REZEPTVORSCHLAG Zwei Spinner, eine Mission
Die Berliner Künstler Jörn Hintzer und Jakob Hüfner inszenieren »Weltverbesserungsmaßnahmen«. Meinen die das ernst?
Es ist, als hätte man den Stöpsel gezogen. »Pfff«, macht Jörn Hintzer und sackt im Sessel zusammen wie eine Gummipuppe, der die Luft entweicht. »Keine Ahnung.« Nichts langweilt ihn mehr als die Frage nach seinem Idealismus, oder ob es nicht pubertär sei, die Welt verändern zu wollen.
»Wir sind Filmemacher, keine Politiker«, versucht Jakob Hüfner die Situation zu retten. »Wir zeigen nur Weltverbesserer. Und wenn die glauben, sie könnten dem Chaos Einhalt gebieten, indem sie Menschen nach Farben ordnen oder nach den Nummern auf ihren T-Shirts – bitte schön.« Dann diskutieren die beiden Filmemacher nicht darüber. Dann wollen sie zeigen, wie das aussieht.
Aber das ist nur Bluff: Die Weltverbesserer, deren Ideen und Projekte die beiden Berliner Künstler in ihren kleinen Filmerzählungen vorstellen, haben sie sich schließlich selbst ausgedacht. Sie treiben ein satirisches Spiel mit der Sehnsucht nach Veränderung in verkrusteten Zeiten. Und mit der Ambivalenz von Utopien. Das soll unpolitisch sein?
Ebenso hübsch wie totalitär wirkt es beispielsweise, wenn die Menschen bunt in den U-Bahn-Schacht hineindrängen – aber hinaus kommen nur jene mit veilchenblauen Jacken, veilchenblauen Hemden, veilchenblauen Mänteln. Auch Autos lassen sich so sortieren: hier die gelben, dort die roten, da hinten all die grauen.
Solche absurden Ordnungsmaßnahmen brauchen die Spielfilmer als »visuelle Trenner« für die einzelnen Geschichten ihres Hauptwerks, an dem sie gerade drehen, gefördert von der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen und von Freunden, die Geld in das Projekt investiert haben. Der Titel klingt wie von deutschen Bürokraten in Stein gemeißelt: Weltverbesserungsmaßnahmen. In sechs (vielleicht auch sieben) Episoden erzählt das Werk von Leuten, die es sich in den Kopf gesetzt haben, das Leben einfacher und schöner zu machen. Und gerechter. Und sinnvoller.
Über Hintzers und Hüfners Schnittplatz hängt das Hirschgeweih eines kapitalen Sechzehnenders. Auch sonst hat ihr Büro einiges zu bieten: Frösche purzeln über die Wände, kleine, blau gedeckelte Toiletten stehen in Reih und Glied, und wer hinauswill, muss die Türklinke in Augenhöhe drücken. »So einfach ist es, Kinder einzusperren«, sagt Hüfner. In dem Plattenbau in Berlin-Mitte war mal eine Kindertagesstätte. Heute residieren hier Künstler, Architekten und die beiden Filmemacher, die ein Fitness-Programm der besonderen Art entwickeln. »Langsames Trainieren des Utopiemuskels«, nennt es der wieder zum Leben erwachte Hintzer.
Sie fingen an mit einem einzigen Zuschauer aus Neuseeland
Er und sein Partner, beide Mitte dreißig, kennen sich von der Kunsthochschule für Medien in Köln. Jakob Hüfner, braune Haare, quirlig-drahtig, voller Energie, schreibt Drehbücher und ist auch als Schauspieler unterwegs. Jörn Hintzer, der sich freut, dass sein Vorspann für Die fetten Jahre sind vorbei gerade in Cannes zu sehen war, ist ein bisschen größer, blond und zeichnet für das Genialische ebenso verantwortlich wie für das Manisch-Abgründige.
Vor vier Jahren gründeten sie »Datenstrudel«, um Internet-TV zu machen. »Wenn Tag und Monat sich zwillingte«, erzählt Hintzer mit seiner Hang zu Manierismen, »also am 1.1., 2.2., 3.3., dann zeigten wir eine interaktive Live-Stream-Show im Netz.« Die User durften sich etwas wünschen, Datenstrudel ließ es Wirklichkeit werden.
Namedropping zum Beispiel: Per E-Mail schickte man virtuell seinen Namen, reale Schwimmer schrieben ihn dann mit ihren Körpern ins Hallenbadblau. Ein anderes Mal konnte man eine echte Demo bestellen, »demo on demand«, oder E-Mail-Grüße als Flaschenpost in den Rhein schmeißen lassen. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Es zählte die improvisierte Aktion, das Happening. »Angefangen haben wir mit einem Zuschauer aus Neuseeland. Was haben wir um den gebuhlt!« Nicht die Quoten-Hunderttausenden zählten, sondern dieser eine User vom anderen Ende der Welt. Plötzlich war er weg.
