Musik Der Bauch Berlins
Vom Problemkiez in die Hitparaden: HipHop aus der Hauptstadt erobert mit derben Reimen den Mainstream
Jetzt, wo der Erfolg da ist, kommen sie natürlich alle angeschissen, die Bräute, die Medienleute, die Kopfnicker aus der Provinz. Sido hat die Champagnerkorken knallen lassen, obwohl er gar keinen Champagner mag, aber so macht man das nun mal, wenn’s läuft. Und es läuft, keine Frage: Wochen nach dem sensationellen Platz drei steht sein Album immer noch in den offiziellen Verkaufscharts. Auf Konzerten lüpfen weibliche Teenager das T-Shirt. Vor dem großen Graffiti von Aggro Berlin, Sidos Plattenfirma, lassen sich die ersten Touristen fotografieren. Neulich klopfte sogar ein Vater aus Landshut an die Tür zum Kellerstudio, um ein Tape seines rappenden Sohnes abzugeben. Eine kleine Sido-Mania hat das Land ergriffen. Jetzt dranbleiben, weitermachen, bloß nicht nachlassen. Sido schaut auf die Uhr: Eigentlich müsste er in die Stadt zurück, aber ein Momentchen haben wir noch.
Aufmerksamkeit ist eine Ressource, die Deutschlands derzeit gefragtester Rapper zu schätzen weiß. »Mein Interview«, sagt Sido, wenn die Managerin zu viel dazwischenredet. »Hier geht’s um mich«, stellt er klar, wenn der Journalist, der ihn in seiner Kifferhöhle besuchen kommt, zu allgemein wird. Medienverachtung: was für Bürgersöhnchen, nicht für Sido. Als frischer Stern am Himmel von MTV genießt er es, dass nach den Stadtmagazinen und Frontberichterstattern jetzt auch die Etablierten vor der Tür stehen. Interviewt werden bedeutet präsent sein, und präsent sein bedeutet, dass kein Weg an einem vorbeiführt. Auch die diversen Indizierungsverfahren gegen einige seiner frühen Songs, die »Scheiß-egal-Einstellung zu Gesetz und Gesellschaft«, die man ihm zum Vorwurf macht, haben den Absatz nach oben getrieben. Wer in dieser Liga mitspielt, braucht einen Masterplan. Doch der ist schon lange fertig im Kopf.
Andere verticken Bilder von der heilen Welt, Sido – eine Abkürzung für »superintelligentes Drogenopfer« – dealt mit dem Gegenteil: krassen Geschichten aus krassen Verhältnissen. Mein Block heißt das Schlüsselstück seiner Debüt-CD, eine HipHop-Hymne auf das Märkische Viertel im Norden Berlins, wo die Sozialhilfeempfänger wohnen und die Häuser 16 Stockwerke haben. Im Video dazu sieht man die Problemkiezjugend Autos knacken und verbotene Substanzen zu sich nehmen, während Sido in silbrig schimmernder Totenkopfmaske als eine Art Fremdenführer des Grauens Türen öffnet. Hier der Drogi bei seinem Bierfrühstück, dort der Exsträfling von Hausmeister, der sein Gehalt mit Privatpornos aufbessert. Überall wird was klargemacht, aufgemischt, durchgecheckt. Und in der Nachbarwohnung hängt ein Toter.
