Eigentlich hatte Andreas Jacob nicht vor, München so schnell wieder zu verlassen. Im vergangenen Jahr war er für eine Stelle als Marketing-Assistent an die Isar gezogen, doch der Betrieb ging im Januar Pleite, und der 23-jährige Betriebswirt war wieder auf Jobsuche. Als er in der Arbeitsamt-Zeitschrift Markt und Chance vom Leobaltica-Austauschprogramm las, bewarb er sich spontan: "Aus Neugier und weil man im Baltikum noch etwas bewegen kann." Im März brach er dann nach Estland auf.

"Etwas Abenteuerlust muss man schon mitbringen", sagt Anngret Rüß, Bildungsreferentin bei Arbeit und Leben DGB/VHS in Hamburg. Seit 1999 vermittelt der Verein im Frühjahr und im Herbst insgesamt 30 Arbeitnehmer pro Jahr für drei Monate nach Lettland, Litauen oder Estland. Das Leonardo-Programm der EU übernimmt einen Großteil der Kosten für Reise, Unterbringung und einen Sprachkurs. Zusätzlich gibt es 200 Euro monatlich für die Lebenshaltung, lediglich 390 Euro müssen die Teilnehmer selbst aufbringen. Bewerben kann sich jeder mit zwei Jahren Berufserfahrung oder einer abgeschlossenen Ausbildung. "Die Interessenten kommen aus allen Branchen und Altersschichten", sagt Rüß, bei der sich nicht nur Arbeitslose melden, sondern auch immer mehr fest Beschäftigte, die etwas Neues ausprobieren oder Kontakte ins Baltikum knüpfen wollen.

Am Busbahnhof von Tartu bekam die Gruppe zunächst die frostige Seite Estlands zu spüren: Eine dicke Schneedecke und zehn Grad minus sind normales Märzwetter in der 100000-Einwohner-Stadt. Dazu kam die Umstellung auf eine neue Wohnsituation. Die Unterkunft in Gastfamilien ist Prinzip bei Leobaltica, damit die Deutschen den estnischen Alltag hautnah erleben und sich mit der Sprache auseinander setzen müssen. Zwar gibt es in Lettland und Litauen auch rein deutsche Wohngemeinschaften, doch Rüß rät von ihnen ab: "Die enden oft in Abkapselung der Teilnehmer und Gruppenzwang." Für das Praktikum ging Andreas Jacob in den Soomaa-Nationalpark, wo er für ein Reise-Unternehmen ein Marketing-Konzept für deutsche Urlauber entwickeln sollte. Tourismus gehört zu den boomenden Branchen des wald- und seenreichen Landes. Zur Einarbeitung fuhr Jacob mit seinem Chef mehrere Tage im Kanu durch das von Schmelzwasser überflutete Gebiet. "Ich war ständig im ganzen Land unterwegs, auf Reisemessen und bei anderen Tourismusanbietern", schwärmt Jacob, der mit seinem Chef eine Verlängerung um einige Wochen vereinbart hat.

Eine Erfolgsgeschichte. Luigi Päri betreut Leobaltica auf estnischer Seite. Probleme gibt es nach seiner Erfahrung manchmal aufgrund der unterschiedlichen Mentalitäten: Die zurückhaltenden Esten warten oft ab, wie sich der deutsche Gastarbeiter anstellt, bevor sie ihm konkrete Aufgaben geben. "Die Praktikanten müssen dann eben von sich aus mehr Arbeit einfordern", sagt Päri. Ungewohnt für deutsche Arbeitnehmer ist auch das oft familiäre Klima in estnischen Betrieben, in denen meist auch der Chef geduzt wird.

Anlässe für mittlere Kulturschocks finden sich dagegen in manchen Handwerksbetrieben, die mangels Geldes und trotz EU-Beitritts von westlichen Sicherheitsstandards weit entfernt sind. So staunte die Kölner Tischlerin Kirsten Frese nicht schlecht, als sie die Kollegen in ihrer Holzschnitzerei mit Sägen und Fräsen hantierten sah, die in Deutschland seit Jahren verboten sind. Auch Arbeitsschuhe suchte sie vergebens – einige Männer standen sogar in Badelatschen an den Geräten.

Doch während sich Kulturbarrieren noch überwinden lassen, erweisen sich die Löhne als ernstes Hindernis für eine Arbeit in Estland: Das durchschnittliche Monatseinkommen liegt bei 450 Euro. Selbst in Tartu, wo jeder fünfte Einwohner ein Student ist, kann man davon gerade so leben. Trotzdem bleibt Päri zufolge jedes Jahr mindestens ein Praktikant länger als geplant. Für 2004 ist diese Auswandererquote bereits erfüllt. Einem Biotechnologen wurde in einem Forschungslabor ein Arbeitsvertrag angeboten: Der Aufschwung also ist da. Zumindest in Estland.