Ich habe einen Traum Caroline Link
Caroline Link, 39, studierte an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen, arbeitete danach als Regieassistentin und Drehbuchautorin. Ihr erster Film, bei dem sie Regie führte, war »Kalle der Träumer«, ihr zweiter »Jenseits der Stille«. »Nirgendwo in Afrika« gewann 2002 den Oscar für den besten nicht-englischsprachigen Film. Caroline Link ist Kuratoriumsmitglied des Vereins Children for a better World. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und ihrer Tochter in München. Hier träumt sie davon, dass Kinder nicht in Einsamkeit aufwachsen
Unbekannte verfolgen mich. Ich renne um mein Leben, im Rücken das Keuchen der Verfolger. Ich erreiche mit Mühe und Not eine Polizeistation, klingele, hämmere gegen die Tür – sie bleibt verschlossen. Ein anderer Traum: Ich bin ein jüdisches Kind im Zweiten Weltkrieg, allein, ohne Eltern; sie sind verschwunden, verschleppt.
Träume haben für mich nichts Süßlich-Verklärtes. Träume sind für mich etwas Konkretes, keine Wolkengebilde. Wahrscheinlich geboren aus eigenen Zweifeln, haben meine Träume oft mit Angst zu tun: zu versagen, nicht anerkannt zu werden, Liebe zu verlieren oder missverstanden zu werden. Nicht nur die Traumgespinste nachts werden von diesen Gefühlen überschattet. Auch ängstliche Tagträume machen mir mitunter zu schaffen. Nach manchem Streit beispielsweise – und ich habe viel Temperament – passiert es, dass ich vom Tod desjenigen träume, mit dem ich mich gerade gestritten habe. Nicht, dass ich ihn umgebracht hätte: Vielmehr durchzieht offenbar mein Unterbewusstsein das Gefühl, dass ich jemanden in der Hitze des Gefechts zu sehr verletzt haben könnte. Und ich denke mir: Wie ergeht es eigentlich Kindern, die noch nicht in der Lage sind, ihre Ängste so geschickt zu verdrängen, wie es die Erwachsenen tun?
Wenn ich davon träume, meine schlimmsten Ängste zu verlieren, dann träume ich gleichzeitig davon, dass Kinder niemals Albträume haben.
Das Geschichte von Hänsel und Gretel ist für mich das formulierte Trauma schlechthin. Zwei Kinder, allein gelassen in einem Wald, Furcht und Verführung ausgeliefert, den Verlust der Eltern betrauernd. Das Märchen ist eine Parabel auf die Großstädte, in denen wir heute leben. Der Wald, in dem die Kinder herumirren, symbolisiert schweigende, an fremden Schicksalen desinteressierte Menschen – niemand hilft bei Hunger, Gewalt und Einsamkeit. Die Hexe könnte man mit Verführungen und seelischer Vergewaltigung von Kindern gleichsetzen.
Nach allen schlimmen Erfahrungen kehren Hänsel und Gretel gesund heim – nichts im Sinn, als zu verzeihen. Sie überleben den Graus, weil sie die Unschuld von Kindern haben. Kinder haben die Fähigkeit, bedingungslos zu lieben. Eltern sind niemals ersetzbar, auch wenn mancher Vater und manche Mutter das glaubt. Keine Geschenke der Welt, keine Verwöhnungsorgien oder frühzeitigen Versuche, ein Kind zum Alleingelassenwerden zu »erziehen«, bringen ein Kind davon ab, sich der engsten Bezugsperson anzuschließen, die es von frühauf begleitete. Einsamkeit vermittelt das Gefühl, nicht geliebt zu werden und selbst nicht lieben zu dürfen.
Damit Kinder keine Angstträume fürchten müssen, dürfen sie nicht einsam sein. Viele Kinder wachsen unter Stress auf, mit Eltern, die ihren Aufgaben nicht gewachsen sind, die ihre Jobs verlieren und dennoch die Familie durchbringen müssen. Tag und Nacht sind beinah eine Million Kinder Gefühlen ausgesetzt, die mit der »Sonnenseite« des Lebens, mit einer »glücklichen Kindheit« nicht viel zu tun haben.
Ich habe den Traum, dass Kinder niemals mehr allein im Wald herumirren müssen.
- Datum 13.11.2008 - 10:58 Uhr
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- Serie Traum
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32
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