Deutschen Gangsta- Rap haben manche darin erkennen wollen, doch Sido findet das Gerede problematisch. »Neger auf Crack, die sich gegenseitig abballern, so weit sind wir hier noch nicht.« Kleinkriminellen-Rap wäre ein passender Ausdruck – man muss realistisch bleiben, sagen, wie’s wirklich ist, sonst verspielt man auf Dauer den Kredit. Deshalb wird in seinen Stücken auch nicht geschossen, bloß ein Messer blitzt ab und zu auf, oder ein Schlagring: Waffen, wie sie im Viertel tatsächlich getragen werden. Ghetto allerdings, das trifft es schon. »Ghetto heißt: Lass die dreckigen Leute in dem eigenen Bereich. Am besten noch ne Grenze drumrum.« Weil das aber in Deutschland nicht geht, baut man denen ein dickes Einkaufszentrum mit jedem erdenklichen Laden in die Gegend. »Dann brauchen die nicht mehr klauen zu gehen am Ku’damm. Die dreckigen Leute haben alles hier.«
Hätte man den Schallplattenmanagern draußen im Land gesagt, dass aus solchen Lebenslagen einmal Hits geboren werden, sie wären vor Jahren schon mit Scouts und Unterhändlern im Märkischen Viertel eingerückt. Doch erfolgreicher deutscher HipHop spielte bislang im schwäbischen Leinfelden-Echterdingen, wo die Fantastischen Vier das Genre als mittelständischen Betrieb verwalteten, in Hamburg, wo die Nähe zur ehemals besetzten Hafenstraße vor allem militant-kritische Varianten hervorgebracht hat, höchstens noch in Frankfurt-Rödelheim, dem Kiez von Moses Pelham und Sabrina Setlur. Berlin war, oberflächlich gesehen, lange Jahre nichts weiter als eine bankrotte Stadt, die nur dann ins Gerede kam, wenn Gelder gestrichen wurden oder Münchner sich vor ihr ekelten. Für die Durchschlagskraft des örtlichen Sprechgesangs war das nicht von Nachteil.
Was in Berlin rappt, tut dies auf oft in pompöse Fehden untereinander verstrickten Klein- und Kleinstlabeln wie Optik, Headrush oder Aggro Berlin, Firmen, die zwar keine Wohlfahrtsinstitute sind, aber ihre Klientel von Grund auf kennen. Sie wissen, dass die größten Großmäuler aus Problemhaushalten kommen, in denen die Mutter das Geld nach Hause bringt, weil der Vater seine Rolle aufs Erzeugen beschränkte, und sie haben Verständnis dafür, dass der Druck über die Reime entweichen muss. Aggro Berlin etwa, mit seinem angegliederten Plattenladen zugleich Szenetreff, beherbergt neben Sido dessen Kumpel B-Tight, des weiteren Fler, der demnächst seine Single Aggro Berliner herausbringt, und bis vor kurzem noch Bushido, einen Kampfrapper erster Güte. Zur Konkurrenz gehörte, bevor er zur Industrie wechselte und weich wurde, Savas Yurderi alias Kool Savas, ein Deutschtürke, dessen Hit LMS – Lutsch meinen Schwanz in etwa das berlinische Verhältnis zum Mainstream ausdrückte.
Seit kurzem macht ein Rapper aus dem Wedding von sich reden, dessen Nicht zur Nachahmung betiteltes Album gerade erschienen ist. Kalusha kam mit sieben Jahren als Forster Yeboah aus Ghana, wuchs in dem heruntergekommenen Proletarierbezirk nördlich der Mitte auf, wo der Ausländeranteil hoch ist und alles, was keine Arbeit hat, tagsüber bei nicht immer legalen Geschäften auf der Straße herumhängt. Kalusha kann man nur mit behördlicher Genehmigung interviewen, weil er bei einem Überfall auf einen Schlecker-Drogeriemarkt gefasst wurde und seither immer nur 48 Stunden pro Woche in Freiheit verbringt. Dass Rap sein Lebensinhalt ist, sagt er, dass nur die Musik ihn vor Schlimmerem bewahren kann. Der kommerzielle Erfolg sei seine einzige Chance, in Deutschland zu bleiben, die Abschiebung nach sechs Jahren Knast ansonsten beschlossene Sache. Nicht schön für ihn, aber der Konkurrenz gegenüber verschafft ihm das einen Authentizitätsbonus, der seinen Ausdruck in bellenden Reimen findet.
- Datum 29.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32
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