Der ganz große Bluff

Nun ist es amtlich: Grafikblätter von Salvador Dalø sind massenhaft gefälscht worden

Die große Nähe zu Berühmtheiten kann verführerisch sein, und so kommen die Fälscher auch meistens aus dem direkten Umfeld des Künstlers. Wie Satelliten umkreiste das Turiner Arztehepaar Mara und Beppe Albaretto nach eigener Darstellung den 1989 verstorbenen Surrealisten Salvador Dalø zu Lebzeiten. Sie verbrachten die Ferien zusammen im spanischen Cadaqués, reisten mit Dalø und seiner Ehefrau Gala nach New York und Paris und residierten angeblich gemeinsam in den Luxushotels Meurice und St. Regis Sheraton an der Fifth Avenue. Für ihren Spross Cristiana übernahm der Künstler nach Aussagen der Familie sogar die Patenschaft.

Nun wird Daløs Töchterchen allerdings beschuldigt, gemeinsam mit einem weiteren Familienmitglied und einem belgischen Händler über Jahre hinweg gefälschte Grafiken in Umlauf gebracht zu haben. Wie der ermittelnde Kriminalkommissar Ernst Schöller vom LKA Stuttgart sagt, handelt es sich dabei um den größten europäischen Fall im Bereich gefälschter Druckgrafik.

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Auslöser für die Ermittlungen war eine Ausstellung im Jahr 2000 im Freiburger Kornhaus. Bei 65 der dort gezeigten 97 Arbeiten handelte es sich um fototechnisch hergestellte Massenware, die bewusst zum Vertrieb produziert und signiert war. Dies kann der Oberstaatsanwalt und Pressesprecher Wolfgang Maier aus Freiburg nun bestätigen. Nichts stimmte an der Dalø-Grafik, weder Papier noch Motive oder Expertisen, die der Künstler unterschrieben haben soll. Die angegebenen Maße differierten zudem mit denen im Werkverzeichnis.

Dalø sprach kein Italienisch, doch die angeblich von ihm unterzeichneten Verträge waren teilweise auch in dieser Sprache verfasst. Auf die sechziger Jahre datierte Papiere waren auf einer Maschine getippt, die erst in den Siebzigern auf den Markt kam.

Zu diesem Zeitpunkt war die Turiner Druckwerkstatt Les Heures Claires, die im Besitz der Familie Albaretto ist, bereits berüchtigt. Immer wieder wurde die Familie in Zusammenhang mit Fälschungen - etwa im Verbund mit der belgischen Kunsthandlung Interart - gebracht. Bisher hatte sie jedoch Glück. Trotz mehrerer Verfahren bestätigten Gerichte in Mailand und Brüssel immer wieder die Echtheit der Papierarbeiten. Nun scheint es jedoch anders zu werden, denn die Beweislage lässt uns dem Prozess gelassen entgegensehen, wie der Kommissar sagt. Das wird auch Auswirkungen auf die vorherigen Urteile haben.

Auf ein Rechtshilfeersuchen reagierte die italienische Seite über ein Jahr lang nicht. In Brügge wurde man schneller fündig, dort konnten bei Interart etwa 300 Arbeiten beschlagnahmt werden, ein Bruchteil der mittlerweile in die ganze Welt verstreuten Hehlerware. Das in vielen Puzzlesteinen zusammengefügte Bild bietet sich den Fahndern nun folgendermaßen dar: 30 gefälschte Motive in einer Auflage von je 2000 Blatt mit einem vermutlichen Erlös von 30 Millionen Euro.

Es gibt wohl kaum einen Künstler, dessen Werk in einem solchen Ausmaß gefälscht worden ist wie das von Salvador Dalø. Etwa eine halbe Million original Dalø-Papierauflagen sind autorisiert gedruckt worden, schätzen die Verfasser des 1994 erschienenen Werkverzeichnisses Ralf Michler und Lutz W.

Löpsinger. Ihrer Meinung nach kursiert auf dem Kunstmarkt aber etwa die zehnfache Menge aus dubiosen Quellen. 60 000 falsche Blätter wurden Mitte der Neunziger in der New Yorker Galerie Amiel beschlagnahmt, über 100 000 Falsifikate befand ein Gericht im schweizerischen Grenoble. Und das sind keine Einzelfälle. Blankounterschriften des greisen Exzentrikers haben die Geschäfte ihrerseits befördert. Gerade erst Ende Juli kam es nach jahrelangen Prozessen mit der Fundació Gala-Salvador Dalø und Daløs letztem Sekretär Robert Descharnes zum Vergleich. Demnach überlässt der ins Zwielicht geratene Vertraute des Künstlers der Stiftung mit der von ihm gegründeten Gesellschaft für die Verwertung der Autorenrechte am Werk Daløs ein etwa 50 Millionen Euro schweres Unternehmen. Ein spanisches Gericht erkannte die Unterschrift des damals schon schwer kranken Künstlers nicht für echt.

Die drei Beschuldigten aus Turin und Brügge haben die Staatsanwaltschaft über ihre Verteidiger wissen lassen, dass sie dem Strafbefehl einer Geldstrafe in Höhe von je rund 50 000 Euro nicht nachkommen werden. Bald wird es wohl eine öffentliche Hauptverhandlung geben.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 33/2004
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