Ungarn Sei mein Gast

Weltweit und kostenlos bieten die Mitglieder eines Internet-Forums ein Bett in ihrer Wohnung an. Auf Testbesuch in Ungarn

Kriszta kenne ich schon. Zumindest ihr Lächeln. dieses Foto hat József ins Netz gestellt: seine Verlobte mit Spülbürste und Schmutztellern inmitten von Toaster, Suppenkelle und Gurkenglas. Von Mark und Richárd weiß ich vor allem: Sie haben eine Ausziehcouch oder eine Gästematratze und ein Begrüßungsbier im Kühlfach.

Ich reise durch Ungarn und schlafe privat. Bei Menschen, mit denen mich nichts verbindet als ein Internet-Forum: www.hospitalityclub.org. Die Mitglieder bieten einander ein Gratisbett für die Reise, so das Prinzip. Gast und Wirt verabreden sich per Mail. »Ich wollte jenen die Welt öffnen, die sich kein Hotel leisten können«, sagt Veit Kühne. Vor vier Jahren erfand der 26-jährige Betriebswirt den Club, der mehr als eine Bettenbörse sein will. Seither trampt er um die Welt und wirbt für seine Vision: »Wir schaffen Frieden. Man sprengt doch nicht Leute in die Luft, die man mal beherbergt hat.« Ich bin Hospitality-Clubber 14519 und teste die Idee.

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Meine erste Station ist Nagykovácsi, ein Acht-Straßen-Dorf in den Wiesen um Budapest. Richárd erwartet mich am Gartentor: Sportlerwaden, Birkenstocks, Bizepsbeulen unter gebräunter Haut. »Du kannst gleich heute abend kommen«, hat er geschrieben, nun führt er mich durch seine Drei-Brüder-WG mit zwei Kickern, Internet-Flatrate und einem Panoramafernseher. Ein Drachenbaum dörrt in rissiger Erde. In der Spüle türmen sich Pastateller. Richárd richtet das Ausziehsofa und entstaubt ein Kissen. Er will noch mal weg, zum Essen bei seinem Vater. Er drückt mir eine Fernbedienung in die Hand: »Wir kriegen auch deutsche Kanäle.« So verbringe ich meinen ersten Abend in Ungarn mit einer Dose Import-Bier (»So, wie das ungarische schmeckt, kannst du gleich Wasser trinken«) und dem ZDF. Im »Sztárinfó«- Kasten der Programmzeitschrift grinst »Brinkmann professzor«.

Am Morgen weckt mich Kochlöffelklappern. Richárd hat Schinken gewürfelt, Rühreier gebraten, jetzt lehnt er am Herd, Hawaii-Bermudas um die Hüften, und plant den Tag: »Hast du Lust auf Nationalpark?«

Richárd schreitet voran, hügelaufwärts, hügelabwärts, ich keuche hinterdrein, Schweißtropfen im Gesicht. Er sei wegen seines Hobbys im Hospitality Club, sagt Richárd, der erst 20 ist und studiert: »Klettern, nur du und der Fels, das ist das Größte, aber dafür muss ich ins Ausland. Hier gibt es keinen anständigen Berg.« Richárd rupft weiße Blüten aus einem Busch: »Die schmecken großartig als Tee«, er kennt sich aus mit den Sträuchern des Nationalparks. Er weiß, welche Blüten sich erst am Abend öffnen und welcher Käfer da vor uns über den Waldpfad kriecht. Er zeigt mir Wanzen, die blau-metallisch schimmern, und Vögel, die nur hier brüten, nirgends sonst auf der Welt. Oft steigt er auf die Kuppe des Hügels, zeltet zwei, drei Nächte: »Dann will ich ganz allein sein mit der Natur.« Heute aber hätte ein Zelt keine Chance: Wind peitscht über den Hügel. Wir frösteln und steigen hinab ins Dorf. Richárd begleitet mich zum Bus nach Budapest – Kriszta und József warten.

