medizin Dr. All, wissend

Hanns-Christian Gunga ist Professor für Raumfahrtmedizin – in einem Land, das beschlossen hat, nie wieder Astronauten ins Weltall zu schicken von Martin Spiewak

Im Keller des Berliner Instituts für Physiologie steht eine Apparatur, deren Anblick den Besucher unangenehm berührt. Ein metallener Stuhl ist auf eine Art Rutsche montiert. Am Ende der schiefen Ebene wartet ein Becken, angefüllt bis in Brusthöhe mit Wasser. An irgendetwas erinnert diese Szenerie. Doch ehe einem noch die Assoziation »Menschenversuche-Mengele-Auschwitz« richtig bewusst wird, kommt Hanns-Christian Gunga dem Gedanken zuvor. »Wir arbeiten hier selbstverständlich nur mit Freiwilligen«, sagt der Professor. Jeder Versuch in der Anlage werde von einem Ethikkomitee genehmigt. Und als wäre man nicht sofort überzeugt, zeigt er auf eine Buchstütze, die vor dem metallenen Stuhl angebracht ist. Die größte Belastung für die Testpersonen, die hier im Namen der Wissenschaft dem Wasser ausgesetzt werden, scheint die Langeweile zu sein. Gunga hat sich längst daran gewöhnt, sein Forschungsgebiet zu rechtfertigen, denn dessen Nutzen erschließt sich nicht jedem sofort. Warum müssen Menschen über viele Stunden in einem Bassin sitzen? Und welche Einsichten lassen sich dadurch gewinnen, dass man Versuchspersonen künstlich die Erdanziehungskraft nimmt oder sie über viele Monate in eine Kammer sperrt?

Hanns-Christian Gunga, Professor für Weltraummedizin und extreme Umwelten an der Berliner Charité, muss nie lange nach einer Antwort suchen. Der Mediziner erforscht, wie der menschliche Körper auf außergewöhnliche Belastungen reagiert: auf Hitze oder Kälte, in großer Höhe oder im Orbit. Dafür zieht Gunga in die Wüste oder klettert auf Berge und fesselt gesunde Menschen über Monate ans Bett. »Wir arbeiten stets am Limit.«

Anzeige

Am Limit befindet sich auch seine Disziplin, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre sie hintenübergekippt. Denn die Weltraummedizin, geschaffen, als Berlin noch Geld hatte und die Menschheit vom Leben außerhalb der Erde träumte, sollte gestrichen werden, wenn der letzte Stelleninhaber emeritiert wird. Dennoch darf sich der 49-Jährige seit kurzem Professor nennen. So ist der Werdegang des Hanns-Christian Gunga auch ein Beispiel dafür, wie ein Wissenschaftler dank Enthusiasmus, Forscherneugier und Sponsorengeld seinem Fach zum Überleben verhilft – und sich selbst nach manchen Umwegen zu einer Stelle.

Wie die Kiemenatmer das Luftschnappen lernten

Angefangen hat er mit dem Studium der Paläontologie. Die Erdgeschichte habe ihn schon als Kind interessiert, sagt Gunga und nimmt einen dunkelgrauen Stein vom Schreibtisch: das Fossil eines Brachiopoden. Er hatte es als Zwölfjähriger gefunden, am Ufer der Lippe, zu Hause in Westfalen. Nicht nur das Alter faszinierte ihn, sondern auch die Frage, wie es die Nachfolger der Tiere geschafft haben, das Wasser zu verlassen. Denn die Kiemenatmer mussten plötzlich an Land, um Luft zu schnappen. Heute mache die Menschheit im Prinzip das Gleiche, wenn sie die Erde verlässt, »nur mit technischer Hilfe und im Zeitraffertempo«.

Sechs Jahre lang blieb er bei der Gesteinskunde, machte seinen Abschluss, aber am Ende erschien ihm das Fach doch zu museal: »Mich interessierten die Lebewesen mehr als die Steine.« Er begann ein Zweitstudium der Medizin, blieb seinem Grundinteresse aber treu: Wie verhalten sich Organismen in Extremsituationen, und wie entwickeln sie sich? Als er von dem Forschungsschwerpunkt Weltraummedizin an der Freien Universität erfuhr, wusste er: Da gehöre ich hin.

In Berlin hat die Luft- und Raumfahrtmedizin lange Tradition. Bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts stellte der Berliner Physiologe Nathan Zuntz Untersuchungen Zur Physiologie und Hygiene der Luftfahrt an. Über ihn hat Gunga promoviert. 1950 veröffentlichten Berliner Wissenschaftler gemeinsam mit Heinz Haber die weltweit erste Arbeit zum Einfluss der Schwerelosigkeit auf den menschlichen Organismus.

In den letzten zwanzig Jahren waren Wissenschaftler der FU, unter ihnen Gunga, an mehr als zwei Dutzend weltraummedizinischen Studien beteiligt, im Spaceshuttle ebenso wie auf der Mir- Station oder aktuell auf der internationalen Raumstation ISS. Insgesamt sechs Arbeitsgruppen der Universität arbeiten in Kooperation mit Wissenschaftlern aus den USA, Russland oder Japan am Thema – stets mit dem Ziel, die Anpassung des Menschen im All an seine neue Umwelt zu erforschen.

Service