polen Verkrampft in alle Ewigkeit?

Unsere Beziehungen zu Polen werden schwieriger. Warschau sucht noch seinen Platz in der EU. Die Deutschen akzeptieren Polen nicht als gleichberechtigten Partner. Am Sonntag gedenkt Kanzler Schröder des Warschauer Aufstands

Jedes Wort wird wieder auf die Goldwaage gelegt werden. So war das immer, so bleibt es. Gerhard Schröder weiß auch, dass manche seine Teilnahme an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Warschauer Aufstandes noch immer für »zu früh« halten, trotz des Auftritts mit Jacques Chirac und den Alliierten beim D-Day in der Normandie. Aber die Einladung von Präsident Kwa™niewski, sagt er, habe ihn »berührt«. Natürlich folgt er ihr. Ja, es sei eine »Zäsur«.

Er wisse, setzt der Kanzler im Gespräch gleich hinzu, welchen Platz der Aufstand in der polnischen Geschichte einnehme. »Unser Heiligstes!«, hat der alte Wladyslaw Bartoszewski, der am 1.August 1944 dabei war, empört gerufen, weil der deutsche Bund der Vertriebenen mit Erika Steinbach, ausgerechnet, sich eine Erinnerungsfeier in Berlins Französischen Dom dazu anmaßte. Nicht über die Reden dort erregte er sich, sondern über die bloße Tatsache. Versöhnung? Haben sie uns gefragt? Lug und Trug! Mit einer Goldwaage hantiert inzwischen auch Schröder, obgleich sie eher Made in Germany ist, er spürt, dass die Erregung nicht Alarmismus ist, er weiß, welcher Balanceakt auch ihm bevorsteht. Die Einladung nach Frankreich, so hatte er den französischen Präsidenten interpretiert, bedeute, dass die »Nachkriegszeit endgültig zu Ende« sei; so würde er die Einladung nach Warschau keinesfalls deuten. Mit Polen ist es anders. Da brauche man mehr Geduld.

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Von der classe politique zumindest lässt sich sagen, dass sie sich im Großen und Ganzen verantwortlich verhält, wann immer es um Polen geht. Geschickt hat der neue Präsident, Horst Köhler, ein Schlesier, seinen ersten Besuch nicht Frankreich, sondern Polen abgestattet, die Familie Kwa™niewski lud ihn demonstrativ auch noch ein in ihre Sommerresidenz auf der Putziger Nehrung. Die beiden jungen Schäferhunde fläzten sich auf dem Sofa, die Tochter der polnischen Gastgeber schoss fröhlich Familienfotos vom trauten Kreis. Aber auch die Vorgänger, Johannes Rau, Roman Herzog mit seiner Bitte um Verzeihung im Jahr 1994, Richard von Weizsäcker ohnehin, keiner hat etwas anbrennen lassen. Er habe das Buch von Norman Davies, Im Herzen Europas, und auch das über die Stadt Breslau gelesen, sagt Goldwaagen-Schröder. Er liest ja wirklich gern.

Wenn man über das Schicksal Polens nachdenke, schreibt dieser Davies, gelange man »in der Tat zu den tiefsten Rätseln der Geschichte und der menschlichen Sterblichkeit … Wenn Polen wirklich zerstört wurde, wie konnte es dann später wiederbelebt werden? Wenn Polen wiederauferstand, dann muss es etwas geben, das seine physische Vernichtung überstand … Offenbar gibt es ein Leben nach der Teilung.«

Der Unterschied ist evident, und dabei geht es nicht darum, dass Polen nur halb so groß ist, wenn auch größer als alle Neuen zusammen: Polen nimmt das Deutschland mikroskopisch genau wahr, das in seine Innenpolitik tief hineinspielt, während Deutschland noch immer nicht sehr genau hinsieht nach Polen, die Berliner Innenpolitik wird davon nicht tangiert. Und ändern wird sich auch daran nichts, dass die Vergangenheit für die »Täter« rascher vergeht als für die »Opfer«. Es ist die Geschichte einer Asymmetrie, die das 19. und 20. Jahrhundert prägte und die nicht enden will, die sich nicht einfach umschreiben lässt.

Dennoch: Erstmals in ihrer Geschichte sitzen Polen und Deutsche aus Überzeugung gemeinsam auf der gleichen Seite, in Brüssel wie in der Nato. Europa verändert das, und zwar radikal. So viel Wirbel und Ärger die ersten polnischen Schritte in der EU auch ausgelöst haben, das Nein zur Verfassung (»Nizza oder der Tod«), die Unterschrift Leszek Millers unter den »Brief der acht«, eine Loyalitätserklärung an Washingtons Adresse im Irak-Konflikt, der nicht einmal ein erklärender Anruf beim deutschen »Freund« Schröder vorausging, oder die gelegentlichen Belehrungen Aleksander Kwa™niewskis über Europas wahre Mission – war dieser Auftritt denn so überraschend? Enttäuscht reagierten gerade manche der deutschen Versöhnungskoryphäen: So viel Mühe, alles umsonst! Und überhaupt: Ja zum Irak-Krieg! Offenbar wurde doch vor allem, wie sehr historische Traumata nachwirken, welcher Nachholbedarf nach Anerkennung besteht, wie viel Erfahrung auf dem Parkett fehlt und wie enorm die Ungleichzeitigkeit ist. Es stolperte die politische Klasse eines Landes hinein ins neue Europa, das von sich sagt, es sei zu groß, um nicht Einfluss nehmen zu dürfen – was ja stimmt. Gestolpert, man erinnere sich, sind im Irak-Konflikt im Übrigen aber auch andere, die mehr Erfahrungen hatten.

Frankreichs Präsident Chirac zürnte und schurigelte von oben herab, die Polen hätten besser den Mund gehalten, der deutsche Kanzler, der die Sache vermutlich nicht gänzlich anders sah, biss sich auf die Lippen und schwieg. Zum Glück. So ist nicht vollends der Blick darauf verstellt worden, wie viel im Prozess der »Normalisierung« der polnischen Seite zu danken ist und wie unterschiedlich die Hypotheken sind, die jeder mitschleppt. Denn noch immer verschlägt es einem die Sprache, wenn man zurückblättert auf das Geschehene, in dieser Spanne zwischen 1939 und 1945, in der Millionen Polen ums Leben kamen.

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