Schlafen zwischen Schreibtisch, Blumenständer und Kartonstapeln

József hat mir Skizzen und Wegbeschreibungen gemailt, zwei Seiten lang. Wie fürsorglich, habe ich gedacht. Wie berechtigt, denke ich nun: Eine halbe Stunde lang scheppert der Bus durch Vorstadt-Plattenbausiedlungen. Keine Bushaltestelle trägt ein Namensschild. Kein Fahrgast spricht Englisch. Endlich rettet mich eine ältere Frau in holprigem Deutsch: Rózsa utca, das ist die große Straße neben dem Supermarkt. Ein alternder Fahrstuhl ächzt mich in den neunten Stock. Von innen ist Wohnung 52 aber gemütlich und modern: schickes Laminat und schwere Holzmöbel. József bugsiert mich aufs rote Cordsofa: »Das ist keine typisch ungarische Couch, in denen versinkt man.« Kriszta reicht ein Honigglas, Tee und Sesamstangen.

Sie sind die Profis unter meinen Club-Gastgebern: Vor zwei Wochen erst nächtigte ein Franzose auf ihrer Luftmatratze, dann waren zwei Amerikaner da, eine Polin hat kurzfristig abgesagt, dafür kommt übermorgen ein britisches Paar. Kriszta und József sind weltoffen aus Tradition: Sie hat in Italien Kinder gehütet, er in Deutschland, Schottland und Kolumbien gelebt. Jetzt ist er Firmengründer mit wenig Urlaub. Darum holen sich die beiden die Welt ins Wohnzimmer: »Wir trainieren unser Englisch und haben interessante Leute zu Gast. Wir hätten nie gedacht, dass sich nur über eine Website so viele Menschen bei uns melden.«

Der Ansturm ist kein Zufall. Woche für Woche wächst der Club um fast 500 Mitglieder, von Chile bis China, vom Jemen bis in die Mongolei. Gast und Wirt verständigen sich über Interessen und Wünsche: »Sei höflich zu Oma«, oder: »Ich schlafe nicht auf dem Boden«, sie tauschen Tour-Tipps und Betten unter der Aufsicht des Clubs. Freiwillige Helfer überfliegen jede Mail. Wer die Philosophie nicht begreift und etwa einen Partner oder einen Ferienjob sucht, der landet im Spam. Das System beruht auf Geben und Nehmen, doch verpflichtend ist das nicht. Jeder darf gratis nächtigen, auch wenn er selbst keine Gäste bewirten will. Die meisten scheinen aber zu wollen. Sieben der 20 Ungarn auf meiner Rundmail-Liste boten mir sogleich eine Unterkunft an.

Heute ist mein Privathotel Józsefs Arbeitszimmer. Ich schlafe zwischen Schreibtisch, Blumenständer und Kartonstapeln. Eine orangerote Milchglastür trennt mich vom Ehebett, im Hintergrund summt der Großstadtverkehr. Viel zu früh schellt am Morgen der Wecker: József braucht sein Büro. Er trägt Schlafsack und Luftmatratze ins Nebenzimmer: »Damit meine Kunden nicht denken, meine Frau lässt mich nicht mehr ins Schlafzimmer.« Handyklingeln, Kundenstress, Kriszta sucht einen Stadtführer aus dem Regal und setzt mich in den Bus gen Innenstadt.

Wir treffen uns erst am Abend wieder. József hat meinen Schlafsack gelüftet, Getränke gekühlt, jetzt entkorkt er Flasche um Flasche – Wein und Obstler, gebrannt vom Onkel aus dem Heimatdorf. Bald erzählt nur er noch in flüssigem Englisch: wie er mit dem Trabi in Richtung Türkei fuhr und ihn in Rumänien Soldaten verhafteten. Wie vor Izmir die Achse brach und sich das ganze Dorf in der Werkstatt versammelte, um über das Plastikauto zu lachen. Die beiden sind so herzlich und frisch verliebt, dass ich mich schon heimisch fühle auf dem Cordsofa. Wir tauschen Adressen und Ich-schreibe-dir-Versprechen. Denn das Zugticket ist gekauft, Mark aus Szeged drängelt: Wann kommst du?

