REZEPTVORSCHLAG Zwei Spinner, eine MissionSeite 6/6
Holger konnte das Elend dieser Welt, vor allem die Ungerechtigkeit, nicht mehr ertragen. »Man fragt sich ja immer, was man als normaler Mensch tun kann.« Plötzlich wusste er es: Man muss die Menschen gleich groß machen. Damit es endlich ein Ende hat, dass die einen an den anderen empor blicken müssen. Auf Dauer ist das nicht gut. Das schürt Neid und Aggressionen. Stand nicht gerade in der Zeitung, Kleine verdienten weniger als Große?
Seitdem tourt Holger durch die Fußgängerzonen, klebt den Menschen individuell gefertigte Schaumstoffsohlen unter die Schuhe und bringt so alle auf 1,90 Meter, das wissenschaftlich anerkannte Idealmaß. Zwar ist die Technik noch nicht ganz ausgereift – »In zwei Wochen kannste damit rennen!« –, und so mancher hat, wie Holger glaubt, Angst davor, seinem Partner gleichberechtigt in die Augen zu sehen. Doch sind das für ihn nur Kinderkrankheiten seiner Weltverbesserungsmaßnahme. Er wird die Technik nach England und Frankreich exportieren, nach Afrika und Asien. Da ist er sich sicher: »In zehn Jahren wird die Welt anders aussehen. Da brauchen wir keine Regierungen mehr, keine Religionen.«
6. MASSNAHME: Das Geldwunder von Radibor
Radibor ist eine klitzekleine Stadt in Sachsen, am Rande der Republik. Hier hat ein Malermeister in seinem Garten Dinosaurier jagende Neandertaler aufgestellt; hier versuchen die Sorben, ein kleines slawisches Völkchen, nicht auszusterben. Wie so vielen Orten im Osten geht es Radibor nicht gut. Arbeitslosigkeit und Zukunftsangst, Konsum- und Investitionshemmungen haben die Stadt im Griff. Der Niedergang scheint unaufhaltsam.
Doch es gibt Sonja. Das ist die Tochter des Bürgermeisters, die mit dem Pferd zu Plus reitet und sich ärgert, dass sie dort Tomaten aus Holland kaufen muss, während auf den fruchtbaren Äckern rund um Radibor nur Raps blüht.
Sonja hat die rettende Idee: Geld mit Haltbarkeitsdatum. »Juli« soll die neue, von einer Pusteblume gezierte Währung heißen. Man muss sie sofort ausgeben; im August schon gibt es dafür nichts mehr zu kaufen. Der Stadtrat ist dagegen, die Sorben aber helfen ihr und drucken das Juli-Geld. Die ideale Lösung, den Konsum anzukurbeln!
Es wird ein Riesenerfolg. Die Wirtschaft boomt, der Stadtkämmerer hüpft glücklich durchs Rathaus, und nachts brennen wieder alle Straßenlaternen.
- Datum 29.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 29.07.2004 Nr.32
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