Dreizehn Jahre hat Jan Backman auf diese Mission gewartet. Dreimal war er in der Arktis, hat sich mit einem Eisbrecher den Weg gebahnt in Richtung Nordpol, hat sich gegen Stürme und Packeis gestemmt, große Teile seiner Ausrüstung verloren – aber nicht die Hoffnung, seinen wissenschaftlichen Traum zu verwirklichen. Falten haben sich in das vom Wetter gegerbte Gesicht des Geologen der Stockholms Universitet gegraben, das Haar ist ergraut. Aber jetzt, mit 56 Jahren, steht Backman kurz vor seinem Ziel. © ZEIT-Grafik

Am 8. August beginnt unter seiner Leitung in Tromsø, Norwegen, eine der aufwändigsten Forschungsreisen der letzten Jahre, die arktische Bohrexpedition ACEX (Arctic Coring Expedition). Drei Eisbrecher werden in See stechen in Richtung Lomonossow-Rücken, eines Gebirgszuges 1000 Meter unter dem Meeresspiegel, der sich von Grönland bis nach Sibirien erstreckt. ©

250 Kilometer südlich des Nordpols wollen Geologen zum ersten Mal mit einem hohlen Bohrer tief in den Meeresboden unter dem arktischen Eis vorstoßen. 25 Tage lang wollen sie Proben aus den dortigen Ablagerungen, dem Sediment, schneiden. Die sollen helfen, ein großes Rätsel zu lösen. Noch weiß niemand, wann und warum sich das tosende, einst tropische Nordmeer in eine weiße Eisfläche verwandelte. Das Nordmeer ist das einzige Gebiet auf der Erde, dessen Klimageschichte unbekannt ist. Doch alle Klimamodelle vergangener erdgeschichtlicher Epochen sind ohne genauere Kenntnisse über die Arktis spekulativ.

Wenn das Nordmeer sich erwärmt, wird es in Mitteleuropa kälter

Denn für unser heutiges Klima hat das Nordmeer zentrale Bedeutung. Es ist gleichsam die Pumpe, die Wärme nach Europa bringt. Kaltes und damit dichtes Wasser sinkt in der Arktis in die Tiefe. Dadurch wird wärmeres Wasser aus dem südlichen Atlantik angesaugt. Diese Strömung bestimmt das, verglichen mit anderen Regionen auf demselben Breitengrad, sehr milde Klima in Mitteleuropa. Diskutiert wird im Moment, ob die zunehmende Erwärmung des Nordmeers diese Pumpe zum Stillstand bringen wird. Das Klima in Mitteleuropa würde dann kälter. Die ACEX-Mission soll neue Erkenntnisse über die natürlichen Temperaturschwankungen in der Arktis bringen und zeigen, welche Auswirkungen diese auf das Weltklima haben. Anhand der Daten, so hofft man, können auch die Folgen des Treibhauseffekts besser eingeschätzt werden.

Jan Backman ist der Pionier der arktischen Meeresgeologie, aber ACEX ist keine rein schwedische, sondern eine internationale Expedition. Finanziert wird das 10,5 Millionen Euro teure Vorhaben vom IODP (Integrated Ocean Drilling Program), einem Konsortium von 14 europäischen Staaten, den USA und Japan. Die arktische Bohrexpedition wird von den Europäern ausgerichtet, ein Viertel der Kosten trägt Deutschland. Forscher der Universität Bremen und des Alfred-Wegener-Instituts in Bremerhaven sind an Bord und an Land beteiligt.

Über Satelliten werden die Forscher vor riesigen Eisschollen gewarnt

4000 Kilometer südlich der Arktis, im Bremer Europahafen, fernab von Eisschollen und Minusgraden, wird die Bohrexpedition im Herbst enden. Im Schuppen 3, einem roten Ziegelbau, gleich neben dem Orangendepot von Onkel Dittmeyer, steht eines von weltweit drei Lagern für Bohrkerne aus den Ozeanen. Ursula Röhl, Meeresgeologin an der Universität Bremen, erwartet hier die Fracht aus der Arktis: über 600Kunststoffzylinder, 1,5 Meter lang, 7,5 Zentimeter im Durchmesser, gefüllt mit Sediment. In Bremen beginnt im November unter der Leitung von Röhl die wissenschaftliche Auswertung der Arktis-Expedition.