Datenstrudel avancierte zum Experimentierfeld für Filmemacher, Künstler, Fotografen und Autoren. Man machte auch Musikvideos, zum Beispiel das Video für Peter Licht, in dem eine Topfpflanze einen eskapistischen Bürostuhl durch die Stadt jagt: »Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem Sonnendeck – bin ich, bin ich, bin ich.« Dann kam die Krise, der Markt brach zusammen, und alle sahen bloß zu, dass sie irgendwie, irgendwo ein Auskommen fanden. Keine Zeit für Visionen.
Außer bei Jörn Hintzer und Jakob Hüfner. Die hatten schließlich schon immer ein Faible für Utopisches. Und mehr als eine Weltverbesserungsmaßnahme war im Datenstrudel hängen geblieben. Man hatte über Computerbefehle für den Alltag nachgedacht: Wäre es nicht wunderbar, nach dem verlegten Autoschlüssel googeln zu können oder einen Seitensprung mit der Undo-Taste rückgängig zu machen? Oder sie hatten darüber diskutiert, ob der Innenstadtverkehr erträglicher, weil lustiger würde, wenn Stoßstangen wieder zum Stoßen taugten und die City zu einem gigantischen Autoscooter würde.
Vielleicht wird nächstes Jahr ihr Kinofilm die Welt verbessern
So entschlossen sich Hintzer und Hüfner, der Weltverbesserung einen Spielfilm zu widmen – die Fortsetzung des Datenstrudels mit anderen Mitteln. Einmal im Monat drehten sie eine Episode und vertrauten dabei weiterhin auf das Anarchische, Spontane. Ganz im Gegensatz zu den langfristigen Produktionszyklen des gewöhnlichen Filmemachens: Die Ergebnisse sind sofort da. Das funktioniert aber nur, weil sich die Autoren den Luxus gönnen, im Schnittraum zu sagen: »Das drehen wir noch mal.«
Mal sind es »Verkippungen, Verdrehungen«, die eine Episode entstehen lassen: Ein Chef entlässt in der Krise nicht seine Angestellten, sondern das Büro. Mal sind es Experimente – »So, wie man als Kind eine Wespe und eine Fliege in ein Glas sperrte, um zu sehen, was dabei herauskommt«, sagt Hüfner.
Mit ihren Interviews und unterlegten Kommentaren parodieren die einzelnen Episoden häufig den Doku-Stil von Boulevard-Magazinen wie Explosiv oder Brisant. Verwackelte Bilder, zu lange Einstellungen, der Verzicht auf Effekte, alles suggeriert: Seht her! Das ist echt! Der Zuschauer weiß, wie absurd es ist. Doch egal, mit Vergnügen lässt man sich auch von der verrücktesten Utopie verführen.
Keine Frage: Die beiden wollen der Fantasie wieder an die Macht verhelfen. So wie 1968? Es ist zumindest nicht leichter geworden, gegen mentale Erstarrung zu kämpfen – da sind sie sich sicher. »Damals hatte man etwas, gegen das man ankämpfte«, sagt Hüfner. »Wir haben keine Feinde. Heute denkt man alles gründlich durch und will am Ende doch nur die Steuern ändern.« Niemand traue sich, etwas Neues zu denken in einem Common Sense, der da laute: »Sei so wie Inge Meysel!« Gegen dieses »Sei charmant, sei bodenständig, das schaffen wir schon irgendwie« proben die Weltverbesserer den Aufstand. »Natürlich muss man sich vor den Utopisten auch in Acht nehmen«, sagt Hintzer. »Die sind einer Idee verfallen und ziehen die durch; koste es, was es wolle.« Aber wenn man davor immer nur Angst hat – »Das ist doch total langweilig.«
Jede einzelne Filmgeschichte hat ein Happy End. Die Botschaft ist klar: »Wir brauchen mehr Spinner, die sich trauen, einer fixen Idee zu folgen, selbst wenn sie völlig unsinnig erscheint.« Auch Kolumbus kam so zum Erfolg. »Stell dir vor: Da kommt ein Schiff übern Horizont, die Besatzung ist außer sich.« Hintzer legt die Hände als Trichter um den Mund: »Sie ist rund! Wir haben Indien entdeckt!»
