Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Werk im niedersächsischen Goslar nicht von jedem beliebigen mittelständischen Unternehmen. Lagerhallen, Maschinen, Fließbänder, Geschäftszahlen, Umsatzrenditen. Doch auf dem Gelände einer stillgelegten Zinkhütte wird nicht produziert, sondern zerstört. Die Firma Electrocycling ist eine Demontagefabrik. Was die firmeneigenen Schwerlaster anliefern und unter freiem Himmel zu hohen Bergen aufschichten, sind komplette – allerdings defekte oder aussortierte – Geräte: Staubsauger, Computer, Handys, Toaster, eine Mischung aus allem, was der Elektro- und Elektronikfachhandel zu bieten hat. In der Fabrikhalle werden sie auseinander genommen, sortiert, zerkleinert und noch einmal sortiert.

Einige Mitarbeiterinnen kümmern sich ausschließlich um Tausende von orangefarbenen, dunkelgrünen und roten Wählscheiben-Telefonen, die die Telekom aus ihren Altbeständen nach Goslar geschafft hat. Sie trennen das Spiralkabel ab (hoher Kupferanteil), knacken das Gehäuse (ABS-Kunststoff, wird eingeschmolzen), entfernen das Typenschild aus Alufolie (würde das Plastik verunreinigen), demontieren die Klingeln (Alteisen) und stapeln die Leiterplatinen in Kisten. "Die verkaufen wir für ein paar Cent nach Russland", sagt Geschäftsführer Georg Fröhlich, "als Ersatzteile für ähnliche Telefone, die noch im Einsatz sind."

Was Maschinen zusammenbauten, müssen Menschen zerlegen …

160000 Tonnen Elektroschrott haben die 120 Angestellten seit der Firmengründung vor zehn Jahren verarbeitet. 80 Prozent des Materials gehen über das Recycling als Rohstoff zurück an Produktionsunternehmen, 15 Prozent werden als Brennstoff genutzt, nur fünf Prozent landen im Abfall. Damit gehört die von Siemens, Alcatel, Telekom und PreussAG gemeinsam gegründete Firma zu den modernsten Elektroschrott-Aufbereitern der Welt.

Die Branche hat eine große Zukunft – denn während Elektro- und Elektronikschrott bisher nur auf freiwilliger Basis eingesammelt und wiederverwertet wird, macht eine Richtlinie der EU das Elektroschrott-Recycling vom 13. August an zur Pflicht. Und das ist nur der Anfang. 2006 werden ähnliche Regeln für Autos eingeführt; denn auch sie enthalten immer mehr Elektronik.

Noch sind nicht alle Details geklärt, wie die EU-Richtlinie in nationales Recht umgesetzt wird, die künftigen Grundregeln stehen aber schon fest. Ab August 2005 dürfen kaputte Elektrogeräte in Deutschland nicht mehr in die Mülltonne geworfen, sondern müssen im Fachhandel oder beim kommunalen Entsorger abgegeben werden. Dort werden sie in sieben genau festgelegten Gerätegruppen gesammelt – vom Kühlschrank über Computer bis zur elektrischen Eisenbahn. Danach übernehmen die Hersteller die Verantwortung für den Abfall. Sie müssen dafür sorgen, dass alle wiederverwendbaren Geräte im Secondhand-Handel landen. Der Rest muss zunächst von Schadstoffen wie Quecksilber und Blei befreit und dann zu genau festgelegten Quoten recycelt werden. Insgesamt müssen von den rund 25 Kilogramm Elektroschrott, die im Jahresdurchschnitt pro EU-Bürger anfallen, mindestens vier Kilo eingesammelt und 70 bis 80 Prozent wiederverwertet werden. EU-weit sind das 1,8 Millionen Tonnen Altgeräte. Mindestens eine Milliarde Euro wird das die Hersteller kosten, schätzt die Europäische Recycling Plattform, in der sich die Branchenriesen zusammengeschlossen haben.

An Rohstoff mangelt es dem neuen Industriezweig nicht, und die Kosten werden über den Verkaufspreis der Neugeräte gedeckt. Damit sie nicht ins Uferlose wachsen, verlangen die Hersteller nach einem Wettbewerb der Recycler. Dabei haben sie aus den Fehlern der anderen gelernt: In Japan, Skandinavien, der Schweiz, Belgien und den Niederlanden, wo es schon seit einigen Jahren eine Rücknahmepflicht für den Elektroschrott gibt, sind die Systeme bisher in einer Hand und entsprechend teuer. "Ohne Konkurrenz bekommen wir keine Innovationen", mahnt Ulrich Hakenjos, Take Back Manager beim Büromaschinenkonzern HP. "Es kann ja nicht sein, dass man Millionen von Geräten in zehn Minuten montiert und später die gleiche Zeit gebraucht wird, um sie wieder zu demontieren." Handarbeit komme für das Elektroschrott-Recycling nicht infrage.

Das sagt sich so leicht. Technisch jedoch ist der Einsatz von Maschinen nur schwer machbar. Denn vor allem die kleinen elektronischen Geräte lassen sich bis heute nicht vollautomatisch, sondern nur per Hand zerlegen. Bislang geschieht das vor allem in Behindertenwerkstätten. Doch auch die Demontage-Bänder des Goslarer Vorzeigebetriebs erinnern eher an eine Manufaktur als an moderne Massenproduktion. Die Arbeit an den Fließbändern ist anspruchsvoll, denn jedes Gerät ist anders. Mal sind die Schrauben, die das Gehäuse eines Fernsehers lösen, unter Klebefüßchen versteckt, mal muss der Akku hinter einem Plastikschieber entdeckt werden. Jedes Notebook wird zunächst aufgeschraubt, um das hochgiftige Quecksilber aus der Hintergrundbeleuchtung der Displays zu entfernen. Bildröhren werden mit einem Zangenkniff "belüftet", um die Implosion beim späteren Zerschneiden zu verhindern.