Haag

Fall IT-02-60 T, Kammer I, Sektion A. Es geht um Mord und Beihilfe zum Völkermord, im zweiten Srebrenica-Prozess vor dem Haager Jugoslawien-Tribunal. Der Hauptankläger und der Starverteidiger führen sich auf wie im Film. Sie bekriegen einander, als hätten sie die zwölf Geschworenen vor sich. Als wollten sie Charles Laughton auferstehen lassen und das winzige, weiße, computerbestückte Klinikum der Gerechtigkeit in einen holzgetäfelten Schwurgerichtssaal des Fin de siècle zurückverwandeln.

Die beiden Kampfhähne sind wackere Amerikaner, geprägt vom angelsächsischen Common Law. Und das begünstigt, im Gegensatz zum kontinentaleuropäischen Strafprozess, den Showdown der beiden Parteien beim Präsentieren ihrer Fälle. Der Richter ist im Verfahren eher ein Hilfssheriff, der die Regeln überwacht. Beim Jugoslawien-Tribunal, das seine Regeln wie sein Personal aus beiden Rechtssystemen bezieht, kommt es schon mal zum Zusammenprall der Kulturen.

Verteidiger Michael Karnavas springt auf. Er bezichtigt die Ankläger, nach den Massakern in Srebrenica parteiische Erkundigungen eingezogen und frühere Aussagen eines Zeugen gegenüber der bosnischen Polizei nicht im Gespräch mit dem Mann vor Ort überprüft zu haben. Peter McCloskey, der Ankläger, donnert zurück: "Euer Ehren! Man muss ihn stoppen. Das ist eine Missachtung des Gerichts! Wenn nicht Ordnung geschaffen wird, ist das komplette Anarchie!"

Der Siedepunkt im Haager Schmelztiegel der Rechtssysteme ist wieder einmal erreicht. Der Richter faltet die Hände, beugt sich nach vorn und sagt: "Dies ist ein Tribunal und keine Wahrheitskommission … Die Parteien haben dem Zeugen und auch einander, als Kollegen im Gerichtssaal, Achtung entgegenzubringen. Offen gesagt, die Richterbank ist mit dem Benehmen der Parteien nicht zufrieden. Ich hoffe, Sie prägen sich diese Ermahnung ein. Aber wenn sich das ständig wiederholt, werden wir andere Maßnahmen ergreifen müssen."

Der so spricht, stammt aus der Volksrepublik China. Liu Daqun, 54 Jahre alt, geboren in Pe-king, ist Vorsitzender Richter der Strafkammer I. Als er vor vier Jahren nach Den Haag kam, war er der jüngste Richter. Heute vermittelt er mit höflichem Respekt und unerschütterlichem Harmoniebedürfnis zwischen den verschiedenen Rechtskulturen, die im ehemaligen Verwaltungsgebäude am Churchillplein 1 aufeinander stoßen. Viele achten ihn als eine Stütze des Tribunals: eine Art Mandarin von Den Haag.

So viel Glück hatten die Chinesen mit ihren Richtern zuvor nicht gehabt. Der erste fiel einem Mord zum Opfer. Li Haopei, 1906 in Shanghai geboren, hatte in China alle Regime und Revolutionen des 20. Jahrhunderts überlebt. Er war bereits 87 Jahre alt, als ihn Peking nach der Einsetzung des UN-Tribunals 1993 in die niederländische Hauptstadt entsandte. Eine Woche vor Beendigung seiner Mission musste er ein Haager Krankenhaus aufsuchen. Es war nichts Ernstes, jeder rechnete mit seiner baldigen Rückkehr. Doch am 6. November 1997 traf das Tribunal die Meldung von seinem plötzlichen Ableben. Erst viel später fanden Ermittler heraus, dass eine Krankenschwester den 91-Jährigen mit einer Injektion getötet hatte – wie ein halbes Dutzend anderer Opfer auch. Die Schwester, Lucy de B., die sich als Erlöserin ihrer Patienten wähnte, wurde in diesem Juni zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der nächste Richter war auch schon 84 Jahre alt. Er fühlte sich an diesem Ad-hoc-Gerichtshof, der fast täglich juristisches Neuland erobert, schnell überfordert. Peking zeigte sich einsichtig. In der chinesischen Botschaft in Jamaika klingelte das Telefon. Ein Regierungsvertreter verlangte, den Botschafter zu sprechen. Liu Daqun hob den Hörer ab. In zehn Tagen, so beschied ihn der Beamte, möge er doch bitte beim Jugoslawien-Tribunal als Richter antreten. Der renommierte Völkerrechtler war schon viel herumgekommen: An den Universitäten seines Landes las er über Umwelt- und Menschenrechte. Der Rechtsabteilung des Pekinger Außenministeriums hatte er in führenden Funktionen gedient. Als junger Rechtsexperte in der chinesischen Botschaft in Island verfasste Liu für seine Regierung eine Expertise gegen den Walfang. Sogar in eine amerikanische Anwaltsfirma in Washington war er 1986 kurzfristig eingestiegen. Nur eine Funktion hatte der Sohn eines Richters noch nie ausgeübt: die des Richters.