Bis zum Herbst sollen alle Episoden fertig sein. Von Januar an wollen sie dann die Weltverbesserungsmaßnahmen auf Festivals zeigen und danach im Kino. Vielleicht machen sie auch eine DVD: »Als Alltagsratgeber.«
Die Weltverbesserungsmaßnahmen sollen sich aber keinesfalls auf diese Welt beschränken, das steht für die beiden Filmemacher fest. Es wird einen Epilog geben: eine Verbesserungsmaßnahme für das Paradies. Wie die aussehen soll, wissen die beiden noch nicht genau. So viel jedoch ist klar: Für Weltverbesserer ist das Himmelreich die Hölle – alles perfekt und auf Ewigkeit gestellt. »Die nörgeln dort ständig rum«, meint Jörn Hintzer, »und drehen jede Wolke einzeln um.«
1. WELTVERBESSERUNGSMASSNAHME VON HINTZER & HÜFNER: Der Leihbruder
Nicht der Storch hat Jonas einen Bruder gebracht, sondern das Arbeitsamt. Martin ist 35, war arbeitslos und galt als schwer vermittelbar. Als er von der Leihgeschwister-Ausbildung hörte, wusste er: »Das ist es!« Bestens gecoacht klingelt er bei seiner neuen Familie und strahlt die gleichaltrige Frau, die ihm öffnet, an: »Mama!«
Das Problem ist bekannt: Deutsche Paare pflanzen sich nur zögerlich fort. Die Zahl der Einzelkinder steigt und steigt. Sind wir also verdammt, ein Volk von Egoisten zu werden? Arbeitslose wie Martin sollen das verhindern. Doch Jonas’ kleiner Bruder zu sein, ist gar nicht so einfach. Bisher war Martin sehr ordentlich. Nun ist es sein Job, mit Jonas so viel Chaos zu verbreiten, wie das Kinder nun mal tun. Martin löst die Aufgabe gut. Der Vater findet: zu gut. Als Martin es seinem Bruder gleich tut und in der Nacht zur Mama ins Bett steigt, ist für den Vater das Maß voll.
Martin muss in die Klinik und lernt dort, sich nicht zu sehr mit seinem Job zu identifizieren. Seitdem sind alle glücklich. Jonas ist nicht mehr hyperaktiv. Mama und Papa sind überzeugt, dass sich die Leihbruderschaft durchsetzen wird. Und Martin ist stolz, als Leihbruder die Zukunft Deutschlands mitzugestalten.
2. MASSNAHME: Ampel e.V.
Die Ampel ist ewig rot. Endlich schaltet sie um. Nichts passiert. »Die Leute schlafen, die pennen«, schimpft Bernd, der Spediteur. »Es ist schon zehn Sekunden grün, da fährt der erste los.« Bernd hat bereits einen Herzinfarkt hinter sich. »Der ist total angenervt vom Berufsverkehr«, sagt seine Frau. Deshalb nimmt sie ihn mit zu Rolf und seinem Verein Ampel e. V.
»Wir wollen, dass die Autos vor der Ampel alle im gleichen Moment anfahren«, erklärt Rolf seine Mission. Die Autoschlange soll ein einziger Körper sein und sich wie ein solcher bewegen. Das Ende aller Staus! Davon will Rolf auch den ADAC überzeugen.
Bernd ist es schon. Und er ist stolz, jetzt einer »avantgardistischen Bewegung« anzugehören. Aber er tut sich damit auch schwer. Ganz schön viel verlangt schließlich von Rolf, dass Bernd seine Berührungsängste abbauen und die eigene Weiblichkeit annehmen soll. »Man muss sich fallen lassen können«, rät ihm die selbsthilfegruppenerfahrene Svantje und führt es vor. Bernd fängt sie nicht auf. Rolf hat noch viel zu tun.
3. MASSNAHME: Der Slomoman
Er war mal der schnellste Bongospieler von Krefeld. Nun besucht Simon Silke und zieht seine Jacke so langsam aus, dass seine frühere Band-Kollegin sie ihm schließlich entnervt herunterreißt: »Ich helf dir mal.« Warum er sich so langsam bewegt? »D-A-S – I-S-T – E-I-N-E – L-A-N-G-E – G-E-S-C-H-I-C-H-T-E« Zu lang für einen Kurzfilm.
Auf jeden Fall lässt Silke sich begeistern: »Slow! Das ist geil! Echt super!« Simon übt mit ihr, wie sie ihre cholerische Art überwinden kann. Das kostet Geduld, viel Geduld. Bevor sie zum Beispiel mit dem Eis wieder bei ihm ist, ist es längst geschmolzen und hat ihre Hände völlig besudelt. Und dass er es nicht einmal schafft, dem Dieb seiner Tasche hinterherzugucken, will ihr so gar nicht in den Kopf: »Du mit deinem Zeitlupenkack!« Doch Simon, der Slomoman, bleibt stoisch: »Seitdem ich mich langsam bewege, komme ich schneller voran.«
4. MASSNAHME: Entlasse dein Büro
Die Krise. Kein Land in Sicht. Der Chef muss Konsequenzen ziehen. Sparen. Die Angestellten entlassen? Nein. Das Büro!