Er wartet vor dem Bahnhof, an seinen lindgrünen Lada gelehnt: »Hier fahren viele Studenten die alten Sowjet-Kisten. Kosten fast nichts.« Der Knauf des Schaltknüppels ist eine Schneekugel: Bär Mischa, Maskottchen der Olympiade 1980 in Moskau, schwimmt unter Hartplastik. Auf dem Rücksitz scheppern Kassettenhüllen. Mark ist 25, gebürtiger Szegeder und Soziologiestudent – er weiß viel und redet gern. Mich erwarten zweieinhalb Tage Rundumprogramm.

Wir beginnen in der Innenstadt. 1879 zerstörte ein Hochwasser Szeged. Viele Mächte stifteten für den Wiederaufbau. So entstanden hier Hunderte von Jugendstilvillen. Und weil nie eine Weltkriegsbombe auf sie fiel, stehen sie noch heute. »Nirgends in Ungarn studiert es sich so stilvoll wie in Szeged«, sagt Mark, fährt mich aber auch raus zur Kontrastarchitektur: »Du wirst es lieben – Sozialismus pur.« Wir spazieren über die Ölarbeiterstraße zum Ölarbeiterplatz mit der Ölarbeiterkneipe. Für die Hoffnungsindustrie der Sechziger wuchsen hier Wohnsilos, gegen deren Tristesse die Stadt nun mit Pastellfarben anstreicht. Mark zeigt mir ein Szeged, das mein Reisehandbuch nicht kennt: die Freiluftbar am Theiß-Strand, die auch morgens um fünf noch acht Sorten Bier ausschenkt. Das Denkmal für das 6:3, mit dem Ungarn 1953 England in seine erste Heimniederlage kickte: bronzene Fußballschuhe, zur Säule gewunden. Und die einstige Bahntrasse nach Bukarest, die nun zwischen Sträuchern und Klatschmohn endet: »Deutsche Soldaten haben auf der Flucht vor den Sowjets die Eisenbahnbrücke in die Luft gesprengt.«

Szegeds Studenten feiern. Mark rät: »Iss reichlich, die Nacht wird lang«

Wir speisen stilecht. Unser Ecklokal hat nicht mal ein Kneipenschild. Auf den Holzbänken hocken Arbeiter im fleckigen Blaumann, dazwischen Studenten, über Bücher und Zeitungen gebeugt. Roma-Frauen aus den Nachbarhäusern reichen Töpfe durch das Außenfenster. Hier Suppe zu kaufen ist fast so günstig wie Selberkochen. Der Koch schaufelt uns das Tagesgulasch aufs Tablett: rote Wurst, braune Wurst, Bohnen inmitten von Rindfleischwürfeln und zwei Streifen Paprika.

»Iss reichlich – die Nacht wird lang«, rät Mark. Denn heute feiern 25000 Szegeder Studenten das Ende des Semesters, Hunderte drängeln sich mit uns im Traditionsclub: dem Jate, gegründet in jenen Zeiten, als die Uni nach József Attila, dem Arbeiterdichter, benannt war. Mark ist beschäftigt: Küsschen hier, Grüße da und gegen die Band anbrüllen. Er zerrt mir Gesellschaft herbei, der eine Freund spricht Englisch, der andere hat in Bamberg studiert. Schweiß tropft von der Kellerdecke, die Party ist, wie Uni-Partys eben so sind: viel Bier, ein letztes Kampfbaggern vor der Sommerpause, Nachhausewanken Arm in Arm.

