Genau davon wird auch abhängen, ob die Idee selbst auf Dauer tragfähig ist: Wenn es nicht gelingt, vom Erzeuger bis zum Verbraucher einen geschlossenen Kreislauf zu organisieren, dann wird das Zahlungsmittel immer exotisch bleiben und letztlich das Schicksal von Eintagsfliegen teilen. Es gibt regelrecht Standortfaktoren, die über Erfolg und Misserfolg einer Initiative entscheiden: "Je vielfältiger die wirtschaftliche Ausgangssituation ist, desto besser. Wichtig ist, dass sich eine Region noch selbst versorgen kann", sagt Alternativgeldexpertin Kennedy. Daher entstehen Komplementärwährungen in Deutschland eher in ländlichen Gebieten mit diversifizierter Wirtschaft wie dem Allgäu, Chiemgau und Münsterland.

Am wichtigsten für den Erfolg der Initiativen ist aber immer noch der Endverbraucher. Mangelt es diesem schlicht am Geld, hilft auch die schönste Wirtschaftsstruktur nichts. Denn noch gilt: Kein Euro, kein Regio. Einen Ausweg aus diesem Dilemma hofft Franz Galler gefunden zu haben, Vermögensberater und Vorsitzende des Sterntaler- und Talente-Tauschrings. Galler will die Ideen der Regionalwährung und des bargeldlosen Tauschrings zusammenbringen. "Bei uns zählen auch die Fähigkeiten und Kenntnisse, die jemand hat. Dafür gibt es Zeitkonten, die sich in Sterntaler tauschen lassen. So lässt sich über Zeit Geld schöpfen", erklärt Galler. So bekommt eine Friseurin zum Beispiel für einen Haarschnitt, der eine Stunde dauert, zehn Talente auf ihrem Zeitkonto gutgeschrieben – ein Preis, den die Tauschpartner vorher frei vereinbaren und der bares Geld wert ist. Denn zehn Talente entsprechen zehn Euro. Ein Drittel des derzeit 200 Mitglieder starken Verbundes im Berchtesgadener Land sind Unternehmer. Bereits heute ist die Währung mit dem Chiemgauer austauschbar.

Noch in Planung ist das Konzept einer neuen Regionalwährung, die ab September in der Bundeshauptstadt für neues Aufsehen sorgen dürfte: der Berliner im Stadtteil Prenzlauer Berg. Auch hier geht es darum, gewachsene Strukturen – in dem Fall den Kiez – vor dem Andrang anonymer Supermarkt- und Ladenketten zu bewahren. "Letztlich sind die Probleme überall gleich. Also muss es darum gehen, noch bestehende Wirtschaftsstrukturen im eigenen Umfeld zu erhalten und zu fördern", sagt Mitinitiator und Wirtschaftsingenieur Alexander Woitas. Unterstützung bekommt er auch von unerwarteter Seite: So fließen dem Projekt als Anschubfinanzierung 10000 Euro der landeseigenen Lotto-Gesellschaft und Mittel der Investitionsbank Berlin zu, und die Bundesdruckerei bot an, fälschungssichere Berliner zu drucken.

Rechtliche Probleme sieht Inititator Woitas nicht. Komplementärwährungen gelten als Gutscheine, die nur von denen genutzt werden können, die Mitglied im Trägerverein sind. "Im Grunde ist das nichts anders als Happy Digits, Miles & More oder Rabattmarken. Nur mit dem Unterschied, dass bei uns damit auch ein gemeinnütziges Moment verbunden ist", sagt er.

Bayerngeld für den Nordseeurlaub

Auch bei der Deutschen Bundesbank sieht man das Treiben der diversen Regionalwährungen gelassen, zumindest solange aus dem Trend noch keine Massenbewegung von makroökonomischer Bedeutung geworden ist. "Nur bei einer sehr stark zunehmenden Verbreitung solcher Währungen könnte es zu einer Störung der Notenbankpolitik kommen, da eine von der Notenbank nicht autorisierte Geldschöpfung stattfindet", sagt Gerhard Rösl von der volkswirtschaftlichen Abteilung der Bundesbank. Schließlich müsse die Notenbank direkt oder indirekt die Kontrolle über die gesamte Geldschöpfung in ihrem Währungsraum besitzen, um Preisstabilität garantieren zu können. "Konsequenterweise verbietet Paragraf 35 des Gesetzes über die Deutsche Bundesbank deshalb die Ausgabe von ›Nebengeld‹, wenn dieses geeignet ist, im Zahlungsverkehr das gesetzliche Zahlungsmittel zu verdrängen", sagt Rösl. Nur die Europäische Zentralbank darf Geld drucken und es in Deutschland über das System der Bundesbank und Landeszentralbanken ausgeben.

Während die Idee der Regionalwährung Kreise zieht und derzeit beim Sozialfonds der Europäischen Union sogar geprüft wird, ob einige europäische Zweitwährungen, darunter der italienische Credito, als europäische Regionalförderung anerkannt werden, übt der Unternehmensberater Egon W. Kreutzer Kritik: "So lange es noch parallel eine reguläre Währung gibt, wird das System nicht funktionieren, denn Außenhandels- und Zahlungsbilanzprobleme sind vorprogrammiert. Chiemgauer & Co taugen allenfalls als Marketing-Gag für eine Region." Eine derartige "währungspolitische Kleinstaaterei" werde den Gegebenheiten eines hoch industrialisierten und arbeitsteiligen Landes nicht gerecht. Und würden die von Kreutzer als "Landkreis-Dukaten" verschmähten Komplementärwährungen tatsächlich einmal die gesetzliche Währung ersetzen, "würden die Systeme überfordert zusammenbrechen". Schließlich ersetze eine hohe Umlaufgeschwindigkeit noch lange nicht die Geldmenge. "Das funktioniert allenfalls mit 40 gut verdienenden Birkenstockträgern um den Kirchturm herum", polemisiert Kreutzer.