Also wird fortan auf der Straße gearbeitet. Weil es aber asozial wäre, den Kindern die Tischtennisplatte als Schreibtisch wegzunehmen, geht man nachts ans Werk. Komisch war das anfangs schon. »Es kamen viele Passanten vorbei und fragten, was wir da machen«, erzählt der Chef. »Aber nach und nach haben meine Mitarbeiter gemerkt: Es funktioniert.« Und auch die Kunden: »Klar, es war kalt und nass. Doch das Angebot war so sagenhaft günstig – da haben wir zugeschlagen.«
Besonders morgens, wenn die Vögel singen und die Sonne aufgeht, werden die besten Abschlüsse gemacht. Nicht allen gefällt das: »Das parasitäre Moment war für viele schwierig zu verstehen. Ich sage nur: Alte Zöpfe müssen ab.« Makler bringt das Outdoor-Büro gänzlich auf die Palme: »Durch Ihre Scheißunternehmensphilosophie sind 15 Prozent Leerstand im Büromietsektor entstanden.« Es kommt zum Prozess. Und der wird gewonnen. »Sie rufen uns außerhalb unserer Geschäftszeiten an«, sagt der Anrufbeantworter. »Unser Büro ist von 21 Uhr bis 5Uhr früh besetzt.« Piep. »Ich habe Ihnen heute meine Bewerbungsunterlagen unter die Hecke gelegt«, spricht eine Frau darauf. »Ich komme morgen Nacht einfach noch mal vorbei.«
5. MASSNAHME Auf Augenhöhe
Holger konnte das Elend dieser Welt, vor allem die Ungerechtigkeit, nicht mehr ertragen. »Man fragt sich ja immer, was man als normaler Mensch tun kann.« Plötzlich wusste er es: Man muss die Menschen gleich groß machen. Damit es endlich ein Ende hat, dass die einen an den anderen empor blicken müssen. Auf Dauer ist das nicht gut. Das schürt Neid und Aggressionen. Stand nicht gerade in der Zeitung, Kleine verdienten weniger als Große?
Seitdem tourt Holger durch die Fußgängerzonen, klebt den Menschen individuell gefertigte Schaumstoffsohlen unter die Schuhe und bringt so alle auf 1,90 Meter, das wissenschaftlich anerkannte Idealmaß. Zwar ist die Technik noch nicht ganz ausgereift – »In zwei Wochen kannste damit rennen!« –, und so mancher hat, wie Holger glaubt, Angst davor, seinem Partner gleichberechtigt in die Augen zu sehen. Doch sind das für ihn nur Kinderkrankheiten seiner Weltverbesserungsmaßnahme. Er wird die Technik nach England und Frankreich exportieren, nach Afrika und Asien. Da ist er sich sicher: »In zehn Jahren wird die Welt anders aussehen. Da brauchen wir keine Regierungen mehr, keine Religionen.«
6. MASSNAHME: Das Geldwunder von Radibor
Radibor ist eine klitzekleine Stadt in Sachsen, am Rande der Republik. Hier hat ein Malermeister in seinem Garten Dinosaurier jagende Neandertaler aufgestellt; hier versuchen die Sorben, ein kleines slawisches Völkchen, nicht auszusterben. Wie so vielen Orten im Osten geht es Radibor nicht gut. Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst, Konsum- und Investitionshemmungen haben die Stadt im Griff. Der Niedergang scheint unaufhaltsam.
Doch es gibt Sonja. Das ist die Tochter des Bürgermeisters, die mit dem Pferd zu Plus reitet und sich ärgert, dass sie dort Tomaten aus Holland kaufen muss, während auf den fruchtbaren Äckern rund um Radibor nur Raps blüht.
Sonja hat die rettende Idee: Geld mit Haltbarkeitsdatum. »Juli« soll die neue, von einer Pusteblume gezierte Währung heißen. Man muss sie sofort ausgeben; im August schon gibt es dafür nichts mehr zu kaufen. Der Stadtrat ist dagegen, die Sorben aber helfen ihr und drucken das Juli-Geld. Die ideale Lösung, den Konsum anzukurbeln!
Es wird ein Riesenerfolg. Die Wirtschaft boomt, der Stadtkämmerer hüpft glücklich durchs Rathaus, und nachts brennen wieder alle Straßenlaternen.
- Datum 29.07.2004 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