Mark lebt auf 90 Quadratmetern Altbaugemütlichkeit mit Fischgrätenparkett und Wänden so hoch, dass der Wäscheständer an Strippen unter der Decke schaukelt. Die Mitbewohner sind verreist und hinterließen Matratzen – mein Bett. Mark schneidet Brot und rumänischen Schafskäse als Mahl und zur Einstimmung auf morgen: »Wir machen so eine Japaner-Tour: Sieh Rumänien an einem Tag!«

Nach Rumänien fahren Ungarn, wenn sie sich wie Westtouristen fühlen wollen, sagt Mark: Sie können sich fast alles leisten – und treffen die Leute wieder, die bei ihnen daheim für einen Witzlohn Gemüse ernten. Der Lada ruckelt über Pflasterstein-Alleen. Ziegen springen aus dem Weg, Gänse watscheln protestschnatternd davon, wir sehen Pferdewagen und Bäuerinnen, die mit Kopftuch auf den Feldern harken. Mark stoppt zum Plausch im Dorfladen – er spricht fließend Rumänisch, schon aus Prinzip: »Die Szegeder fahren ständig nach Rumänien, billig tanken, einkaufen, saufen – aber im Rumänisch-Kurs an der Uni saß ich oft mutterseelenallein.« Mark chauffiert mich durch das transsilvanische Völkergemisch: in serbische Dörfer und durch Siedlungen, in denen jeder Ungarisch spricht. Er zeigt mir alte deutsche Hausgiebel, »Eleonore Meisser« hat sich hier eingravieren lassen. Und zeitgenössisches Deutschtum in der Regionalhauptstadt Arad: Tram Nummer 3 wirbt für »Unterfrankens größten Elektromarkt«, Linie 8 preist ein schwäbisches Bier. »Deutsche Gebrauchttrams kaufen – das ist der neue Trend. In Szeged haben wir gerade sechs aus Potsdam bekommen.« Mark drängt mich in den Lada, er möchte mir noch so viel zeigen, rumänische Berggipfel etwa und Szegeder Altstadtpubs.

Doch ich muss packen: Meine Berliner Gästematratze ist derzeit sehr gefragt. Ein Belgrader Trompeter reist an, mit Freundin und Rucksack, zwei Texaner schrieben: »Wir möchten das lokale Brauchtum studieren.« Hospitality Club – das ist jetzt mein Sommernebenjob.

Information

Zahlen: Derzeit sind 96 Ungarn Mitglied im Hospitality Club. Weltweit hat er rund 18400 Mitglieder in 148 Ländern. Besonders verbreitet ist der Club in Deutschland, den USA und Australien. Doch auch Osteuropa holt auf – allen voran Polen und Litauen

Mitgliedschaft: Wer beitreten möchte, füllt den Antrag auf der Website www.hospitalityclub.org aus. Name und Anschrift muss er nur den Organisatoren nennen. Gegenüber den anderen Mitgliedern kann er einen erfundenen Namen verwenden. Nach ein bis fünf Tagen erhält er per Mail ein Passwort, das den Zugang ermöglicht. Jedes Mitglied wird gebeten, ein Profil anzulegen und mitzuteilen, ob und zu welchen Bedingungen es Gäste beherbergen möchte. Wer über den Hospitality Club eine Unterkunft sucht, sollte damit spätestens eine Woche vor der Abreise beginnen. Jedes Mitglied hat die – bislang eher selten genutzte – Möglichkeit, über seine Gastgeber oder seine Gäste Beurteilungen zu schreiben, die dann allen anderen Mitgliedern zugänglich sind. Die Mitgliedschaft ist kostenlos, der Club wird ehrenamtlich betrieben

Konkurrenz: Beim australischen www.globalfreeloaders.com gibt der Reisende das Datum ein, an dem er eine Unterkunft sucht, und erhält eine Liste der Mitglieder, die in dieser Zeit einen freien Platz anbieten. Der Gast kontaktiert seinen Wirt direkt. Es gibt keinen Sicherheits-Check durch das Gegenlesen der Mails, wie ihn der Hospitality Club praktiziert. Globalfreeloaders akzeptiert keine Mitglieder, die nicht ihrerseits Gäste beherbergen wollen. Das gilt ebenfalls für www.stay4free.com . Diese Website wendet sich auch an Geschäftsreisende sowie an Urlauber, die mit anderen Wohnung oder Haus tauschen möchten

 
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